Sind die Begriffe „Selbstbestimmung“ und „Freiheit“ die neuen Götter, und sollten die nicht besser entzaubert werden?

15. August 2012

„Man muss, wenn von Freiheit gesprochen wird, immer wohl achtgeben, ob es nicht Privat­interessen sind, von denen gesprochen wird.“

(Hegel)

Die Helle Panke hatte zum Austausch über „Historischen Materialismus und/oder Geschichtsphilosophie?“  geladen. Und ich war mehr her- als hingerissen. Hingerissen wegen der zu erwartenen Anregungen und Hinweise für mich  philosophiegeschichtlich bildungsfernen Menschen, den nichts desto trotz die Frage nach dem Potenzial einer explizit (öko-)humanistischen Perspektive des historschen Materialismus á la Marx umtreibt, (gerade im Hinblick auf – in Widerspruch zur alten Ordnung geratenen – Prodktivkräften und welche Rolle dabei Philosohie und Wissenschaft jeweils spielen – sollten). Hergerissen weil mich philosophische Diskurse doch oft sehr nerven.

Das gilt insbesondere für das Hantieren mit Begriffen von diesem und jenem, die als Fetisch funktionierenden sobald sie  vom jeweiligen Kontext lösgelöst benutzt werden. Und sodann als ideologische Fixterne erstrahlen, die Orientierung versprechen. Freiheit und Selbstbestimmung sind z.B. solche Begriffe. Als mit eigenem Geist beseelt vorgestellte fixe Ideen steigen sie zu neuen Göttern auf, deren Macht es gegebenenfalls zu maximieren gilt. Gewiss eine unendliche Quelle der Inspiration. Aber als solche auch der (Selbst-)Suggestion mit relegiös anmutenden Weihen. Den Rest des Beitrags lesen »

Advertisements

Lohn, Markt, Moral (von Menschen und ihren Mäusen)

20. Januar 2008

Nicht mehr Kommunismus aber immerhin mehr Leistungsgerechtigkeit fordert Prof. Dr. Werner Müller, (nicht mit dem gleichnamigen ehemaligen Bundeswirtschaftsminister identisch). Er lehrt seit 1997 am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Fachhochschule Mainz und war vor seiner Berufung Financial Manager in der deutschen Gruppe eines dänischen Konzerns, sowie von 2002 bis 2006 Aufsichtsratsvorsitzender einer Unternehmensberatungs-AG.

Das ND veröffentlichte am 19.01. 08 einen offenen Brief Prof. Müllers an Bundespräsident Köhler mit einer Replik auf H. Köhlers Behauptung, Mindestlöhne würden Arbeitsplätze vernichten. Der Brief enthält einige Wahrheiten, die sich vom neo liberalen Mainstream recht angenehm absetzen.

Zum Beispiel, dass Löhne am Markt „umgekehrt elastisch“ reagierten:

„Sinkt der Gebrauchtwagenpreis, so werden weniger Fahrzeuge angeboten. Sinkt der Arbeitslohn, so wird auf dem Arbeitsmarkt mehr Arbeitskraft angeboten, denn Arbeitnehmer müssen dann Überstunden machen oder Nebentätigkeiten aufnehmen, um ihren Lebensstandard zu halten oder nur die Existenz zu sichern.“

Zwar führten niedrigere Löhne unstrittig zu mehr Arbeitsplätzen im Niedriglohnbereich, aber um den Preis einer Lohnabwärtsspirale. Deren Stopp durch die Gewerkschaftsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts hätte die wirtschaftliche Entwicklung allerdings nicht gestoppt sondern – durch Anreize zur Rationalisierung – eher beflügelt. Der durch das Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen entstandene Wohlstandsverlust wurde durch die erreichten Produktivitätsgewinne lange überkompensiert.

Sollte sich die Gesellschaft nun aber trotz des Unterlaufens dieser historischen Dumpingbremse durch gebietsfremde Anbieter von Arbeitskraft gegen Mindestlöhne entscheiden, so solle sie doch konsequenterweise gleich eine andere Errungenschaft des 19. Jahrhunderts über Bord werfen:

„… und zwar die Abschaffung der Sklaverei! (…) Diese hat die Arbeitsplätze der Sklaven vernichtet. Und es gäbe auch heute sicher noch viele Sklaverei-Arbeitsplätze, wenn man sie zulassen würde. (…) Die Entscheidung für die Abschaffung der Sklaverei war aber primär eine moralische und keine ökonomische Frage. (…)
„Ebenso war der Kampf gegen Hungerlöhne für die Arbeiterbewegung eine moralische Frage. Die flächendeckende Einführung von Mindeststandards hat die wirtschaftlichen Folgen für die Unternehmen beherrschbar gemacht, weil sich kein Konkurrent den daraus folgenden höheren Kosten entziehen und daraus Wettbewerbsvorteile organisieren konnte. Es ist auch heute eine moralische Frage, ob auch in einer globalisierten Wirtschaft die Löhne aus einer Vollzeitbeschäftigung existenzsichernd sein müssen und ob deshalb die Vernichtung von Arbeitsplätzen im Niedriglohnbereich in Kauf genommen werden muss, wie die Gesellschaft auch die Vernichtung von Sklavenarbeitsplätzen im Null-Lohnbereich und sogar den Hungertod vieler potenzieller Sklaven in Kauf genommen hat. Nur mit gesetzlichen Mindestlöhnen kann diese moralische Entscheidung für existenzsichernde Löhne in der globalisierten Wirtschaft verteidigt werden. Wer sie ablehnt, müsste mit den gleichen Argumenten die Wiedereinführung der Sklaverei fordern …“

Ebenso provokant fordert Prof. Müller ein Ende der intransparenten Besetzung von Vorstandsposten mittels sozialer Seilschaften. Die Aktiengesellschaften sollten gesetzlich verpflichtet werden, ihre Vorstandsposten öffentlich auszuschreiben. Was nicht nur die Qualifikation der Vorstandsarbeit erhöhen, sondern auch die Vorstandsgehälter auf ein moralisch vertretbares Maß reduzieren würde.

Der gesamte ND Beitrag:

http://www.neues-deutschland.de/artikel/122581.html