Sind die Begriffe „Selbstbestimmung“ und „Freiheit“ die neuen Götter, und sollten die nicht besser entzaubert werden?

15. August 2012

„Man muss, wenn von Freiheit gesprochen wird, immer wohl achtgeben, ob es nicht Privat­interessen sind, von denen gesprochen wird.“

(Hegel)

Die Helle Panke hatte zum Austausch über „Historischen Materialismus und/oder Geschichtsphilosophie?“  geladen. Und ich war mehr her- als hingerissen. Hingerissen wegen der zu erwartenen Anregungen und Hinweise für mich  philosophiegeschichtlich bildungsfernen Menschen, den nichts desto trotz die Frage nach dem Potenzial einer explizit (öko-)humanistischen Perspektive des historschen Materialismus á la Marx umtreibt, (gerade im Hinblick auf – in Widerspruch zur alten Ordnung geratenen – Prodktivkräften und welche Rolle dabei Philosohie und Wissenschaft jeweils spielen – sollten). Hergerissen weil mich philosophische Diskurse doch oft sehr nerven.

Das gilt insbesondere für das Hantieren mit Begriffen von diesem und jenem, die als Fetisch funktionierenden sobald sie  vom jeweiligen Kontext lösgelöst benutzt werden. Und sodann als ideologische Fixterne erstrahlen, die Orientierung versprechen. Freiheit und Selbstbestimmung sind z.B. solche Begriffe. Als mit eigenem Geist beseelt vorgestellte fixe Ideen steigen sie zu neuen Göttern auf, deren Macht es gegebenenfalls zu maximieren gilt. Gewiss eine unendliche Quelle der Inspiration. Aber als solche auch der (Selbst-)Suggestion mit relegiös anmutenden Weihen. Den Rest des Beitrags lesen »

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Die Produktions- und Austauschformen passen nicht mehr zur Produktivkraftentwicklung. Die darauf nicht zugeschnittene alte Gesellschaftsordnung wird zum Problem

4. März 2009

Friedriich Engels

Die erwachende Einsicht, daß die bestehenden gesellschaftlichen Einrichtungen unvernünftig und ungerecht sind, daß Vernunft Unsinn, Wohltat Plage geworden, ist nur ein Anzeichen davon, daß in den Produktionsmethoden und Austauschformen in aller Stille Veränderungen vor sich gegangen sind, zu denen die auf frühere ökonomische Bedingungen zugeschnittne gesellschaftliche Ordnung nicht mehr stimmt.

Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft,

MEW Bd. 19, S. 210

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In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte (Maschinerie, Geld)…

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. MEW Bd. 3,  S. 69

Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten.

Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.

Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW Bd. 13, S. 8-9

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Zu K.H.Tjadens Empfehlung, die Finger vom Begriff »Produktivkraftentwicklung« zu lassen

30. September 2008

cropped-marxbah.jpg In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. MEW Bd. 3,  S. 69

Diese »Entfremdung«, um den Philosophen verständlich zu bleiben, kann natürlich nur unter zwei praktischen Voraussetzungen aufgehoben werden. Damit sie eine »unerträgliche« Macht werde, d.h. eine Macht, gegen die man revolutioniert, dazu gehört, daß sie die Masse der Menschheit als durchaus »Eigentumslos« erzeugt hat und zugleich im Widerspruch zu einer vorhandenen Welt des Reichtums und der Bildung, was beides eine große Steigerung der Produktivkraft, einen hohen Grad ihrer Entwicklung voraussetzt- und andrerseits ist diese Entwicklung der Produktivkräfte (…)  auch deswegen eine absolut notwendige praktische Voraussetzung, weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müßte, weil ferner nur mit dieser universellen Entwicklung der Produktivkräfte ein universeller Verkehr der Menschen gesetzt ist, daher einerseits das Phänomen der »Eigentumslosen« Masse in allen Völkern gleichzeitig erzeugt (allgemeine Konkurrenz), jedes derselben von den Umwälzungen der anderen abhängig macht, und endlich weltgeschichtliche, empirisch universelle Individuen an die Stelle der lokalen gesetzt hat.

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 34-35

„Im 20. Jahrhundert war Wachstum das Hauptziel der meisten Regierungen und ihrer Wirtschaftsberater geworden: steigende Einkommen trugen dazu bei, viele Menschen aus der Armut zu erlösen. (…) Dieses Wirtschaftsmodell hatte lange Zeit Bestand, aber es wird das 21. Jahrhundert nicht überleben. In einer globalisierten Welt kann materielles Wachstum nicht unendlich andauern, und wenn dieses Wachstum so exorbitant ist, und Riesenländer wie China und Indien einschließt, dann können diese Grenzen sehr schnell erreicht und überschritten werden, mit Folgen, die selbst die größten Wissenschaftler kaum vorherzusagen vermögen. Die ökologischen Systeme, die die Weltwirtschaft stützen, sind außergewöhnlichen Belastungen ausgesetzt: von sinkenden Wasserspiegeln über steigende Ölpreise bis hin zu zusammenbrechenden Fischgründen. Wirtschaftswissenschaftler, die bisher glaubten, die Welt der Ökonomie so betrachten zu können, als habe sie mit der physischen nichts zu tun, könnten es in den nächsten Jahren schwer haben, Arbeit zu finden.“

Chistopher Flavin, Präsident des Worldwatch Institute in Washington

Ob Marx/Engels eine in sich geschlossene Theorie sozialer Emanzipation aufgestellt hatten, sei dahin gestellt. Vieles aus dem Marx-Engelschen Fundus ist zu Lebzeiten unveröffentlichtes Material, teilweise ausdrücklich dem eigenen Selbstverständnis gewidmet und gilt vielen als von späteren Ausführungen überholt. Doch enthält auch das Vorwärtstasten in den Grenzen des – auch in Marx persönlicher Entwicklung – geschichtlich Denkbaren eine Fülle von Denkanstößen und Ansätzen, die für eine Theorie (wie und warum sie geht oder gehen könnte) bzw. Philosophie (wie und warum sie geht bzw. gehen sollte) menschlicher Emanzipation eine – vielleicht unverzichtbare – Bereicherung bedeuten könnte. Eine Periodisierung der MEW in einen frühen „philosophischen“ und späten „wissenschaftlichen“ Marx, (manches Mal gar mit einer Exkommunikation von Engels verbunden), mag wissenschaftsgeschichtlich angebracht und für die Bewertung der MEW erkenntnisträchtig sein (Ich habe da meine Zweifel). Doch wenn für das Verständnis der Marx/Engelschen Befreiungsperspektive so zentrale Zusammenhänge wie die – mittels Produktivkraftentwicklung möglich und notwendig werdende – Aufhebungvon Entfremdung (von den Voraussetzungen, Mitteln und Zwecken der Arbeit) im sozialen Prozess des  „Sich-zu-eigen-Machens“ der Produktionsbedingungen (der Umwälzung der nicht mehr zu verantworteten Produktionsverhältnisse) nicht einmal erörterbar ist, weil das dazu notwendige Vokabular gemieden wird wie der Teufel das Weihwasser, wird es schräg. So erklärte der ehernwerte Ökosoziologe Karl HermannTjaden jüngt „Produktivkräfte“ bzw. „Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen“ zu zwei von drei „marxistischen Begriffen, von denen man besser die Finger lassen sollte:

Der Begriff „Produktivkräfte“ wird bei Marx des öfteren als nahezu gleichbedeutend mit dem Begriff „Produktivkraft der Arbeit“ (den er klar als Aufwand-Ergebnis-Relation begreift, vgl. MEGA² II/8, 77f) gebraucht, ist aber im Unterschied zu letzterem ein schillerndes Allerweltswort, das zu verdinglichendem Gebrauch zu reizen scheint, der wiederum zu fatalen Fehleinschätzungen der Bedeutung der Arbeitsmittel für die Entwicklung der Arbeitsproduktivität geführt hat. Benannt wurden in der Marx-Nachfolge damit (aktuelle oder potentielle) Produktionselemente und Produktionskontexte der verschiedensten Art, beispielsweise, ja nach Gusto des Autors, die Arbeitskräfte, -mittel und -gegenstände, die Bildung, die Wissenschaft und die Technik, die gesamtwirtschaftliche Organisation der Produktion und selbst das Wirken der „sozialistischen Staatengemeinschaft“. Es ist nur selten (so von Autoren in der DDR) darauf hingewiesen worden, daß es sich bei solchen Momenten der Produktion (selbst bei den umgangssprachlich so genannten Arbeitskräften) nicht um Kräfte handelt, und vor allem, daß sie allenfalls zusammengefaßt, als in die Arbeitstätigkeit einbezogene, eine Produktivkraft der Arbeit begründen, welche ein Wirkungsverhältnis ausdrückt, das erst im Kontext konkreter Beziehungen zwischen tätigen Menschen und außermenschlicher Naturumwelt ganz begriffen werden kann.

Na wunderbar!  Man entkommt der Entfremdung nicht dadurch, dass man sie nicht einmal ignoriert. Tjadens Erkenntnis, dass die Bedeutung von Produktivkraftentwicklung für die soziale Entwicklung nur „aus dem Kontext konkreter Beziehungen zwischen tätigen Menschen und außermenschlicher Naturumwelt ganz begriffen werden kann“ (sehr richtig!) zieht nun nicht die Fragen nach diesem oder jenem Kontext nach sich in dem Produktivkraftentwicklung dies oder das an Naturzerstörung oder deren Vermeidung möglich oder auch notwendig macht. Oder zumindest ein Bedauern, dass dies von „den Marxisten“ in der Vergangenheit kaum geschehen ist und sich dadurch ein Haufen Arbeit angestaut hat!

Lieber  schimpft Tjaden auf  „das schillernde Allerweltswort“ Produktivkräfte, weil das die – in konkreten Beziehungen tätigen – Menschen zu einem verdinglichtem Gebrauch zu reizen (sic!)  scheint. (Dieses unverfrorene dumme Ding!)

Das aus den kapitalistischen Formen der Arbeitsteilung hervor gehende  Entfremdungsphänomen „Nachdenken über die Bedeutung  von Produktivkräften ohne nach deren konkrete Bedeutung für konkete Produktionsverhältnisse, (die das menschliche Verhalten und Bdenken bestimmen) zu fragen“, macht, dass der Begriff  „Produktivkraft“ als ein von der Entwicklung der Produktionsverhältnisse losgelöstes Ding erscheint (wie z.b. „der Fortschritt“).

Dieses Entfremdungsphänomen in kritischer Absicht für die (der kapitalistischen Arbeitsteilung immanenten) „Verdinglichung“  verantwortlich zu machen, ist eine Verwechslung von Ursache und Wirkung und nährt die falsche Vorstellung, dass beziehungslos gebrauchte Begriffe von Fortschritt, Produktivkraftentwicklung usw. tatsächlich zu einem über die Verhältnisse herrschenden „Ding“ geworden sind. Und dass man sich der Herrschsucht oder Verführungskraft des bösen Begriffs am Besten durch Nichtnennen entzieht.

Machen wir uns lieber ans Werk,  die vielfältigen Produktivkräfte (mitsamt der Vielfalt ihrer Wechselwirkungen auch untereinander) näher zu bestimmen.

Was kann die Hypothese, dass eine bestimmte Produktivkraftentwicklung notwendig ist, um die Produktionsverhältnisse in Frage stellen zu können, bedeuten?  Welches Herstellungsvermögen treibt, unter welchen Umständen womöglich über kapitalistische Vergesellschaftungsweisen hinaus, macht neue Vergesellschaftungsweisen notwendig UND möglich?

Thesen zu Produktivkräften …

  1. In einem gesellschaftlichen Für- und Voneinander, das auf Grundlage kapitalistischer Produktionsweisen funktionieret, vermitteln, (ermöglichen, motvieren, begrenzen usw.) private Aneignungsvermögen bzw. -rechte in der Form von (Tauschwert, bzw. Kaufkraft repräsentierendem) Geld die Herstellung und Aneignung nahezu aller Mittel der meschlichen Existenzsicherung und Bereicherung,  außer einiger noch frei anzueignender Gütern wie die Luft zum Atmen. In Geldbesitz gespeicherte Aneignungsvermögen bzw. -rechte sind ein Aggregatzustand der sich selbst vermehrenden Produktivkräfte des Kapitals. Das als „variables Kapital“ verausgabte Geld erlaubt die Aneignung des Produktivvermögens „Arbeitskraft“ als eine Produktivkraft des Kapitals – zwecks Herstellung von Waren, deren Veräußerung die vom Unternehmen und deren Finanziers begehrte Vermehrung ihres Bereicherungsvermögens einbringt. Und das vom Produktivvermögen „Arbeitskraft“ als Lohn- und Gehalt angeeignete Vermögen vermittelt die Aneignung von Gütern und Diensten, die der (Wieder-) Herstellung seiner Produktivkraft für das Kapital dienen.
  2. Unabhängig von der historisch vorherrschenden Produktionsweise sind Produktivkräfte alles (z.B. natürliche, kulturelle, wissenschaftlich-technische,  institutionelle und strukturelle) Potenzial, das eine Gesellschaft zur Erzielung von Gebrauchswerten (= nützlichen Dingen oder Tätigkeiten) befähigt, deren Aneignung irgend einem menschlichen Bedürfnis entspricht (unter Einschluss des Bedürfnisses nach Umwelt- und Naturschutz) .
  3. Menschliche Bedürfnisse und entsprechende Wahrnehmungen eines produzierten Nutzens oder dessen Infragestellung (Risiken, Schäden, schlechter Ruf) sind nicht nur Voraussetzung sondern auch Produkt gesellschaftlicher Anstrengungen zur Erzielung von Gebrauchswerten. Die soziale bzw. ökologische Qualität dieser Bedürfnisse hängt von den historischen Möglichkeiten und Notwedigkeiten der Handelnden ab, Dinge oder Tätigkeiten her- und bereit zu stellen, die einen bestimmten Nutzen versprechen. Sie sind sebst Produktivkräfte bzw. deren Agregatzustand und Mittel.
  4. Auch die ökologische Qualität einer „menschzentrierten“ Sicht ändert sich mit der Entwicklung historischer Möglichkeiten (etwa zur Naturerfahrungen und deren Verarbeitung) und Zwänge. Beides wirkt auf die ökologische Qualität der menschlichen Bedürfnisse, die sodann als menschliche Produktivkraft nach Verbesserung bzw. Vermehrung des Produkts „Naturfreudlichkeit“ bzw. Erhalt von „Produktivkräften der Natur“ stebt.
  5. Produktivkräfte bergen Risiken. Jedes Nützlichkeitspotenzial kann Schaden anrichten, enthält immer auch ein destruktives Potenzial  (Stärkung der Arbeitskraft durchs Apfelessen destruiert den Apfel. Mehr Apfelerne- und -verteilungskraft als naturverträglich, zerstört deren Nachhaltigkeit). Die Verhältnismäigkeit bzw. Vernünftigkeit sozioökologischer Produktion und Zerstörung (ob innerhalb oder außerhalb von Ware-Geld-Beziehungen) kann nur im konkreten Kontext beurteilt werden. Gesellschaftliche Vernunft (bzw. gesamtgesellschaftliche Vernünftigkeit) wächst mit der Möglichkeit (dem Vernunftproduktionsvermögen) potenziell Geschädigter zur Mitbestimmung dessen, was als sozialer bzw. ökologischer Nutzen gelten soll.
  6. Von menschlicher Produktion Bewirktes (Nutzen, Schaden oder Risiken) betrifft immer auch die (gegenwärtige und  mögliche) Produktivität der Naturumwelt, die nicht nur für Menschen bedeutend ist.
  7. Die Entwicklung des geistigen Produktivvermögens (quantitativ wie qualitativ) steht in einem – historisch – mehr oder weniger engen Zusammenhang mit der Entwicklung der technologischen Möglichkeiten (der Möglichkeiten gegenständlicher Produktionsmittel, von Infrastruktur,  der Arbeitsorganisation usw.)  und treibt seinerseits die technologische Entwicklung voran.
  8. Entsprechend dem Entwicklungsstand der gesellschaftlichen Potenziale zur (Wieder-) Herstellung von Gebrauchswerten (einschließlich ihrer Risiken und Schäden und Möglichkeiten, die einzudämmen), bilden sich passende Formen der Arbeitsteilung (Produktionsverhältnisse) heraus,  bzw. der Aufteilung von Arbeit, Genuss und sozialer Verantwortung, die den Beteiligten als vom individuellen Willen unabhängige  Struktur gegenüber tritt die die  individuellen wie institutionellen Verhaltensspielräume bestimmen.
  9. Die wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten der Produktion und die mit ihnen – im Rahmen entsprechender Produktionsbeziehungen – wirksam werdenden Bedürfnisse und Machtinteressen bestimmen (mehr oder weniger) die Art und Weise der Produktionsmittel. Deren Gestalt (z.B.  Windmühlen oder Atomkraftwerke) wirkt seinerseits auf die Produktionsbeziehungen und die in ihnen wirksamen Bedürfnisse, Machtinteressen usw. zurück.

Und die Produktionsverhältnisse?

  1. Zustände, Tätgkeiten/Ereignisse oder Gegenstände herzustellen und sich zu eigen zu machen, von denen erwartet wird, dass sie irgendwelche menschlichen Bedürfnisse befriedigen können, geschieht stets in bestimmten Abhängigkeits- und Rechtfertigungsverhältnissen bzw. -mustern, die nach historisch vorherrschenden Regeln, Gewohnheiten, Möglichkeiten oder Notwendigkeiten funktionieren, wobei die technologischen Möglichkeiten der Existenzsicherung und Bereicherung einer gegebenen Zeit oder Region das Moment sein dürfte, das die die ökonomischen Strukturen und die sie sichernden Instanzen (also die Produktionsverhältnisse) in letzter Instanz bestimmt.
  2. Für kapitalistische Produktionsverhältnisse charakteristisch sind die weitgehende Trennung der Arbeitenden von der Möglichkeit, über die außerhalb des eigenen Körpers vergegenständlichten Produktionsmittel zu verfügen und damit auch über die Zwecke oder Nebenwirkungen des Produzierens (bzw. dderen Vernünftigkeit) mitzuentscheiden, dafür umgekehrt die Notwendigkeit, die eigene Arbeitskraft gegen Geld an Unternehmen, staatliche Institutionen usw. zu vermieten, um sich damit die für den eigenen Bedarf notwendigen Dinge aneignen zu können. Auf Seiten der Unternehmen bedeutet dies produktiver Konsum der Mietsache „Arbeitskraft“ zum Zwecke des Verkaufs der dabei zu produzierenden Gebrauchswerte. In der Regel unter der Bedingungen mehr oder weniger freier Konkurrenz ums attraktivste Angebot. Außerdem Steuern, national- und auch transstaatliche Institutionen zur Zivilisierung der dabei unwillkürlich aufeinander prallenden Interesssensgegensätze.
  3. Zweck der Produktion ist aus Sicht der Unternehmen die Vermehrung von Geldbesitz (bzw. Geldforderungen), aus Sicht der lohn- und gehaltsabhämgig Beschäftigten ausreichend Lohn und Gehalt und erträgliche Arbeitsbedingungen, aus der Sicht staatlicher Garantie-Instanzen Steuern und Wählerzufriedenheit. Eine hinreichend (welt-) gesellschaftliche Abstimmung wesentlicher Produktonszwecke mit den sozialen bzw. ökologischen Voraussetzungen und Nebenwirkungen von Produktion, Produktaneignung und Weiterverwertung/Entsorgung ist innerhalb dieser Art Produktionsverhältnisse nicht möglich. In Ansätzen geschieht dies meist staatlich vermittelt also spärlich weil in Abhängigkeit vom Erfolg der jeweilig „heimischen Wirtschaft“ – nicht zuletzt bei der Ausnutzung eben der gegebenenfalls zu bekämpfenden sozialen Ohnmacht für privateigentümliche Zwecke.
  4. (Konstantes) Kapital ist privateigentümliche Verfügung über außerhalb des eigenen Körpers befindliche Produktionsmittel (Produktionsstätten Technik, Know How), und damit über Möglichkeiten zum Ankauf von Rohstoffen, Vorprodukten und menschlicher Arbeitskraft  zum Zwecke der Vermehrung des eigenen Bereicherungsvermögens. Es ist also der in Privatbesitz eines Unternehmens (und seiner Anteilseigner und Investoren) befindliche Teil des menschlichen  Produktiv-/Destruktivvermögens. Er dient den Bereicherungssubjekten nicht unmittelbar dem Lebensgenuss sondern dem Erhalt und der Vermehrung der für die private Bereicherung notwendigen Mittel (Geld, Produktionsmittelbesitz usw.) der (Anm.1)  seitens der Unternehmen und dessen Anteilseigner und Investoren.
  5. Vom Standpunkt dieses (privaten) Bereicherungsvermögens aus betrachtet gilt deshalb nur die Kraft als produktiv, deren Anwendung das eigene Bereicherungsvermögen hinreichend  vermehrt. Der dabei gewonnene Lebensgenuss ist nur Mittel zum Zweck.
  6. Diese (kapitalistische) Art Bereicherungsvermögen setzt das Unvermögen des Gros der Bevölkerung voraus, das außerhalb des eigenen Körpers befindliche Bereicherungsvermögen nach selbst- bzw. gemeinsam bestimmten Zwecken in Bewegung zu setzen.
  7. Lediglich über das im eigenen Körper gebildete (private) Produktivvermögen zu verfügen nötigt zu dessen Vermietung, als „variables Kapital“ für die Arbeitskraft anmietende Instanz weil ohne die Mieteinnahmen (Lohn und Gehalt) die für die eigene Reproduktion benötigten Gebrauchswerte nicht (privat) angeeignet werden könnten.
  8. Gesamtgesellschaftlich wirksame Interessengegensätze ergeben sich grob entlang der Frage, wie viel Arbeitszeit für die Produktion von Waren verausgabt werden muss, die der (Re-)Produktion von Arbeitskraft dienen und wie viel (Re-) Produktion gegenständlicher Produktionsmittel und Waren des Luxusbedarfs der Kapitalbesitzenden und -dirigierenden zu dienen haben. Entsprechend formieren sich sozial, politisch und unter Umständen auch kulturell gegensätzliche Interessen und Bedürfnisse in Hinblick auf die Anwendung, Kontrolle und Entwicklung von Produktivkräften.
  9. Die sich den einzelnen Unternehmen darbietenden Aneignungsbedingungen sind mit den Reproduktionsbedingungen der tauschwertproduktiv Arbeitskraft konsumierenden Klasse als Ganzes nicht identisch. Die auf die Gesamtgesellschaft bezogene Kategorie der „Klassenherrschaft“ in der Form des Vermögens, „Mehrwert“ anzueignen ergibt sich aus dem gesellschaftlichen Anteil der Arbeitszeit, die für die privateigentümlichen Reproduktions.- bzw. Bereicherungszwecke der Nicht-Arbeitenden verausgabt werden muss. Die einzelnen Unternehmen sind genötigt, ihren eigenen Arbeitskraftkonsum als Konkurrenzfähigkeit bzw. Profit mindernden Kostenfaktor zu behandeln und ihn infolgedessen zu minimieren. Was nicht nur Antieb zu Lohndrückerei ist, (die vielfach auch gesamtkapitalistisch betrachtet unvernünftig ist) sondern auch steter  Stachel zur Steigerung der Produktivkräfte.
  10. Eine gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch betrachtet vernünftige Steuerung der Produktivkraftentwicklung und deren Anwendung (wie etwa eine vernünftige Aufteilung der erreichten Zugewinne) sind unter Bedingungen privateigentümlich (geldvermittelt) vergesellschafteter und nationalstaatlich leidlich nachzivilisierter Produktion und Aneignung der gesellschaftlichen Existenz- bzw. Bereicherungsmittel kaum möglich. Ein herrschaftsfreies, öffentliches Reflektieren des gemeinsamen Stoff(bedeutungs)wechsels zur Grundlage der Vermittung von Produktionsbedürfnissen mit deren Möglichkeiten und Kosten als Basis des menschlichen Für- und Voneinanders setzt die Etablierung einer tatsächlich als winw Weltgemeinschaft organisierten Menschheit voraus. Nicht nur die auf die Vermehrung ihrer privateigentümlich funktionierenden Bereicherungsmittel ausgerichtete Rationalität kapitalistischer Unternehmen bzw. Investoren wird deshalb zunehmend (mit der Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte zunehmend) zum Problem aller. Gleiches gilt, wenn auch nicht auf der gleichen Stufe sozialer Mächtigkeit (und damit Mitverantwortung) stehend, für die – nichts desto trotz – ähnlich bornierte Form der Aneignung von Konsumgütern zur Gestaltung der individuellen bzw. familiären Lebens(raum)gestaltung. Kapitalistische Produktivkraftentwicklung steigert das Aneignungsvermögen „privater Haushalte“ als Kaufkraftsteigerung. Dies geschieht entweder in der Form von Lohn- und Gehaltssteigerungen oder mittels „geiler Preise“. Die den mehr oder minder Kaufkräftigen allerdings als Eigenschaft der Waren gilt und deshalb ebenso wie eine Lohnsteigerung als ein Mehr an eigenem Verdienst für eigene Leistungen bzw. als ein Mehr an sozialer Gerechtigkeit. (Hier hinein gehört die durch die Form der Warenproduktion und damit dem Fetischcharakter der Ware bestimmten Grenzen der  sozialen Reichweite des persönlichen (Un-)Rechtsbewusstsein. Siehe auch: Sind wir des Warensinns?).
  11. Verallgemeinerung von Produktivkraftentwicklung bedeutet (monetäre) Entwertung der produzierten Waren. Für die Produktion des gleichen (monetären) Bereicherungsvermögens (Geld, Besitzanteile usw. mit dem Produktionsmittel in Gang gesetzt werden können) können und müssen immer mehr Gebrauchswerte produziert werden. (Durch freie Konkurrenz erzeugter Wachstums- und Konzentrationszwang!). Dies vergrößert den Reichtum in Gestalt von Waren aller Art (sowohl quantitativ als auch qualitativ) aber auch die praktische Unmöglichkeit einer vernünftigen Steuerung menschlicher bzw. vom Menschen beeinflusster Produktivkraftentwicklung. Aber bei gleichzeitiger Entwicklung der prinzipiellen Möglichkeit (und Notwendigkeit), genau dies zu tun (etwa im Hinblick auf ein vernünftiges Arbeitszeitmanagement bzw. der Wahrnehmung vernünftiger Gründe, Umstände und Formen der Verkürzung notwendiger Arbeit bzw. die entstehende Freizeit zu gestalten.
  12. Unter den gegebenen (privateigentümlichen, einander und der Naturumwelt entfremdenden) Aneignungsformen, -rechten und -pflichten bedeutet Produktivkraftentwicklung, in aller einkaufsparadiesischen Unschuld die Grenzen des natürlichen Wiederherstellungsvermögen – systematisch zu überschreiten –  lokal und regional und zunehmend überregional und global. Die damit einher gehenden Risiken und Schäden stellen die gegebenen Behauptungsbedingungen (unsere privateigentümlich strukturierten Aneignungsformen, -rechte und -pflichten) allerdings nur in dem Maße in Frage, wie Menschen eine soziale Praxis entwickeln können, die sie dieser zwanghaften Mechanismen gewahr werden und nach gangbaren Auswegen nicht nur aus selbstverschuldeter sondern auch aus unverschuldeter Unmündigkeit suchen lässt.
  13. Die Frage ist demnach, was den Individuen (und ihre Institutionen) die Notwendigkeit aber auch die Möglichkeit gewahr werden lässt, die Entwicklung und Anwendung des menschlichen Produktivvermögens unter Einschluss der ihnen inne wohnenden Destruktivkräfte (welt-) gemeinschaftlich mitzubestimmten um zu einer sozial bzw. ökologisch reflektierten, rationalen Steuerung zu kommen, mit der sie sich (gegenseitig) in die Lage versetzt, sogenannte „Menschheitsfragen“ zu bewältigen (Eindämmung des anthropologischen Treibhauseffektes, des Verlustes an Wäldern, Wiesen, an biologischer oder auch kultureller Vielfalt landwirtschaftlich nutzbarer Böden, Hunger, elendige Wohn- und Arbeitsbedingungen usw.
  14. Es gilt, das für die Bewältigung dieser „Menschheitsfragen“ (in adäquaten Zeiträumen)  notwendige technische und geistige bzw. soziale Potenzial  (was an Konzepten und wirklicher Bewegung bereits zur Problembewältigung geschieht und noch zu tun ist) herauszuarbeiten und die Verallgemeinerung dieses (ökokommunistischen, ökohumanistischen oder wie auch immer genannten) Potenzials zur Herstellung geeigneter Produktions-/Aneignungsbeziehungen voran bzw. zur Anwendung zu bringen.

Soweit mein erster Versuch einer Systematisierung im Hinblick auf die Ermöglichung mitmenschlicher Formen der Händelung von Produktivkraftentwicklung. Das wird fortgesetzt. Mag ein heißes Eisen  sein. Aber man entkommt der Gefahr, sich dabei die Finger zu verbrennen nicht, indem man diese Aufgabe für irrelevant erklärt.

Diese noch sehr grobe Sicht muss vor einer näheren Beleuchtung der einzelnen Punkte noch um einen genaueren Blick auf die Entwicklungspotenziale freiberuflicher, bzw. kleinunternehmerischer Existenzen und Kreativer aller Art erweitert werden. Vor allem im Hinblick auf die mögliche Bedeutung einer vermehrten Zugänglichkeit zu entsprechenden Produktionsmitteln, was die steigende Bedeutung der Entwicklung geistiger Produktivkräfte anzeigt  – und woraus sich aktuell die Konflikte ums „geistige Eigentum“  bzw. Aneignungsansprüchen, die sich  aus privat produzierter „Geistesware“ ableiteten und auf der anderen Seite,  eine Bewegung für moderne Commons gegen den ganzen Warensinn.

hhh

(Letzte Änderung am 21.11.12)

Der Beitrag wird gerade überarbeitet, hhh am 25.8.13.

Und noch einmal am 15.7.15)

Links zur Reflexion des Komplex „Produktivkraftentwicklung / Produktionsverhältnisse“ anhand aktueller  Statements und Praxisbeispiele

Taz vom 27.05.09

1) Strom aus der Wüste (über das Desertec Programm)

2) SWR contra Nachgefragt: Ist Desertec eine neue Form des europäischen Kolonialismus?Gerhard Leitner im Gespräch mit unserer Korrespondentin in Kairo, Esther Saoub (6:27 min)

3) swr3.de: Wie Afrika künftig Europa einheizen soll

4) Skeptische Stimmen zum Desertec Programm

5) Die Wüste lebt im Freitag vom 23.7.09

Tscha!

Besonders interessant sind die Leserbriefe

Die ZEIT

Werte-Debatte: Maßhalten, um zu überleben

Wirtschaftswachstum – die neue Bescheidenheit

Kapitalismus – wir könnten auch anders