Die Produktions- und Austauschformen passen nicht mehr zur Produktivkraftentwicklung. Die darauf nicht zugeschnittene alte Gesellschaftsordnung wird zum Problem

4. März 2009

Friedriich Engels

Die erwachende Einsicht, daß die bestehenden gesellschaftlichen Einrichtungen unvernünftig und ungerecht sind, daß Vernunft Unsinn, Wohltat Plage geworden, ist nur ein Anzeichen davon, daß in den Produktionsmethoden und Austauschformen in aller Stille Veränderungen vor sich gegangen sind, zu denen die auf frühere ökonomische Bedingungen zugeschnittne gesellschaftliche Ordnung nicht mehr stimmt.

Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft,

MEW Bd. 19, S. 210

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In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte (Maschinerie, Geld)…

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. MEW Bd. 3,  S. 69

Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten.

Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.

Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW Bd. 13, S. 8-9

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Ordnung, Freiheit, Kommunismus! (1/2)

8. August 2017

Von der (Un-) Ordnung kapitalistischer Freiheiten zur Freiheitsordnung eines (öko-) humanistisch bestimmten Kommunismus zu gelangen, verlangt die Freiheit, einen geordneten Übergang zu denken und mit Bedacht anzugehen.

Der Transformationsexperte Michael Brie hatte einen Abend der gegenwärtigen Veranstaltungsreihe der Your Fixe Initiative gestaltet. Die Reihe ist verschiedenen Facetten des „Antikommunismus“ gewidmet. (Siehe meine Reflexionen über Anti-Anti-Kommunismus?). Fragen des Brie-Abends waren, inwieweit der als Vater des Konservativismus gesehene Edmund Burke,  als Ideengeber des gegenwärtigen Rechtspopulismus fungiert (Stephen Bannon soll ein eifriger Burke Leser sein), und was Linke bzw. Soziaist*innen von Burkes Gedanken über Ordnung und Freiheit lernen könnten.

Im Ankündigungstext heißt es::

Burkes Schrift will das Konzept einer Ordnung großer bürgerlicher und politischer Ungleichheit mit der Idee der Freiheit versöhnen. Bis heute muss sich die Linke an den von Burke gestellten Herausforderungen messen lassen, oder sie wird wieder für zu leicht befunden werden.

Die vom Referenten hervorgehobene Punkte waren Burkes Erschrecken über die in der Französischen Revolution erlebte „Frechheit“ des Volkes, sich der als  gottgegeben  vorgestellten Ordnung zu widersetzten, einfach die Nationalgarde zu überrennen, das Königspaar Marie Antoinette  und Ludwig den VI  nach Paris zu beordern usw. usf. und die für den modernen Konservativismus paradigmatischen Schlüsse, die er aus dem Ereignissen zog.  Für Burke führten die mit der französischen Revolution proklamierte Einheit von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zur ochlokratischen Ordnung (Herrschaft des Pöbels), die, gelänge es nicht, ihr erfolgreich entgegen zu treten, die Grundfeste aller natürlichen Ordnung zerstören würde, nämlich das Eigentum. Ordnung und Recht müssten deshalb stets vor Freiheit der Masse gehen bzw. müsse Freiheit stets von einer Ordnung eingehegt werden, die keine egalitäre Ordnung sein kann, sondern nur eine, in der eine dazu qualifizierte Elite aus Eigentümer und  Angehörige einer Bildungselite das Sagen habe.

Was die Linken bzw. Sozialist*innen von Burkes lernen könnten, bzw. worin genau die von ihnen zu bestehende „Herausforderung“ bestünde, wurde nicht wirklich klar. Brie wies darauf hin, dass „Freiheit“ ein von der sozialistischen Linken bisher vernachlässigtes Ideal gewesen sei. Dem widersprachen andere mit dem Hinweis, dass „Freiheit“ für die sich nach Ende der 1960er Jahre im Westen  formierende neue Linke im Gegenteil die alles bestimmende Leitidee war bzw. noch ist. Der  Referent gestand dies ein und ergänzte, dass der Anarchismus schließlich auch Teil der sozialistischen Linken sei.

Mein Problem: Stehen solcherart unbestimmte „Freiheit“ gegen eine ebenso unbestimmte „Ordnung“ (bzw. ebenso unbestimmte Staatlichkeit), verlieren sich Fragen nach Voraussetzungen, Charakter und Formen eines erfolgreichen Übergangs zu einer (öko-) kommunistisch bestimmten Ordnung des globalen Produktionsgeschehens (und welche Freiheiten oder Notwendigkeit das unter welchen Umständen für wen bedeuteten bzw. möglich machen soll).

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Anti-Anti-Kommunismus?

9. Februar 2017

Leider hatte ich den Vortrag von Michael Koltan über „Liberalismus als antikommunistische Ideologie“ mit dem die „Jour Fixe Initiative“ ihren Zyklus zum Themenkomplex „Anti! Kommunismus“ begann, verpasst und die Wahrnehmung des zweiten Termins fiel meinem sonntäglichen  Erholungsbedürfnisses zum Opfer. Das Thema ist mir wichtig, und den Veranstaltern ist ein differenziertes Herangehen zuzutrauen. Von einer Auseinandersetzung mit den dort vorgetragenen Position verspreche ich mir Fortschritte mit der eigenen Positionsfindung in der Sache. Da die Initiative den Vortrag nicht zum Download bereit hält, halte ich mich erst einmal an den generellen Einladungstext für die Vortragsreihe.

Millionen waren es weltweit, die sich Kommunisten nannten, Militante, Parteimitglieder, Wähler oder Gesinnungsfreunde. Heute sind die meisten von ihnen verstummt und ihre Geschichte ist aus dem Gedächtnis gelöscht. Es gibt keinen Kommunismus mehr, der Antikommunismus aber wütet noch immer und zwar nicht als rationales Konzept sondern als Schimpfwort und nicht als Sache sondern als Aggression. Warum das alles? Ist dieser hohle Antikommunismus nicht vielleicht Angst? Warum hat man Angst? Und wovor?

Aus: Vittorio Foa, Miriam Mafai, Alfredo Reichlin, „Il silenzio dei comunisti“, übersetzt von Eberhard Spreng und Francesca Spinazzi.

Richtet sich das tatsächlich gegen „Antikommunismus“ als Schimpfwort? Oder ist das ein Versehen, und das gemeinte Schimpfwort ist die antikommunistische Schmähung alles „Kommunistischen“? Tatsächlich gäbe es gute Gründe gegen die Verwendung des Begriffs „Antikommunismus“ als Schimpfwort. Es ist tendenziell wissenschaftsfeindlich und allein deshalb nicht sehr kommunistisch. In meinem Verständnis besteht das Kommunistische nicht zuletzt in der Kunst der Wahrnehmung (und gegebenenfalls Herstellung und emanzipationsproduktiven Verarbeitung) gerade versteckter Dispositive der Entwicklung kommunistisch bestimmter Interaktionsbedingungen. Und wer  ernsthaft über deren Notwendigkeit, Möglichkeit und möglichen bzw. notwendigen Gestalt nachdenkt, sollte es nicht wundern, sie auch in bestimmten Formen des Antikommunismus zu entdecken, dass also ein erklärter, d.h. subjektiv als solcher gesehener „Anti-Kommunismus“ eben auch Kommunismuspotenzial enthalten kann.

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The Return of Engels

2. Dezember 2016

John Bellamy Foster  gegen den Anti-Engels Kult im so genannten „Westlichen Marxismus“ . Prima!

https://www.jacobinmag.com/2016/11/engels-marx-ecology-climate-crisis-materialism/

engels

Engels liefert  in vieler Hinsicht eine große Inspiration für modernen (Öko-) Kommunismus

„Auch die materialistische Geschichtsauffassung hat deren heute eine Menge, denen sie als Vorwand dient, Geschichte nicht zu studieren.Ganz wie Marx von den französischen „Marxisten“der letzten 70er Jahre sagte:

„Tout ce que je sais, c’est que je ne suis pas Marxiste.“1

Da ist auch in der „Volks-Trib[üne]“ eine Diskussion gewesen über die Verteilung der Produkte in der künftigen Gesellschaft, ob das nach dem Arbeitsquantum geschieht oder anders.

Man hat die Sache auch sehr „materialistisch“ angefaßt gegen gewisse idealistische Gerechtigkeitsredensarten. Aber sonderbarerweise ist es niemandem eingefallen, daß der Veteilungsmodus doch wesentlich davon abhängt, wieviel zu verteilen ist, und daß dies doch wohl mit den Fortschritten der Produktion und gesellschaftlichen Organisation sich ändert, also auch wohl der Verteilungsmodus sich ändern dürfte.

Aber bei allen Beteiligten erscheint die „sozialistische Gesellschaft“ nicht als ein fortwährend in Veränderung und Fortschritt begriffenes, sondern als ein stabiles, ein für allemal fixiertes Ding, das also auch einen ein für allemal fixierten Verteilungsmodus haben soll.

Vernünftigerweise aber kann man doch nur versuchen, den Verteilungsmodus zu entdecken, mit dem angefangen wird, und suchen, die allgemeine Tendenz zu finden, worin sich die Weiterentwicklung bewegt. Davon aber finde ich kein Wort in der ganzen Debatte.

1.) Alles was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin

Engels: MEW, Band 37, Seite 436

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Was kann das „trumputinistische“ Projekt einer Entzivilisierung des Kapitalismus stoppen?

11. November 2016

Ein aggressiv nationalchauvinistischer, und familienpolitisch reaktionärer Populismus geht um. Über die „sozialen Medien“ drängt Verachtung alles Mitmenschlichen in den öffentlichen Raum und nährt die Vorstellung, Demokratie sei das Recht einer entfesselten Meute, Repräsentanten und Verteidiger der Demokratie öffentlich den Tod an den Hals zu wünschen. Der sich mit unschuldigem Augenaufschlag als volksnaher Sorgenentsorger ausgebende Rechtspopulismus bietet Anknüpfungspunkte zum Hitlerismus, was aber nicht heißt, dass seine sich gegenwärtige herausbildende Gestalt eines trumputinistisch-republikanischen Mischwesens nicht bedrückend genug ist. Wir erleben derzeit, wie sich eine von Putins feudal-kapitalistischer Lügenrepublik gepuschte Internationale des Anti-Liberalismus anschickt, einmal wieder mit dem Projekt Weltgeschichte zu schreiben, den Kapitalismus von seinem zivilisatorischen Schnickschnack zu befreien.

Spätestens nach der Wahl Donald Trumps zum US Präsidenten muss man der Gefahr ins Auge sehen, dass die weltweite Entzivilisierung des Kapitalismus forciert wird und sehr schnell zu einem Grad voran schreiten könnte, ab dem alles Mitmenschliche, Vernünftige, Demokratische, Rücksichts-, Sorgen-, Liebe- und Lustvolle, kreativ Fantastische, alle wissenschaftliche Neugierde und Experimentierfreudigkeit, das stille Vergnügen an der Erkenntnisgewinnung und über Sachlichkeit garantierenden Regeln in einen sich selbst verstärkenden Sog der Entzivilisierung gerät. Gleich dem wilden Tanz eines stramm aufgeblasenen und urplötzlich sich selbst überlassenen Luftballons könnten dann die zunehmend entfesselten Triebkräfte der privateigentümlichen Vergesellschaftung ein letztes Mal furios über sich hinaus schießen – um am Ende als nutzlose Hülle um ein Nichts ins Bodenlose zu fallen. Die Aussicht auf ein solches Ende der menschlichen Kulturgeschichte ist alles andere als ein Grund zur Vorfreude. Sozialismus, verstanden als Übergang zu einem (welt-) gesellschaftlichen Für- und Voneinander, das auf Basis „öko-kommunistischer“ (Re-) Produktionsbeziehungen funktioniert, braucht die Luft zum Atmen, die gegenwärtig in der Tat nur ein halbwegs zivilisierter Kapitalismus mit leidlich demokratischer Verfasstheit und Menschenrechten garantieren kann. Und der (sozialistische) Übergang ins Zeitalter ökologisch reflektierter Mitmenschlichkeit braucht einen besonders langen Atem.

Was heißt das für mein öffentliches Nachdenken über Notwendigkeit, Möglichkeit, Gestalt und Vernunft einer an Marx/Engels (öko-) kommunistischen Humanismus (bzw. ökohumanistischen Kommunismus) anknüpfenden Transformationsperspektive?

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Reflexionen zu Axel Honneths Idee des Sozialismus (3)

25. Oktober 2016

Siehe auch Teil EINS und Teil ZWEI der Reflexionen über Axel Honneths Bemühungen um eine Neubestimmung der „Sozialistischen Idee“ Dieser Teil dürfte auch eine Weile nachreifen. Es wird hin und wieder durch zusätzliche Anmerkungen, Zitaten und Quellen ergänzt werden. Teil 4 folgt demnächst

„Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. (…) Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn.“

Marx: Das Kapital, MEW Bd. 25, S. 828.

In seiner Reflexion über den Stellenwert des Begriffs Freiheit im frühsozialistischen Ideenhimmel beginnt Honneth sich ab etwa Seite 45/46, an Marx Kommunismus heran zu tasten bzw. zu dem, was er dafür hält..

Er bemerkt, dass …

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Zu Axel Honneths Idee des Sozialismus (2)

4. Oktober 2016

Im ersten Teil meiner Auseinandersetzung mit Axel Honneths Bemühung, durch die von ihm vorgeschlagene Neubestimmung der ’sozialistischen Idee‘ „nachzuweisen, dass im Sozialismus durchaus noch ein lebendiger Funken steckt“ (1)  hatte ich dargelegt, warum ich es für keine gute Idee des Philosophen halte, dass er die mögliche Bedeutung der historischen Erfahrungen mit der wenig rühmlichen Realität bisheriger Sozialismusversuche aus seinen Überlegungen ganz ausklammert. Das Gleiche ließe sich zum Fehlen sämtlicher Bezüge zu konkreten gesellschaftlichen Widersprüchen, Ansätzen, Bewegungen der Gegenwart sagen oder zu aktuellen Debatten innerhalb des im weitesten Sinne „marxistischen“ Spektrums. Auf keine der ca. 150 Seiten seiner Ausführungen gibt es auch nur eine Andeutung, dass Ökologie eine Rolle spielen könnte oder sollte.

Der Angesprochene würde vielleicht mit der Forderung kontern, seinem Versuch doch bitte mit hermeneutischem Wohlwollen‘ zu begegnen, sprich, zu akzeptieren, dass sich seine skizzenhaften  Überlegungen auf einem notwendig hohen Abstraktionsniveau bewegen und es darauf ankäme, das in seinen Gedanken steckende Potenzial herauszuarbeiten, es eigenständig weiter zu denken und produktiv zu nutzen.

Also gut: Für Honneth hat die Idee des Sozialismus eine eigene Geschichte, deren moderne Periode damit begann, dass…

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Facing the Anthropocene

3. Oktober 2016

Die Fortsetzung meiner Auseinandersetzung mit Axel Honneths Versuch einer Neubestimmung der „Idee des Sozialismus“ als eine Art Weiterentwicklung von Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit hat mich an einen Punkt geführt, wo mir eine grundsätzliche Reflexion über Freiheit und Gleichheit als Konstruktionsbedingungen kapitalistischer Interaktionszwänge angebracht schien, und daran werde  ich wohl noch etwas laborieren.

Die hier eingetretene Stille ist also nur vorübergehen. Sie soll auch für einen Moment unterbrochen werden durch die Wiedergabe dieses Vortrags von Ian Angus.

Habe den Vortrag  inzwischen  auch life gehört, im Rahmen einer Konferenz über Marx and Nature.

Die Konferenz kann hier nachvollzogen werden.

Day school: Marxism and Nature

Werde mich demnächst hier mit einigen Aspekten auseinandersetzen (deutsch und englisch)

Der Eröffnungsvortrag: