In Marx historisch-dialektischem Materialismus steckt mehr

9. Mai 2012

Entdecke  grade eine Sonderausgabe der Analyse&Kritik vom Sommer 2009   (Die Linke und die sozial-ökologische Frage)  In einem der zahlreichen Beiträge zu diesem Komplex kritisiert Dirk Lehmann in seinem Beitrag „Marx‘ anthropozentristischen Ökologismus“ einen Beitrag der vorherigen ak-Ausgabe ak 536, S. 13.  (Müller, Tadzio/Passadakis: „Das Märchen. Überlegungen zum Green New Deal im Angesicht der (grünen) Krise“) .  In Auseinandersetzung mit diesem, in linksradikal gängigem Wadenbeißerstil geschriebenen, Verriss eines jeden Gedanken an einen „Green New Deal“ war an einer Stelle ein Satz von Marx über die „Logik“ des Kapitals zitiert worden („Akkumuliert! Akkumuliert! Das ist  Moses und die Propheten!“) Lehmann mahnte:

„Der Rückgriff auf Marx übersieht, wie sehr noch Marx selbst derjenigen Tradition verhaftet bleibt, die er recht eigentlich zu überwinden trachtet.“

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Die Linke – Diskussion um Parteiprogramm bis Oktober

4. Juli 2011

In der Zwischenzeit scheint sich ein wenig was getan zu haben bei der Programmfindung der Linken. In Sachen Ökologie soll es ein größeres Update gegeben haben. Also werfen wir ab und zu einen Blick in den neuen Entwurf.

Unter „Krisen des Kapitalismus – Krisen der Zivilisation“ heißt es

in Abschnitt 41:

„Kapitalismus von heute ist räumlich und zeitlich entgrenzt, er hat sich die ganze Welt Untertan gemacht“

Sätze mit „der Kapitalismus“ sollte sich die Linke ganz sparen. Er? Der über alles herrschende Dämon? Mein Herr und Gebieter, dem ich Untertan bin? So wird die gegenwärtige Phase der menschlichen Entwicklung bzw. Arbeitsteilung zum außermenschlich existierenden Ungeheuer. Eine Art Drachen der über uns gekommen ist, der die ganze Welt beherrscht.  Schaurie Geschichte! Bin gespannt, wie die LINKE sich den Drachentöter vorstellt.

 „Das Verhältnis zur Natur und fast alle menschlichen Beziehungen werden zu Warenbeziehungen.“

Aha, der Drache namens Kapitalismus hat also ein unnatürliches Verhältnis zur Natur und seine Untertanen mit einem bösen Zauber gebannt. Warenbeziehungen!  Einst waren wir Menschen! Aus lauter Spaß an der Freude haben wir uns den Spargel ausgegraben und  uns gegenseitig vor die Tür gelegt, haben uns gegenseitig Kitas gebaut und darin unsere Kinder betreut, haben uns Computer gebastelt und geschenkt. ja, bis der böse Drachen die Welt zu beherrschen begann und alle alles das nur noch gegen Geld machten. Eine furchtbare Geschichte! Wo soll das enden?

„Pflanzliche und menschliche Gene werden patentiert, damit der Allgemeinheit entzogen…“

Der „Allgemeinheit“ (wem?) entzogene menschliche Gene?  Die Genossen sollten etwas verständlicher schreiben, damit die Masse sie auch versteht. Es wird dann lang und breit aufgezählt, was alles so noch so wird.

„Multinationale Konzerne bestimmen die Preise, bestimmen was angebaut und gefördert wird, dominieren die Handelsketten.“

Ja, und? Sollen jetzt überall wieder kleine Kolonialwarenläden die Preise (und die Verkehrswegekilometer pro Ware) bestimmen? Und ließen sich erstere nicht sehr viel besser vergemeinschaften, d.h. einem (welt-)gemeinschaftlichen Ressourcenmanagement unterwerfen bzw. dahin gehend weiterentwickeln?

Unter diesen entfesselten kapitalistischen Bedingungen schlagen immer rascher und weitreichender Produktivkräfte in Destruktivkräfte um. Zugleich werden Arbeitsplätze vernichtet, Wohlstand zerstört und an der Natur Raubbau betrieben.

Abgesehen davon, dass alle Produktivkräfte in der Regel auch Destruktivkräfte sind und dies schon immer so war wenn sicher auch nicht im heutigen Maß als globales Problem, ist die pauschale Klage, dass Arbeitsplätze  „vernichtet werden“  ein uneträglich undialektischer und geradezu reaktionärer Moralquark. Wie er bei Drachenmärchen zu erwarten war.

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Technikschelte statt (Öko-)Sozialismus?

20. Oktober 2008

Wie wird in Linkspartei-Kreisen über ökologische Perspektiven diskutiert? Auf der Webpräsenz der Rosa Luxemburg Stiftung zitiert Peter Döge in einer Dialogschrift Herbert Marcuse

„Nicht erst ihre Verwendung, schon die Technik ist Herrschaft (über die Natur, und über den Menschen), methodische, wissenschaftliche, berechnete und berechnende Herrschaft. Bestimmte Zwecke und Interessen der Herrschaft sind nicht erst ’nachträglich‘ von außen der Technik oktroyiert – sie gehen schon in die Konstruktion des technischen Apparats selbst ein; die Technik ist jeweils ein geschichtlich-gesellschaftliches Projekt; in ihr ist projektiert, was eine Gesellschaft und die sie beherrschenden Interessen mit dem Menschen und mit den Dingen zu machen gedenkt ….“

HERBERT MARCUSE, 1965, Industrialisierung und Kapitalismus im Werk Max Webers, in: DERS.: Kultur und Gesellschaft 2, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 127

Döge sieht darin ein lobenswertes Beispiel für die Abkehr der in den 1960er Jahren – auch im „linken“ Zeitgeist vorherrschenden – Gleichsetzung von technischem und sozialem Fortschritt und weist darauf hin, dass Marcuse diesen Gedanken in seiner Schrift „der eindimensionale Mensch“ vertieft habe und dort zeige,

„… daß die Rationalität der fortgeschrittenen Industriegesellschaft eine politische und geistige Gleichschaltung bei den Menschen bewirke. Politische Macht ist dabei quasi in die technischen Apparate eingebaut, wobei die

‚ … technologischen Kontrollen als die Verkörperung der Vernunft‘ erschienen.“

(MARCUSE, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Neuwied: Luchterhand, Orginal erschienen 1964)

Weiter schreibt Döge:

„Auch die destruktive Herrschaft über die Natur ist auf das Engste mit der neuzeitlichen Wissenschaft und ihrer Tendenz zur umfassenden Objektivierung verbunden. Denn die vermeintlich objektive Wissenschaft habe

‚ … ein Universum entworfen und befördert, worin die Naturbeherrschung mit der Beherrschung des Menschen verbunden blieb.‘ (Markuse, ebda, 188).

Umwelt- und Naturzerstörung ist dem industrialistischen Produktionssystem quasi eingeschrieben. Seine Grundlogik besteht (…) darin, daß es das Vorgefundene in Einzelteile zerlegt und nachträglich nach Kriterien einer besseren Verfügbarkeit und Ausbeutbarkeit wieder zusammenfügt. Hierdurch wird ein kontinuierlich wachsender Aufwand an Organisation notwendig, wobei der Einsatz der Naturwissenschaften von besonderer Bedeutung ist. Resultat dieses Entwicklungsprozesses ist eine große, intransparente Produktionsmaschine, die sowohl in West wie auch Ost vorherrschend ist.“ (Döge, siehe oben)

In den Marcuse-Zitaten ist immerhin noch von bestimmten Interessen und Zwecken die Rede, die „in die Konstruktion des technischen Apparats selbst eingehen“ und ihm so „Herrschaft über Natur und Menschen“ verleihen. Daran ließe sich konstruktiv, kritisch anknüpfen durch Fragen nach eben diesen bestimmten (also empirisch zu ermittelnden) Interessen und den (ebenso empirisch zu ermittelnden) bestimmten Bedingungen ihres Entstehens – und möglichen Vergehens.

Döges pauschale Dämonisierung von Technik und Wissenschaft macht allerdings ganz ratlos. Man kann nur mutmaßen, was diese Aversion ausgelöst haben mag und welcher Rationalität deren Stabilisierung gehorcht.

Vielleicht ist es so: Wer über die konkreten Bedingungen der Entfremdung von den Voraussetzungen und Zwecken menschlicher Produktion, also über die kapitalistischen Formen der Arbeitsteilung und über deren ökosozialistische Aufhebung nicht nachdenken möchte, ist dieser Entfremdung hoffnungslos ausgeliefert – auch und besonders in der Kritik an ihr.

Das gilt auch für die pauschalisierende Verteuflung „des industrialistischen Produktionssystems“ das angeblich schon wegen seines Prinzips des Isolierens und neu Zusammensetzens unweigerlich Umweltzerstörung bedeute. (Nebenbei: auch Störche isolieren ihren Fang von den Mitmäuschen und setzten sie beim Verspeisen völlig neu zusamen, und auch Döges Text fände ohne aus der Natur isoliertes und für die Chipherstellung neu zusammengesetztes Silicon keine Verbreitung)

Was Döge „der Industrie“ unterstellt um sie (statt den sozialen Machtstrukturen?) für Umweltzerstörung verantwortlich zu machen, macht er selbst:

Er isoliert gedanklich bestimmte Erscheinungen (wie etwa gigantische Baumwollerntemaschinen) von ihren konkreten Zusammenhängen um sie willkürlich zu einer Wesenskategorie des Bösen zusammen zu fügen (Industrie = Auseinandernehmen = Umweltzerstörung) und zwar so, dass das Ergebnis auf alle Fälle zur eigenen Voreinstellung (Ideologie) passt. Sprich: Döges eigene Rationalität (gemäß des von ihm verfolgten Zwecks) drängt offenbar nach „Gleichschalten“ aller differenzierten Vorstellungen über Effekte der Industrialisierung ohne die die heutigen Dimensionen des geistigen Zusammenlebens unmöglich wäre.

Wie wäre es, ganz konkret darüber zu reden, welche ökonomischen Strukturen, soziale Bedürfnisse und politische Machtverhältnisse zum Beispiel die Entwicklung und Anwendungen von Schleppnetzen ermöglicht (oder erzwingt), die den Meeresboden umpflügen und alles dabei erfasste Leben nachhaltig zerstören? Und danach zu fragen, wie Wissenschaft den öffentlichen Auftrag (die Macht!) bekommen könnte, soziale bzw. ökologische Kosten-Nutzen-Rechnungen zu erstellen, auf deren Grundlage die sozial bzw. ökologisch rationalen Mittel/Zwecke bestimmt werden können? Also eine sozial und ökologisch reflektierte Entscheidung darüber ermöglicht (oder erzwungen) wäre, welche Technik für welchen Zweck entwickelt und angewandt werden soll?!

Der Spuk der gruseligen Fetisch-Geister „Technik“, Wissenschaft“, „Herrschaft“, „Rationalität“ oder „Naturbeherrschung“ wären mitsamt ihrer angeblichen „Gleichschaltung“ und ihres begrifflichen Opferlamms, „Natur“ gewiss im Nu vertrieben, sobald die kapitalistischen, von den Vorausssetzungen und Wirkungen der Arbeit entfremdenden  Formen der Arbeitsteilung aufgehoben wären – in einem ökosozialistischen Aneignungsprozess, das heißt, indem Menschen Formen der Arbeitsteilung entwickeln, die es ihnen ermöglicht, sich gegenseitig zur Einhaltung (mit-) bestimmter sozialer bzw. ökologischer Standards und Entwicklungsziele zu nötigen.

hh

P.S. Das zeigt u.a. auch die sehr lesenswerte Antwort von Hanna Behrend im selben Dokument Erfrischend fakten- und detailreich erläuterte sie unter anderem die gesellschaftlichen Ursachen von Umweltzerstörung anhand der zahlreichen Tankerhaverien der letzten Jahre und kommt zu dem Schluss:

„Gewiss sind „bestimmte Zwecke und Interessen der Herrschaft nicht erst ’nachträglich‘ von außen der Technik oktroyiert – sie gehen schon in die Konstruktion des technischen Apparats selbst ein“ (Marcuse, s.o.). Aber in keiner Gesellschaft – nicht einmal in totalitär regierten Gemeinwesen – finden ausschließlich von den herrschenden Kreisen inspirierte oder erzwungene technische und soziale Entwicklungen statt. Stets spielen sich innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges auf allen Ebenen Kämpfe um Hegemonie, Widerstand gegen die Herrschenden, Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen an der Herrschaft unbeteiligten, ausgebeuteten, unterdrückten Schichten und Gruppierungen ab. Eine solche sehr wichtige Ebene ist die Technikentwicklung, die zur „Herrschaft über die Natur und über den Menschen“ jeweils erforderliche Technologie. Diese kann daher auch nicht als ein Monolithikum angesehen werden. Jede Technik hat meiner Meinung nach viele Facetten. Von einigen wenigen, nichtsdestoweniger höchst profitablen und bedeutsamen Techniken abgesehen, bestimmt doch der Verwendungszweck, d.h. in wessen Interesse sie genutzt wird, das Wesen des Werkzeugs oder der Technologie und nicht die Technik das Wesen der Gesellschaftsordnung.

Von demokratischer oder autoritärer Technik zu sprechen, halte ich daher für verfehlt, es kann sich nur um Techniknutzung im demokratischen oder autoritären Interesse handeln.“

Allerdings ist es nicht wirklich „ein demokratisches oder autoritäres“ Interesse, das über Wohl und Wehe von Techniknutzung (oder deren Entwicklung) entscheidet sondern ein mehr oder minder demokratisch oder autoritär bestimmten Interesse.

Ein mehr demokratisch bestimmtes Interesse enthält zwangsläufig Rücksichtnahmen. Gegen das Bedürfnis, Produktionskosten zu sparen, können Interessen am Gesundheits- oder am Naturschutz eingebracht werden. Dennoch ist eine möglichst breite demokratische Mitwirkung an der Bestimmung von Technikentwicklung und deren Einsatz nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine (sozial / ökologisch) zukunftsfähige Entwicklung. Es käme weiter darauf an, die Entscheidungsgrundlagen der mitbestimmenden Menschen und deren Institutionen (und damit auch die Grundlagen ihrer Bedürfnisse bzw. Interessen) zu verändern – halt mehr (Öko-)Sozialismus zu wagen.

Hängen ökonomische Existenzbedingungen (Behauptungsbedingungen) der Individuen und ihrer Institutionen von ökologisch bzw. sozial desaströsen Produkten oder Produktionsmethoden ab, oder erfahren Menschen keine ökologische (soziale) Bildung bzw. Sozialisation, nutzt deren „Volksmacht“ wenig.

Über Herrschaft kann ebenso wie über Wissenschaft und Technik nur in Bezug auf konkrete Zwecke (die zu erreichen ein entsprechendes Vermögen, also entsprechende Macht voraussetzen) rational gesprochen werden. Es ist im tieferen Sinn des Wortes zwecklos, über „Herrschaft“ wie über ein – über die unschuldigen Menschen schwebender – Dämon (oder heiliger Geist) zu reden. Das Großartige an der Perspektive einer „nachhaltigen Entwicklung“ (und einer entsprechenden Konsultationspraxis) ist der Anspruch (und wo es gut läuft Versuch), möglichst viel Menschen in die soziale Zweckbestimmung von Entwicklung/Fortschritt einzubeziehen und – idealerweise – dazu zu bringen, die Frage der Macht bzw. Herrschaft sehr konkret auf das zu beziehen, das als das zu Tuende (mit-)bestimmt wurde.

Vielleicht könnte Engels an der Entmystifizierung (Entfetischisierung) der Begriffe „Herrschaft“ oder „Naturbeherrschung“ beitragen. Siehe Engels: Siege über die Natur oft wenig schmeichelhaft!