Wachstum oder Post-Wachstum ist nicht die Frage

Es kommt darauf an, der Nötigung zur sozialökologischen Rücksichtslosigkeit zu entwachsen – 10 Thesen

Von Hans-Hermann Hirschelmann, Dipl. Soziologe, Berlin

Die Thesen enstanden aus Anlass der vierten internationalen Degrowth-Konferenz  für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit vom 2.-6. September 2014 in Leipzig. Sie sind der Versuch, den Blick auf historisch-materialistische Entwicklungsbedingungen gesamtgesellschaftlicher Vernunft in die Debatte einzubringen. Eine englische Version kann als PDF-Domument  herunter geladen werden „To Grow or not to Grow is not the Question“ (PDF) (Suche noch einen Englisch Muttersprachler, der das gegenliest)

1) Sozio-ökologisch betrachtet rücksichtsloses Wachstum von Kaufkraft bzw. von im Kaufkraftmittel Geld gemessenen Reichtum gründet nicht in falschen Einstellungen. Unmenschliche Vorstellungen sind im Wesentlichen Symptome, nicht Ursache der Rücksichtslosigkeit und können deshalb nicht wesentlich durch Aufklärung und dem guten Beispiel einer Avantgarde des rücksichtsvollen Konsums korrigiert werden.

2) Die zentralen Hindernisse einer gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch hinreichend vernünftigen Organisation des füreinander Produzierens, Sorgens, Organisierens, Regelsetzens usw. sind struktureller Natur. Zwar sind die menschlichen Produktivkräfte heute zu einem Grad entwickelt, der nicht nur die Notwendigkeit evident macht, den (welt-) gesellschaftliche Fortschritt entlang umweltbewusst gesetzter Ziele zu entwickeln. Von der wissenschaftlichen oder technologischen Potenz her ist die Möglichkeit, dies zu tun, auch längst angelegt. Dennoch scheint immer noch außer Frage zu stehen, dass das moderne Leben weiterhin auf freie Konkurrenz voneinander unabhängig operierender Agenturen der privateigentümlichen Bereicherung beruhen muss. Doch solange das so ist, bestimmt der betriebsblinde Wettbewerb um die Befriedigung  sozioökologisch bornierter Privatinteressen und -bedürfnisse, was, wie, warum und für wen wachsen oder weichen soll.

3) Die historische Rationalität ( = Zweckmäßigkeit) eines Fortschritts, der von der freien Konkurrenz privateigentümlich operierender Geldvermehrungsagenturen (= Agenturen der privateigentümlichen Kaufkraftvermehrung und -konzentrierung) angetriebenen ist, zwang immer schon zu einer fatalen Verknüpfung von zivilisatorischem Fortschritt und moderner Barbarei. Das kapitalistische Zeitalter umschließt ärgste Verbrechen. Gegenwärtig scheint nichts die Globalisierung existenzbedrohender Risiken und Desaster aufhalten zu können. Das ist auch deshalb so, weil die kapitalistisch vorangepeitschte Hyperbeschleunigung der Produktion die materielle Grundlage des zivilisatorischen Fortschritts ist. Mit stets geringer werdendem Aufwand an Arbeitszeit können in Ausmaß, Vielfalt und letztlich auch Qualität stets wachsende Bedürfnisse einer immer größeren Zahl Menschen befriedigt werden. Wachstumszwang heißt auch Nötigung zum Wachstum der der modernen Weltgesellschaft  eigenen Diversifizierung, Bildung und Kultur auf die all unsere Freiheit und Demokratie aufbauen.

4) Doch während Dr. Jekylls fürsorgliche Hand eines netten Konsumkapitalismus den sozialen Fortschritt voran puscht untergräbt dessen im Verborgenen aktive Mister-Heyde-Gestalt die Grundlagen allen Lebens. Auf die Einkkaufspadariese gerichtete Spotlights verblenden die Einsicht in die ökologische Rücksichtslosigkeit des von der privateigentümlich bestimmten Konkurrenz gepuschten Fortschritts. Das wird wesentlich durch den Effekt angetrieben, dass jeder Produktivitätsgewinn unweigerlich zur monetären Entwertung führt. Dass für das gleiche Geld stets größere Mengen Waren hergestellt werden können heißt auch, dass trotz aller Effizienzgewinne im Einzelnen für den gleichen Unternehmensprofit stets mehr Ressourcen zu vernutzen sind. Ein ähnlicher Effekt tritt ein, wenn einzelne Unternehmen mittels Raubbau gesellschaftlich notwendige Reproduktionskosten sparen. Ihr Preisvorteil nötigt die Konkurrenz gleichzuziehen. Das aber macht den Raubbau gesellschaftlich notwendig. Der Extraprofit der Raubbaupioniere verdampft, weil der Preisvorteil nun an die Kundschaft weitergegeben werden muss. Der Mangel an Nachhaltigkeit eines so gepuschten Wohlstands ist fatalerweise eine sehr lange Zeit nicht spürbar Im Zeitalter der Globalisierung können aus Verbrauchersicht negative Effekte mangelnder Nachhaltigkeit ausgeglichen oder überkompensiert werden, soweit stets neue Quellen der Ausbeutung erschlossen bzw. stets effektivere Methoden ihrer Ausbeutung entwickelt werden können. Das kann aber eine – gefährlich – lange Zeit Freunde bereiten.

5) Einer realistischen Wahrnehmung der fatalen Verknüpfung von Wohl und Wehe steht die Isoliertheit der Rechtfertigungsverhältnisse kapitalistisch vergesellschafteter Menschen bzw. Institutionen entgegen. Die basalen (Re-) Produktionsbeziehungen stellen sich „hinter den Rücken der füreinander tätigen Subjekte“ her. (Marx i ) Sie erscheinen deshalb nicht als die eigenen Beziehungen sondern als Beziehungen von oder zu Sachen. ii Sie treten ihnen in der Form von „Sachzwängen“ gegenüber, d.h. als Naturgewalt.

Ein attraktiver Preis erscheint als natürliche Eigenschaft der angebotenen Ware, der ebenso natürlich gebilligt wird. Ob Preisverfall durch intelligente Innovationen hervorgerufen wurde, durch verbrecherischen Raubbau oder einer Mischung aus beidem, bleibt außerhalb des gewöhnlichen Erkenntnisinteresses. Ein Mehr an Gütern oder Leistungen erscheint uns nicht als vermehrte Leistungen fremder Mühen, als Ergebnis fortgesetzter Produktivität von Mensch und Natur oder als Ergebnis von Raubbau an Arbeitskraft und anderen Naturkräften deren Reproduktion scheinbar nicht mehr zu interessieren braucht.
Der auf der anderen Seite des Kaufaktes zu zahlende Preis sozialer bzw. ökologischer Natur, d.h. in Gestalt eines Verlustes an Gesundheit, Leben oder Zukunftsaussichten fällt außerhalb des gewöhnlichen Erkenntnisinteresses kapitalistisch vergesellschafteter Subjekte. Ist fürs gleiche Geld mehr Ware erreichbar, erscheint dies aus Konsumentensicht sogar als verbessertes Ergebnis eigener Mühen oder Ansprüche, z.B. als redlich verdiente Gehaltserhöhung oder als Erhöhung von Transfersleistungen, d.h. als ein Gewinn an sozialer Gerechtigkeit. (Siehe auch: Sind wir des Warensinns)

6) Bemühungen um staatliche Rahmensetzungen, von denen erwartet wird, das komplett „warensinnig“ gewordene Füreinander zur gesamtgesellschaftlich bzw. ökologischen Vernunft zu bringen, bleiben vom Geschäftserfolg privateigentpmlch bornierter Plusmacherei abhängig und damit letztlich auch von der Aufrechterhaltung struktureller Rücksichtslosigkeit. Das gilt etwa für Steuereinnahmen oder die Abhängigkeit politischer Akteure von den Wählerstimmen derer, deren kapitalistischer Alltag die verkehrten Vorstellungen über Recht und Billigkeiten unwillkürlich und stets aufs Neue hervorbringt.

7) Die historische Möglichkeit, der strukturell verankerten und insofern unverschuldeten Unmündigkeit zu entwachsen, ist nicht voraussetzungslos. Die entsprechenden Fähigkeiten und Bedürfnisse können in der dafür notwendigen Ausdehnung und Qualität nicht einfach herbeigewünscht werden. Sie müssen heranwachsen. Es müssen Erfolge organisiert und gemacht, dabei Erfahrenes verarbeitet, die Erfolge (auch staatlich bzw. zwischenstaatlich) institutionalisiert werden. Da Fortschritte nur innerhalb oder auf Grundlage der gegenwärtigen Strukturzwänge (= Behauptungsbedingungen) erreicht werden können, ist das in die richtige Richtung Gehende bzw. Entwickelbare notwendigerweise unvollkommen und widersprüchlich.

8) Die subjektiven Voraussetzungen der historischen Möglichkeit einer sozialökologisch hinreichend verantwortungsbewussten (und entsprechend zweckgerechten) Steuerung des Wachsens und Weichens dieser oder jener Mittel der menschlichen Bedürfnisbefriedigung wachsen mit Erfolgen (Erfolgsaussichten oder Bemühungen um Verbesserung der Erfolgsaussichten) entsprechender Anstrengungen. Dabei verändern sich allmählich die von den alten Verhältnissen begrenzten Zielsetzungen, Kenntnissen oder Reichweiten und damit  die Möglichkeiten, historische Herausforderungen zu erkennen und sie als persönliche Herausforderung anzunehmen. (Insbesondere letzteres verlangt unweigerlich, das Wachstum  von Entwicklungsgerechtigkeit ins Zentrum der Bemühungen zu rücken.)

9) Überhistorisch gültige Fortschrittsindikatoren sind notwendige Mittel der Ausrichtung und Überprüfung historisch beschränkter und auch nur beschränkt vernünftig deutbarer Entwicklungsprozesse, auch wenn deren Bestimmung  dessen, was sozialer Fortschritt sein soll stets nur entsprechend der jeweiligen historischen Möglichkeiten geleistet werden kann, die es immer auch zu verbessern gilt. Sie können auch nur aus sehr allgemeinen Zielsetzungen abgeleitet werden, wie dass die weltweit für und voneinander tätigen bzw. lebenden Menschen und Institutionen, einander befähigen können sollten, sich  die sozialökologischen Implikationen ihres Tätigseins durch den Kopf gehen zu lassen und  dafür am Ende auch – voreinander – gerade stehen zu können. Das verlangt logisch ein Füreinander zu etablieren, das auf Grundlage eines – am Ende weltgemeinschaftlichen Ressourcen- bzw. Nachhaltigkeitsmanagements funktioniert..

10) Es ist keine fixe Idee, die Notwendigkeit und prinzipielle Möglichkeit der Etablierung eines menschlichen Füreinanders zu behaupten, das auf Grundlage eines  – am Ende weltgemeinschaftlichen – Nachhaltigkeitsmanagements funktioniert. Der Gedanke, dass die Völker sich letztendlich selbst in die Lage versetzten können müssen, wirklich gemeinsam darüber zu entscheiden, wo, wie, in welcher Geschwindigkeit, für wen usw. was  genau wachsen oder weichen soll wurzelt in der Einsicht der Notwendigkeit, die unterschiedlichen menschlichen Fähigkeiten UND Bedürfnisse der weltweit längst vernetzt für- und voneinander tätigen bzw. lebenden Menschen in einer sozioökologisch vernünftigen Weise mit den dafür aufzubringenden (globalen) Kosten ins Benehmen zu setzen.

Die Erkenntnis dieser Notwendigkeit folgt aber keiner abstrakten Logik. Sie wurzelt in den stets besser verstandenen und auch schmerzlich erlebten Kehrseiten der heutige Fähigkeiten, Ressourcen zu erschließen und zu vernutzen bei gleichzeitiger Unfähigkeit,  die damit einhergehenden Menschheitsprobleme in den Griff zu bekommen.  Es ist aber von höchster Bedeutung zu verstehen, dass der Nochnichtort (die Utopie) einer mittels weltgemeinschaftlichem Nachhaltigkeitsmanagement vereinigten Menschheit tatsächlich noch zu entwickeln ist, d.h. noch keine bestehende Alternative darstellt, die wie eine Ware oder politsche Partei nur guter Werbung bedarf um im hinreichenden (aus-) gewählt zu werden . Das aus anti-kapitalistischen Parallelwelten heraus hallende Gelächter über grünen Reformismus ist kontraproduktiv.Richtig ist, dass sich ohne den Weltgemeinschafts-Fixpunkt alles in Richtung einer „nachhaltigen Entwicklung“ gehende letztlich im hoffnungslosen Abstrampeln für ein richtiges Leben im falschen verlieren müsste. Aber die Utopie ist tatsächlich eine und deshalb keine bereits wählbare Alternative. Als tatsächliche gangbare (und guten Gewissens vertretbare) Alternative kann sich sich nur aus dem gegenwärtigen Abstrampeln heraus entwickeln. Es muss also nach Anknüpfungspunkten der Entwicklung in der Tendenz weltgemeinschaftlicher Entscheidungskompetenz gefahndet und in Richtung eines sozioökologisch vernünftigen Abbaus ökologischer Großrisiken weiterentwickelt werden.

Aufmerksamkeit verdient z.B. der von den Vereinten Nationen organisierte Prozess der  Entwicklung von Nachhaltigkeitszielen iii . Steuern und Abgaben (auch Zölle) auf Umweltverbrauch iv können den Konkurrenzvorteil des Raubbaus entgegen wirken und Umbauprogramme zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele finanzieren. Doughnut-Economics  zeigen, wie ein Bereich unbedenklichen Genusses oberhalb sozialer Mindestnachhaltigkeitsstandards und unterhalb einer Nachhaltigkeitsgrenze (oberhalb der der ökologischer  Raubbau beginnt), definiert werden kann. Wissenschaft,  Verbände und Aktionsgruppe sind herausgefordert, Qualitäten dieses „Doughnuts“ auch  unabhängig von politischen Rücksichtsnahmen bzw. (welt-) gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen zu bestimmen bzw. Überlegungen anzustellen, wie eine weltgemeinschaftliche  Nachhatigkeitsbäckerei ausehen und schließlich auch etabliert werden könnte.

i Marx, das Kapital, MEW 23, 59, vgl. ebd, 121
ii Vgl. Marx über den Fetischcharakter der Ware in ebd., 86 ff
iii Vgl. UN-Milleniumsentwicklungsziele http://www.un-kampagne.de (29.3.14)
iv Vgl. Wikipedia Umweltsteuer http://de.wikipedia.org/wiki/Umweltsteuer (29.3.14)
v Vgl. Kate Raworth exploring doughnut economics http://www.kateraworth.com/ (29.3.14)
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3 Responses to Wachstum oder Post-Wachstum ist nicht die Frage

  1. Einem leichteren Verständnis wegen habe ich heute insbesondere die 10. These noch einmal überarbeitet. Kritische Anmerkungen bzw. Hinweise sind insbesondere auch zur englischen Version gern gesehen (fühle mich da noch etwas wacklig).

  2. Hat dies auf Forum Politik rebloggt und kommentierte:
    Post-Wachstum

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