Sind die Begriffe „Selbstbestimmung“ und „Freiheit“ die neuen Götter, und sollten die nicht besser entzaubert werden?

15. August 2012

„Man muss, wenn von Freiheit gesprochen wird, immer wohl achtgeben, ob es nicht Privat­interessen sind, von denen gesprochen wird.“

(Hegel)

Die Helle Panke hatte zum Austausch über „Historischen Materialismus und/oder Geschichtsphilosophie?“  geladen. Und ich war mehr her- als hingerissen. Hingerissen wegen der zu erwartenen Anregungen und Hinweise für mich  philosophiegeschichtlich bildungsfernen Menschen, den nichts desto trotz die Frage nach dem Potenzial einer explizit (öko-)humanistischen Perspektive des historschen Materialismus á la Marx umtreibt, (gerade im Hinblick auf – in Widerspruch zur alten Ordnung geratenen – Prodktivkräften und welche Rolle dabei Philosohie und Wissenschaft jeweils spielen – sollten). Hergerissen weil mich philosophische Diskurse doch oft sehr nerven.

Das gilt insbesondere für das Hantieren mit Begriffen von diesem und jenem, die als Fetisch funktionierenden sobald sie  vom jeweiligen Kontext lösgelöst benutzt werden. Und sodann als ideologische Fixterne erstrahlen, die Orientierung versprechen. Freiheit und Selbstbestimmung sind z.B. solche Begriffe. Als mit eigenem Geist beseelt vorgestellte fixe Ideen steigen sie zu neuen Göttern auf, deren Macht es gegebenenfalls zu maximieren gilt. Gewiss eine unendliche Quelle der Inspiration. Aber als solche auch der (Selbst-)Suggestion mit relegiös anmutenden Weihen. Den Rest des Beitrags lesen »

Advertisements

Fetischbegriffe 2.) „qualitatives Wachstum“ (im Nov. 2012 und im Juni 2013 leicht überarbeitet)

7. April 2009


Kein Mensch bekämpft die Freiheit; er bekämpft höchstens die Freiheit der anderen.

Marx:  MEW Bd. 1, S. 51

Es versteht sich, daß die Aufhebung der Entfremdung immer von der Form der Entfremdung aus geschieht

Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844.MEW Bd. 40, S. 553

Begriffe wie “Freiheit”, “Gerechtigkeit”, “Entfremdung” ” Kapitalismus” , “Sozialismus”, „Staat“, „Markt“,  “Produktivkräfte”, “Fortschritt”, “Entwicklung”,  “Natur”,  “Politik”, “Gott”, “Rationalität”, “Bedarf”, “Bedürfnisse”,” Selbstbestimmung”, “Kritik”  oder auch  “Fetischisierung” erscheinen uns als Fixsterne des Denkens und Handelns!

Sie gelten als die wahren Mittel der Erleuchtung oder zumindest der Beleuchtung des Elends dieser Welt – oder deren Bändigung. Da sie der Orientierung dienen und der sozialen Rückbindung (=Religion) privater (Un-) Lust mit anderen Privatbedürfnissen (nicht selten gegensätzlicher Natur), ist deren Deutung oft hart, manchmal blutig umkämpft.

Sie stehen für Protest gegen wirkliches Elend, für Seufzer  bedrängter Kreaturen, sind Gemüt ungemütlicher Zeiten und Geist geistloser Zustände (vgl .  MEW Bd. 1, S. 378)  Manchen versetzt ihr Gebrauch in einen wohligen Rausch.  Aber Vorsicht! Vor Halluzinationen wird gewarnt.

Fern aller konkreten Beziehungen, Interessen und Instinkte wirklicher Menschen und deren Behauptungsbedingungen beginnen uns diese mit eigenem Geist beseelt vorgestellten Erscheinungen auf der Nase herum zu tanzen und dem menschlichen Denken und Handeln mal diesen und mal jenen Geruch zu verleihen ohne dass sich deren  Spur ins alltägliche (eben stinknormale) Leben nachvollziehen ließe.

Oder doch?

  1. Bedarfsgerechtigkeit!
  2. Qualitatives Wachstum

2. ) „Qualitatives Wachstum

Kapitalismus, also

  • (zwischen-) staatlich, d.h. mittes (entspechend der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse politisch bestimmtem) Recht- und Gesetz abgesicherte
  • Entwicklung und Anwendung von privatem Herstellungsvermögen (Beherrschung von Produktionsstätten und Transportmittel,  Maschinen, Vorprodukte, Arbeitskräfte,  andere genutzte Naturkräfte bzw. -gegenstände und zur Aneignung all dessen ermächtigendes Geld)
  • und Veräußerung bzw. (auf Seiten der Konsumierenden) Aneignung der dabei  geschaffenen Gebrauchswerte vermittels einem Markt (also in Konkurrenz ums attraktivste Angebot) gegen wiederum Geld (zu einem Preis, dessen Auf und Ab  unter Bedingungen freier Konkurrenz der Privatakteure vom zur Aneignung der begehrten Gebrauchswerte gesellschaftlich notwendigen Arbeitsaufwand  gesteuert ist)

ist eine ausgesprochen dynamische Art der Existenzsicherung und Bereicherung (und deren Weiterentwicklung) mit einem großen und dabei nur ungenügend steuerbaren  Zerstörungspotenzial.

Doch Stillstand bedeutet den sozialen Tod. Expansion privater Bedürfnisse und Mittel zu ihrer Befriedigung, technischer Fortschritt und entsprechende Verfahrens- und Produktinnovationen sind Überlebensbedingung am Markt.

Aber was geschieht, wenn kein Gras (Regenwald oder andere Produktionsstätten des Lebens) mehr wächst, wo der kapitalistisch automatisierte Fortschritt auftritt?

Solange  genug andere soziale bzw. geographische Felder der Ausbeutung abgegrast werden können, ist das erst einmal für alle gut, die einen privaten Vorteil von der Einsparung der Reproduktionskosten haben, ob sie von billigerem Holz, billigeren Palmöl-Produkten oder billigerem Fleisch der mit „Soya-statt Regenwald“ gefütterten Rinder profitieren oder vom Raubbau an menschlicher Arbeitskraft. Das gilt beileibe nicht nur für die großen Player der Plusmacherei. Es gilt sogar im besonderen Maße für die so genannten Endverbraucher/innen.

Auf der Kapitalseite profiteren vor allem die von Raubbau, die bei der Finanzierung, Produktion und Bereitstellung der durch die Einsparung von Reproduktionskosen so schön billigen Produkte die Nase vorn haben. Sie können ihr Aneignungsvermögen (in der Form von Geldbesitz) mittels des so gegebenen Konkurrenzvorteils steigern. (Sei es, um sich auch in Zukunft am Markt behaupten zu können oder weil sie ihr gerade nicht selbst selbst benötigtes Geld gewinnbringend anlegen).

Technischer Fortschritt, Verfahrens- und Produktinnovationen bringen einem Unternehmen allerdings nur solange mehr Geld, wie die Konkurrenz nicht gleich ziehen kann. Danach kann (und muss!)  fürs gleiche Geld (für den gleichen Gewinn) mehr Gebrauchswerte hergestellt und also auch der Natur abverlangt werden.

Dies ist die materielle Behauptungsgrundlage des nun so oft kritisierten „Wachstumsdenkens“ und  sollte heute zum Grundwissen eines jeden Menschen gehören. Schon damit das Elend all der vielstimmigen Forderungen aufhört, sich „den Wachstumswahn“ mittels Umdenken aus dem Kopf zu schlagen statt nach Veränderungsmöglichkeiten der im wahrsten Sinne (selbst-) mörderisch gewordenen Behauptungsbedingungen am Markt und damit auch in der Produktion zu schauen. (Vergl. „Sind wir des Warensinns?)

Das Vergnügen der Endverbraucher/innen an „kleinen Preisen“ steigert allerdings für das gesamte Kapital (für alle Geldvermehrungsgeselschaften) die so genannte „Mehrwertrate“ weil der Raubbau das zur Reproduktion derArbeitskraft benötigte Arbeitsquantum zunächst einmal senkt. Allerdings git das nur bei gleichem Konsumniveau. Wächst der, schmälert das  die Mehrwertrate wiederum oder sie bleibt gleich.

Die sich ausweitenden bzw. globalisierenden Produktions- bzw. Aneignungsbedingungen der kapitalistischen Natur ist die von der Soziologie in der Tradition Webers und Tönnies  „modern“ genannte Vergesellschaftung, die in dieser Perspektive als ein überhistorisch gültiger Ausdruck sozialen Fortschritts gesehen wird und Emanzipation aus den alten Zuständen der Vergemeinschaftung und Gemeinschaften, die als altbacken, repressiv und Hort von Korruption gesehen werden.

Die privateigentümliche Vergesellschaftung der Produktivitätsgewinne bildet tatsächlich die materielle Grundlage für all die modernen Seeräuberdemokratien, die im Philosophenlatein „die Moderne“ oder „westliche Wertegemeinschaften“ heißen. (Wer den Begriff „Seeräuberdemoktatie“ für eine übertrieben polemische Metapher hält, möge sich vergegenwärtigen, dass Mauretanien seine Fischereirechte für 86 Millionen Euro an die EU übertrug, die nun jährlich Fisch im Marktwert von eineinhalb Milliarden Euro aus dem Meer holt während die Mauretanischen Fischer ihre Boote noch für waghalsige Versuche benutzen können, dem so geschaffenen Elend über das Meer zu entkommen (Vergl. konkret Heft 10 / Oktober 2008).)  Siehe dazu auch:  DIE ZEIT, Ausgabe 49, 27.11.2008 Wer ist hier der Pirat?

Vielfach ist nun zu hören, dass das quantitative Wachstum in qualitatives Wachstum verwandelt werden soll. Dieser neue Fixsternwechsel am Wünsch-Dir-Was-Himmel zeigt zwar ein einigermaßen richtiges Streben im falschen Leben an. Davon zeugen etwa Mahnungen, dass auch  eine  anzustrebende „Faktor 4 Effizienz“ (der doppelte Wohlstand  mit nur halb so viel Ressourcenverbrauch) durch mehr Suffizienz (in etwa: die Fähigkeit, sozial bzw. ökologisch verantwortbare Gründe des Wohlbefindens / des guten Lebens mit dazu geeigneten Mitteln herstellen) ergänzt werden müsse. (Diese Perspektive ist  durchaus keine Erfindung linker Kapitalismuskritiker).

Ohne allerdings zu bennen, welche Qualität denn nun (warum und wodurch) anstelle welcher anderen Qualität wachsen soll, wirkt auch dieser neue Begriff als Fetisch. Dessen Geist soll sich als Segen für die Schöpfung eines nachhaltigen Wohlstands erweisen wo viemehr die Entwicklung einer neuen Arbeitsteilung gefragt sein solte,mit deren Hilfe sich die handenden Subjekte in die Lage vesetzten, miteinander die Zwecke, Methoden, Regionen oder  Mengen des zu Produzierenden auf ihre sozialen bzw. ökologischen Implikationen hin zu untersuchen und in Richtung  eines gemeinsam zu verantwortenden Weltwirtschaftens abzustimmen!

Solange  der neue Fortschrittsbegriff „qalitatives Wachstum“ nicht in die Entwicklung neuer Formen der Arbeitsteilung eingebunden ist, wirkt er als Fetisch, der nicht nur befreiend wirkt sondern auch das alte mysifizieren hilft.

Es ist doch schlicht so: Alle Dinge haben zu jeder Zeit eine quantitative und eine qualitative Seiten. Und gerade die „qualitativen“ Seiten der kapitalistischen Mehrung des menschlichen Bereicherungsvermögens sind legendär – und (siehe Atom- oder Karbonstrom) und sind – gerade weil Quelle der einkaufsparadiesischen Freude am Konsum – eben auch Teil des geschilderten Problems.

Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung, das wohl über jeden Verdacht erhaben ist, irgendwelchen sozialistischen Ideen anzuhängen, ist in der Beziehung sehr viel weiter als  die typischen  Statements und Programme aus „der Linken“ bzw. der umweltbewegten Organisationen und Kommentator(inn)en des Weltgeschehens,  wenn es angesichts der Notwendigkeit, steigenden Bedarf an Lebensmittelproduktion  und Schutz der biologischen Vielfalt miteinender zu vereinbaren, ein globales Ressourcenmanagement fordert.

Zu erkennen gilt, dass „die Vereinbarkeit“ von menschlicher Entwicklung und Natur- und Umweltschutz wirkliche Vereinbarungen über die Bedingungen eines (weltweit) guten Zusammenlebens benötigt. Der Wunsch nach einem ökologisch korrekten Lebensstil ist verständlich und gut. Aber mehr oder weniger sanftes „Nehmen Sie mal ne umweltgerechte Haltung an!- Rufen“ reicht nicht.  Die materiellen, d.h. strukturellen Bedingungen des ökologisch „stilvollen Lebens“ und seiner Verallgemeinerungsfähigkeit und also entsprechende internationale Vereinbarungen  gehören  ins Zentrum der Aufmerksamkeit und damit die Veränderbarkeit der das Verhalten bestimmenden Verhältnisse – zu denen allerdings auch die (künftigen) Lebensbedingungen der vom Wachstumszwang Abhängigen und die Frage nach globaler Entwicklungsgerechtigkeit gehört.

hh


Fetisch des Fetischcharakters?

22. Februar 2009

cropped-marxbah.jpg

Wer wissen möchte, wie kapitalistisches In-der-Umwelt-Sein bzw.kapitalistische Umweltverhältnisse mit mangelndem Umweltbewusstsein bzw. -verhalten zusammenhängen, kommt um Marx Abhandlungen über den Fetischcharakter der Ware nicht herum.

Wie die (aus den privateigentümlichen Produktions- bzw. Aneignungsweisen unweigerlich hervor gehende) „Wahrnehmung sozialer Verhältnisse als Verhältnis von Sachen“ entsprechend beschränktes Verantwortungs- oder  (Un-) Rechtsbewusstsein hervor bringt und was gegen den Warensinn helfen könnte ist in dem Beitrag „Sind wir des Warensinns?“ behandelt.

Die Auseinandersetzung mit dem Fetischcharakter kann allerdings auch ganz seltsame Blüten treiben.  In seinem 2002 erschienenen Aufsatz  „Das Fetischismus-Konzept von Marx und sein Kontext“ äußert sich der Lehrstuhlinhaber des Kulturwissenschaftlichen Seminars der HU Berlin, Professor Dr. Böhme, begeistert über „Marx Fetisch-Konzept“. Das zeige nämlich, dass auch „die Moderne“ im Kern irrational und die einstige Verachtung afrikanischer Fetisch-Rituale deshalb wohl nur eine Projektion katholisch sozialisierter Euro-Zentristen  gewesen sei.  Soweit so gut! Erkenntnisreich beschreibt Böhme z.B. die Geschichte dieser Projektion und zeigt wie in manchen ländlichen Regionen Afrikas Fetischrituale eine soziale Verständigungsgrundlage schaffen, auf deren Basis der dem Fetisch verliehene Zauber tatsächlich wirkt.

Doch genau so stellt sich Böhme offenbar auch den Wirkungszusammenhang des  „Warenzaubers“  der bürgerlichen Welt vor.  Marx Erläuterungen der Voraussetzungen, Mechanismen und Probleme der verkehrten Wahrnehmung sozialer Verhältnisse als Verhältnisse von Sachen vollzieht Böhme nicht nach.  So sieht er auch nicht, dass deren Witz es gerade ist, dass diese unabhängig vom Willen (und den psychischen Motiven) der Menschen immer aufs Neueaus den privateigentümlichen Formen kapitalistischer Vergesellschaftung hervorgehen.

Stattdessen unterstellt Böhme nun Marx, der seiner Meinung nach hier „alles durcheinander bringt „, (?)  mittels geschickter Rhetorik und Metaphorik „ohne Zweifel“ erst die verzauberte Welt des Kapitalfetischs geschaffen, und lediglich seine eigene „Fetischisierung des Warenfetisch“ auf die „der Moderne“ projiziert zu haben.

Auf die skurrilen Einzelheiten der Böhmschen Vorstellung von der „Materialisierung“ marxscher Ideen näher einzugehen, fehlt es mir derzeit leider an Muße. Es sei aber auf die wunderbare Kritik  von Ingo  Elbe verwiesen: Hartmut Böhme:  Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne

Die Böhm‘ schen Projektionen zeigen, wie schwer es gerade für „Bewusstseinsarbeiter“ ist, sich ein Bewusstsein davon zu erarbeiten, was es für das eigene Erkenntnisvermögen bedeutet, wenn die Notwendigkeit fehlt, sich die Einzelheiten der – sich unter kapitalistischen Behauptungsbedingungen unwillkürlich hinter den Rücken der Akteure herstellenden – Vergesellschaftung durch den Kopf gehen zu lassen.

Das wird auch dadurch erschwert, dass die privateigentümlich kopflose Form der Arbeitsteilung dafür sorgt, dass auch die als Vergesellschaftungs-Vorstellungs-Mittel fungierenden Begriffe ihre Funktion als mehr oder minder passende „Griffe an der Wirklichkeit zu ihrer besseren Handhabung“ nicht hinreichend erfüllen können.

Es versteht sich, daß die Aufhebung der Entfremdung immer von der Form der Entfremdung aus geschieht

Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844.MEW Bd. 40, S. 553

Begriffe wie “Freiheit”, “Gerechtigkeit”, “Entfremdung” ” Kapitalismus” , “Sozialismus”, “Produktivkräfte”, “Fortschritt”, “Entwicklung”,  “Natur”,  “Politik”, “Gott”, “Rationalität”, “Bedarf”, “Bedürfnisse”,” Selbstbestimmung” oder auch  “Fetischisierung” erscheinen uns als Fixsterne des Denkens und Handelns!

Sie gelten als die wahren Mittel der Erleuchtung oder zumindest der Beleuchtung des Elends dieser Welt und wie dem zu begegnen sei. Da sie der Orientierung dienen, ist deren Deutung – oft hart manchmal blutig – umkämpft.  Sie stehen für Protest gegen wirkliches Elend, für Seufzer  bedrängter Kreaturen, sind Herz ungemütlicher Zeiten und Geist geistloser Zustände (vgl .  MEW Bd. 1, S. 378)  Manchen versetzt ihr Gebrauch in einen wohligen Rausch.  Aber Vorsicht! Vor Halluzinationen wird gewarnt.

Fern aller konkreten Beziehungen, Interessen und Instinkte wirklicher Menschen und deren Behauptungsbedingungen beginnen uns diese mit eigenem Geist beseelt vorgestellte  Erscheinungen auf der Nase herum zu tanzen und dem menschlichen Denken und Handeln mal diesen und mal jenen Geruch zu verleihen ohne dass sich deren  Spur ins alltägliche  Leben konkret nachvollziehen ließe.

Um so besser kann ihr geschickter Gebrauch Flügel und übermenschliche Kräfte verleihen, die Menschen fesseln, ihnen Orientierung geben und  an der Nase herum führen. Doch nachhaltiges „Uns-aus-dem-Elend-zu-erlösen“ funktioniert so sicher nicht.

Was tun?!

Wie der Warenfetisch lässt sich ein dem sozialen Kontext entfremdeter Begriffsfetischismus  nicht einfach aus dem Kopf schlagen.  Das mag auch nicht in jedem Fall notwendig sein. Mit Hilfe der genannten Mittel der Orientierung (innnerhalb orientierungsloser Verhältnisse) lassen sich viel gute Dinge anstellen und alles ist halt eine Frage sozialer Kämpfe um Deutungsmacht.

Doch bei allem gebotenen Realismus: ein rationaler Diskurs, die Konstruktion einer „idealen Diskursgemeinschaft“ braucht eine Entfetischisierung der sprachlichen Wahrnehmungsmittel. Aber wie soll das gehen?

Faustregel: Um so klarer ihr Kontext, desto handhabbarer wird die begriffliche Erfassung der Wirklichkeit.

Nichts gegen „Entzauberung“ etwa eines trotz (oder wegen?) einer imperialistische Praxis spirituell aufgeladenen Begriffs von  „Rationalität“!

Aber was hilft es, „die Rationalistät“ oder (auch sehr beliebt, aber doppelt mystifizierend) „die westliche Rationalität“ etwa für Prozesse der Verdrängung von lokal angepassten Wirtschaftsweisen mit hoher Agrobiodiversität verantwortlich zu machen?  Welche Konsequenzen außer hilfloses Geister-Abschwören und Begriffs-Verteufelungen aller Art ergeben sich aus einer solchen Ursachenbestimmung?

Um dennoch den Tatsachen auf der Spur zu kommen, muss zumindest danach gefragt werden, in welcher Hinsicht und für welchen (und wessen) Zweck (oder Zeitrahmen) ein bestimmter Gedanke,  Plan, Spielraum, eine bestimmte Methode,  Produktionsweise  oder auch ein bestimmtes Gefühl  zweckdienlich und deshalb rational ist Und in welcher Hinsicht usw. nicht?

These: Alle Rationalität ist Zweckrationalität.

Selbst die sprichwörtliche Blindheit und zeitverschwenderische Verrücktheit Liebender oder der Spaß an künstlerischer Freiheit folgt mehr oder minder bestimmbaren Zwecken. Furztrockenheit und offensichtliche Berechnung wäre hier wenig rational.

Rationaler Diskurs und Entfetischisierung brauchen eine andere Art der Arbeitsteilung

Fehlt es an Möglichkeiten und wird keine Notwendigkeit gesehen, die Entwicklung und Anwendung der menschlichen Lebens- und Bereicherungsmittel  miteinander abzustimmen, erscheint das spezifisch Menschliche,  nämlich Arbeit nicht als freie Umgestaltung der Umwelt zu einem vorher (mit-)bestimmten  sozialen Zweck sondern als eine fremde, unbeherrschbare Angelegenheit, deren  Ergebnisse und Voraussetzungen einem nichts angehen.

Sozialismus hieße Verallgemeinerung des Vermögens, nach den sozialen Zwecken und den für deren Erfüllung notwendigen bzw. zu akzepzierenden Kosten des eigenen Tuns zu fragen,  danach gefragt zu werden und als ein das lokale und  globale Miteinander aktiv mitgestaltender Mensch gefragt zu sein. Nur in so weit die Individuen in entsprechende Rechtfertigungsverhältnissen hinein sozialisiert werden können und sich in ihnen behaupten müssen, können die individuellen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Taten als gesellschaftlich bewusste Produuktivkräfte eingebracht (und behandelt) werden. Die Phrasen vom Selbstzweck hören auf und gemeinschaftliches (auch weltgemeinschaftliches) Zwecksetzen tritt an deren Stelle.

„Freiheit“, „Gleichheit“, „Geschwisterlichkeit“ waren die gedanklichen Fixsterne  der menschlichen Emanzipation in den Grenzen des Warenverkehrs. Von nun an geht es um die Erarbeitung der Möglichkeit, als  frei assoziierte Persönlichkeiten und Zusammenschlüsse gesamtgesellschaftlich rational denken und handeln zu können.

hh


Sind wir des Warensinns?

23. November 2008

Über strukturelle Voraussetzungen eines hinreichenden Bedürfnisses zur Verbraucheraufklärung

marxhandy

Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muß dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen.
Theodor W. Adorno  Minima Moralia, Reflexionen aus dem beschädigten Leben
„… der Kapitalismus ist schon in der Grundlage aufgehoben durch die Voraussetzung, daß der Genuß als treibendes Motiv wirkt, nicht die Bereicherung selbst.
Marx: Das Kapital, MEW Bd. 24, S. 123

Bei der Suche nach Antworten auf Fragen nach strukturellen Hintergründen einer bornierten „Geiz ist geil“  Moral gehören Marx Ansichten des Fetischcharakters der Ware“ auf den Tisch, der  „sobald er als Ware auftaucht, auf dem Kopf zu stehen scheint und aus seinem Holzkopf heraus Grillen entwickelt“.

In der Regel müssen moderne Bürger von Welt das zum guten Leben Notwendige weder eigenhändig der Natur ihrer unmittelbaren Umwelt abtrotzen noch müssen sie für die sozialen bzw. ökologischen Kosten gerade stehen, die das Abtrotzen mit sich bringt. Die Kaufkräftigen aller Länder scheinen auf Ewig von der Sorge befreit, ob und wie sie es schaffen, die Kräfte der Natur für die eigenen Nachkommen zu bewahren oder anzureichern. Stets volle Regale bieten keinen Anlass, sich um die Zukunftsfähigkeit der Naturkräfte zu sorgen, die das Begehrte auf ewig zuverlässig bereit zu stellen scheinen.

Auch der kleine Bürger-König-Kunde von der Straße profitiert – zunächst- von Überfischung, Bodenverwüstung oder dem Raubbau an menschlicher Arbeitskraft. Aus Sicht eines Großeinkäufers, Weiterverarbeiters oder Endverbrauchers scheinen unangenehme Folgen der Übernutzung von Naturkräften auszubleiben, solange sie durch die Erschließung immer neuer Quellen des Wohlstandes kompensiert werden können. Natürliche Grenzen des „Nachwachstums“ scheinen aufgehoben.

Endstation Warensinn?

Die vom Politikwissenschaftler Francis Fukuyama geäußerte Vorstellung vom „Ende der Geschichte“ lebt möglicherweise von dieser Illusion. Warenverkehr versetzt das moderne Bewusstsein in in eine bequeme Lage. Das Losgelöstsein von der Last der Wahrnehmung unangenehmer Voraussetzungen oder Wirkungen des Konsumierens bestimmt offenbar auch den Horizont des philosophischen Zeitgeist, der nicht sieht, dass häufig kein Gras, (Regenwald oder Fisch) mehr nachwächst, wo menschlicher Fortschritt auftritt und sich das unbekümmert als ewiger Kreislauf vorgestellte „Ende der Menschheitsgeschichte“ in einer ökologischen Abwärtsspirale bewegt.

Vielleicht war Karl Marx hier doch weitsichtiger. Für ihn beginnt (!) die Geschichte der Menschheit erst, wenn die entscheidenden Fragen des „Was?“, „Wer?“, „Wo?“, „Wie?“, Wieviel?“, „Wem?“ und „Warum?“ der Produktion – im Großen und Ganzen – in gemeinsamen Abwägungsprozessen entschieden werden können und müssen. Nur in so weit die Menschen die Freiheit besitzen, sich gegenseitig zu nötigen, die soziale und ökologische Vernunft (Verträglichkeit, Nachhaltigkeit) der beabsichtigten Produktionsziele und -methoden zu belegen, kann von einer wirklich gemeinsam handelnden „Menschheit“ die Rede sein. Wie viel Marktwirtschaft zur Herstellung einer solcherart gemeinsam handelnden Menschheit möglich oder auch notwendig ist, mag dahin gestellt sein. Fest steht: Solange eine in ihrer sozialen und ökologischen Wirkung weitgehend blinde Konkurrenz (und damit vor allem die Einsparung von Arbeitsaufwand) die Entscheidungen der Menschen über den Erfolg der Produktion (und damit de Vorsellungen ber deren „Richtigkeit“ bzw. „Rationalität“) bestimmen, treibt das den menschlichen Reichtum in einem unangenehmen Sinne „wie verrückt“ voran! Denn das Verrückte ist, dass den beteiligten Menschen der letztlich bewirkte Schaden (oder Nutzen) herzlich egal bleiben kann, solange sie selbst nicht unmittelbar betroffenen sind. Solange und soweit produzierter Nutzen (oder Schaden) jedoch als Privatsache gelten (kann), scheint auch das philosophische Denken vom Warensinn getrübt.

Geld stinkt nicht .

Warum rebelliert das menschliche (Un-) Rechtsbewusstsein so selten gegen das leichtfertige in Kauf nehmen selbst schwerer Verbrechen im Wortsinne mörderischer Produktionsbedingungen? Vielleicht fehlt es einfach an genau diesen Möglichkeiten, Produktion und Konsum gemeinsam, nach (welt-) gemeinschaftlich reflektierten Kriterien zu steuern. Denn ohne dem kann jedes Glied der globalen Produktions- und Konsumketten nur seinen borniert-privaten Vorteil (oder Nachteil) sehen mit der Folge, dass das durch Raubbau am Meer gewonnene Mehr an Meeresfruchtpizza sogar als Zugewinn an Gerechtigkeit erscheint.

Denn für mich sieht es so aus: ich habe mir die Pizza durch Arbeit redlich verdient. Ein Mehr an Pizza für das gleiche Geld ist für mich wie die Vermehrung des Ergebnisses eigener Mühen. Im Dunklen bleibt, dass nicht ich, sondern die Tier- und Pflanzengesellschaften des Meeres die Meeresfrüchte produzierten (und die endlose Kette fremder Arbeitsvorgänge, sie schließlich auf meinen Teller platzierten). Wie also soll ich riechen, dass mein Gerechtigkeitsgefühl aus Vorgängen gestrickt ist, die meine Mitmenschen arm und die Meere leer macht?

Geld stinkt nicht, und Frutti di Mare auf der Pizza schmecken nicht nach leer gefischtem Meer. Wir müssen offenbar erst mit der Nase darauf gestoßen werden.

Stinkt Geld doch?

Das geschieht etwa, wenn Greenpeace mit Tausenden der Sommerhitze ausgesetzter toter Fische, Krebse und Muscheln zeigt, dass eine Politik stinkt, die es zulässt, dass jedes Jahr allein in der Nordsee 700.000 Tonnen Meerestiere als Beifang völlig sinnlos sterben, weil sie nicht einmal im Hafen angelandet, sondern gleich wieder tot oder sterbend über Bord gekippt werden.“

Mit fair Trade zur Mitmenschlichkeit!

Aktionen für ökologisch und sozial verantwortungsvollen Konsum, wie etwa die Kampagne „Augen auf beim Blumenkauf,“ Fair Trade, umweltbewusstes Reisen, oder der Erwerb von Fisch mit Ökosiegel helfen weiter.

Die individuelle zur Kenntnisnahme und Zähmung des inneren Schweinehundes bei jeder Kaufentscheidung, die täglich mehrfache Entscheidung für oder wider höhere Warenpreise, die durch Mehraufwand für zukunftsfähige, faire Produktion notwenig werden, ist notwenig, lehr- und hilfreich.

Verantwortung öffentlicher Beschaffung

Der Effekt wäre größer, würden die öffentliche Hand und andere Großeinkäufer fair und umweltfreundlich einkaufen (müssen). Auch in diese Richtung gibt es viel versprechende Bewegung.

Zukunftsfähiges Nachfragen nach (oder durch) Mindeststandards?

Soziale und ökologische Kriterien bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen oder der Güter-Beschaffung durch die öffentliche Hand wären – insbesondere in Kombination mit der Frage nach der Erreichbarkeit globaler Nachhaltigkeitsziele  – ein großer Fortschritt bei der Entwicklung eines hinreichenden Willens zu einer sozial und ökologisch reflektierten Nachfrage nach zukunftsfähigen Formen der Produktion. Denn das Bedürfnis, nach der Zukunftsfähigkeit des eigenen Wohlstands zu fragen, wird sich nur in dem Maße entwickeln können, wie Regeln (und deren Anwendung) mit bestimmt werden können, die das mitmenschliche und ökologisch bewusste Handeln zur Normalität machen. Doch auch eine verantwortlich einkaufende „Öffentliche Hand“ wäre dafür nicht ausreichend.

Grad wo private Konkurrenz ums Schneller und Besser im Wortsinne mörderisch wird und sich die freundliche Dr. Jekyll Gestalt der unsichtbaren Hand privaten Aneignens zur Mr. Hyde Klaue zu formen beginnt, müssen soziale und ökologische Mindeststandards festgelegt werden, die weltweit gültig und deshalb in der Lage sind, Sozial- und Ökodumping durch drohende Sonderabgaben oder auch Verkauf von „Verschmutzungsrechten“ usw. zu verunmöglichen.

Erst die Möglichkeit zur Mitbestimmung sozialer Regeln, gibt (gäbe) Anlass, ernsthaft über die Gerechtigkeit dieser und jener Festlegung zu streiten, stachelt das Verlangen nach Informationen über die Grundlagen der zu treffenden Entscheidungen an, macht jede auch noch so privat erscheinende Nachfrage zu einem Gegenstand öffentlichen Nachfragens.

Erlöse aus „Verschmutzungsrechten“, Öko- und Sozialsteuern und -zölle (oder umgekehrt Gutschriften), die so einen Entwicklungsprozess steuern, müssten allerdings dafür eingesetzt werden, Nationen, Branchen usw., die ihre Konkurrenzvorteil bisher weitgehend aus dem Raubbau bzw. dem Mangel an sozialer und ökologischer Zukunftsfähigkeit gewinnen, den Umstieg in ein zukunftsfähiges (menschenwürdiges und naturverträgliches) Wirtschaften zu ermöglichen.

hkeulen(Globale) Notwendigkeiten und (regionale) Möglichkeiten müssen also berücksichtig und finanzielle Mittel wie Maßnahmen zur Förderung nationaler Umbauprogramme so in Zeit und Raum eingeordnet werden, dass auch die sozial und ökologisch problematisch produzierende Nationen in den Prozess einwilligen können. International gültige Mindeststandards und nationale Nachhaltigkeitsstrategien müssten also massentierhaltung macht billigHand in Hand geschaffen und finanziert werden.

Die Herstellung eines solcherart „gemeinsamen Menschheitsgeschichte“ könnte nur als Bündel geschichtlicher Prozesse geschehen, die bestehende oder bereits mögliche Ansätze fortsetzen. Das Kleine (zertifizierte Ökowaren, fair Trade oder freiwilliger Audit) darf aber nicht klein (d.h. auf privaten Goodwill angewiesen) bleiben und es käme darauf an, aus ihnen Regeln zu entwickeln, die aus der sozialen Nische, lebensweltlicher Moden und „Szenen“ heraus führen und auf Veränderungen im Großen und Ganzen abzielen.

Angesichts der rasanten Entwicklung von Nachfragemacht in Ländern wie China, Indien oder Brasilien bleibt für diese „historischen Veränderungsprozesse“ nicht allzu viel Zeit.

hh

Story of Stuff – German from UTOPIA AG on Vimeo.

Den Rest des Beitrags lesen »