Einmal wieder ein Lichtblick: Kate Raworth‘ Doughnut Economics

Im Rahmen ihrer Reihe Green Lectures hatte die Heinrich Böll Stiftung die britische Forscherin Kate Raworth zu Gast in Berlin. Ich hatte das Vergnügen, ihrem Vortrag zu lauschen. Das von Raworth vertetene Konzept der Doughnut Economics  ist wohl neben den Ökomarxistischen Reflexionen in der Monthly Revue, den schon vor einiger Zeit entdeckten Texten des Prager Frühlings sowie Elenor Ostroms Forschung zu den Commons, eines der Meilensteine sozialer Emanzipationswissenschaft über die zu stolpern ich gern weiterempfehlen möchte.

Für eine umfassende Wertung sind meine Eindrücke noch zu frisch und unvertieft. Ich sehe auch  erst einmal weniger ein ganz neues Konzept als eine geniale Visualisierung nachhaltiger Entwicklung bzw. deren systematische Weiterentwicklung in Richtung eines Miteinanders, das auf Grundlage eines – am Ende weltgemeinschaftlichen – Nachhaltigkeitsmanagements funktioniert.

Der seltsame Name Doughnut Economics ist der Doughnuts-Gestalt der Visualisierung geschuldet, nämlich der Gestalt des frittierten Ölkringel-Gebäcks gleichen Namens. Um den äußeren Kreis  des „Kringels“ sind Bereiche für ökologische  Ziele bzw. Grenzen ökonomischen Handelns gruppiert, um den inneren Kreis Bereiche für soziale Ziele bzw. Grenzen ökonomischen Handelns. Für die Wirtschaftswissenschaft sieht Raworth darin einen ähnlichen, das gesamte Weltbild einer Zeit erschütternden Paradigmenwechsel im Gange wie es die Erkenntnis des um die Sonne kreisenden Planetensystems für die Astonomie war.

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Die alte “Mainstremökonomie” würde noch davon ausgehen, dass sich die wirtschaftliche “Sonne um die Erde drehe”, sprich, dass die sozialen bzw. ökologischen Kraftquellen sich um die fraglos wachsenden menschlichen Bedürfnisse bzw. Kaufkraft (des Kapitals und deren Kunden) zu drehen haben. Bei den Doughnuts Economics würden aber die sozialen und ökologischen Kraftquellen auf Umlaufbahn gehalten, die an die Erfordernissen einer sozio-ökologisch nachhaltigen Bedürfnisbefriedigung angepasst sind und das Wachstum der Bedürfnisse bzw. Kaufkraft ist das, was an diese „Umlaufbahnen “ anzupassen wäre.

Das provozierte denn auch die kritische Frage aus dem Publikum, ob das denn überhaupt noch Ökonomie genannt werden kann. In der Tat sehe ich auch eher die Vision einer Doughnut-Ökologie als politisch gesetzter Rahmen produktiven Handels, dem Ökonomie (im Sinne einer Wissenschaft bzw. Kunst der Erzielung eines größtmöglichen Produktionsgewinns bei größtmöglicher Ersparnis von Zeit -und  Materialressourcen) untergeordnet wäre.

Andere Einwände, wie dass dies doch wohl eher ein „westliches“ Konzept sei (schließlich seien Doughnuts  amerikanisch!) halte ich  für eine eher regressive Abwehr bzw. ein ängstliches Festhaten am Gewohnten (der beruhgenden Beschränkung des eigenen Horizonts).  Auch die geäußerte Kritik, dass das Konzept  die ökonomische Macht der Konzerne nicht thematisiere, halte ich für wenig stichhaltig.  Die Vision kann erst einmal „nur“ eine grundlegende Orientierung liefern oder stärken. Welche Hemmnisse einem sozial- bzw. ökologisch rationalen Ressourcenmanagement als Basis des globalen Füreinanders entgegenstehen werden und wie die am Ende aus dem Weg zu schaffen wären, müssen wir sehen.  Diese Aufgabe muss sich schon ein/e jede/r selbst stellen.

Positiv an Rawoths Herangehen ist in meinen Augen ihre Suche nach einer VERBINDUNG von Vision und bestehenden bzw. sich untergründig entwickelnden  gesellschaftlichen Verhältnissen. Während ein Gutteil linker Kapitalismusgegner Rio + 20 zum Anlass nahm an dem dort zur Diskussion stehenden Konzept einer Green Economy herumzumäkeln, arbeitete Rawoth mehrere Hunderte Seiten UN-Dokumente durch, die eine Ergänzung der Millenium-Deveopement Goals mit Nachhaltigkeitszielen (die sich vor allem auch an die kapitalstarken Industrie- bzw. Nachfragemächte richten) vorbereiten sollten, um daraus die Bereiche für die Bestimmung der sozialen Ziele bzw. Grenzen des Wachstums zu destillieren.

Und in der Fähigkeit die (welt-)gesellschaftliche Definition von Zielen und Grenzen voranzubringen liegt wohl auch das große Potenzial der Doughnut Economics.

Wir werden es sehen – oder besser: mitgestalten.

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2 Responses to Einmal wieder ein Lichtblick: Kate Raworth‘ Doughnut Economics

  1. hhirschel sagt:

    Nachtrag: Das Geniale an Kate Raworths Doughnut-Visualisierung der Perspektive eines wirtschaftlichen Handelns in den Grenzen eines Nachhaltigkeitsmanagements (lokal, regional, überregional und global) ist unter anderen, wie dabei der Bereich abgezirkelt ist, der lustvoll und nach Belieben verschmaust werden kann.

    Nach unten bzw. innen durch ein MINDESTMASS an Realisierung sozialer Ziele und nach oben bzw. außen durch ein HÖCHSTMASS an zulässiger Belastung der Naturumwelt.

  2. […] soziale Standards usw. (mit dem unbeschwert genießbaren Bereich innerhalb des ökohumanistischen Dougnuts) ins Benehmen zu bringen sind.  Rubens Marxismus geht  […]

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