Humanistischer Ökologismus?


Mitmenschliches Empfinden, Denken und Handeln entwickeln sich

... mit den Möglichkeien und mit der Notwendigkeit zur Rechtfertigung des eigenen Tun und Lassens.

Notwendigkeit und Fähigkeit zur Rechtfertigung entwickeln sich mit der Notwendigkeit und der Fähigkeit, die Entwicklung und Anwendung der menschlichen und von Menschen beeinflussten Produktivkräfte (die stets auch Destruktivkräfte sind) miteinander abzustimmen.  Die Art gerechte Haltung der Menschen ist ihr aufrechter Gang, und das zeigt sich nicht nur im physiologischen Sinne, sondern auch in der Fähigkeit, für die sozialen bzw. ökologischen Implikationen des menschlichen Tun und Lassen gerade stehen zu können. Entwicklungsziel (Mit-)Menschlichkeit heißt in Zeiten der Globalisierung ökologischer Unvernunft und Ausbeutung, die strukturellen Voraussetzungen dafür zu schaffen.

Ohne dem erwachsen dem menschlichen Kultivierungstrieb all die Ungeheuerlichkeiten des „modernistischen“ Totalitarismus verschiedener Couleur, denen die Erklärung der Menschenrechte ihre  große Bedeutung verdanken.  Die  „Herrenmenschlichkeit“ des Deutschen Nazireiches zeugt ebenso davon wie die stalinistischen Entmenschlichungsdiskurse und -handlungen gegen „nieder zu stampfendes Gewürm“. Letzteres mahnt im Übrigen auch zur äußersten Vorsicht bei der Bestimmung dessen, was als (un-)menschlichen gelten soll und wie das aus der Welt zu schaffen wäre.

Die Minimalanforderung an Humanität, an dem, was an Menschenrechten (zwischen-)staatlich zu garantieren ist bzw. mitmenschliche Empörung gegen entsprechende Inhumanität rechtfertigt, muss von den Schutzbedürfnissen menschlicher Individuen als sich soziokulturell entwickelnde Naturwesen ausgehen. Da Schutz- und Entwicklungsbedürfnisse sowie deren Sozialverträglichkeit nur im freien Diskurs über Erfahrungen mit „Unmenschlichkeit“ ermittelt – und gegebenenfalls relativiert – werden können, ist die Möglichkeit, diesen Schutz- und Entwicklungsbedarf einzufordern, eine notwendige Bedingung für die Entwicklung menschengerechter Verhältnisse

Übrigens gebietet es die Notwendigkeit zur Erklärung und Garantie des menschlichen Schutzbedürfnisses,  keinen „wissenschaftlichen“ Streit darüber zuzulassen,  ob ein als Mensch geborenes Wesen diese oder jene minimale Eigenschaft haben muss, um Anspruch auf den Schutz seiner Menschenwürde zu verdienen.

Gibt es dazu Alternativen? Jede (Mit-)Bestimmung dessen, was an Behandlung (bzw. an Lebens- und Entwicklungsumständen) als (un-)menschlich zu gelten hat bzw. unbedingt einzuhalten ist, enthält der Natur der Sache gemäß, subjektive, also idealistische Momente. Auch Menschen, die mit T-Shirt-Aufdrucken wie „Pitbulls Deutschland“ zum Ausdruck bringen, dass sie lieber als knurrende Beißrobotter denn als Mitmenschen angesehen werden wollen, haben – wenn auch sehr aparte – Vorstellungen ihrer „menschlichen Würde“. Sie sähen diese aber womöglich in Behauptungsordnungen verwirklicht, die besinnungslosen Gehorsam und archaisches Totmachen rechtfertigt.

Und angesichts der leidvollen Erfahrungen mit Faschismus und Stalinismus, und der Gefahr der Endfesselung faschistischer Dispositive in Zeiten schmelzender Polkappen, knapper werdender Ressourcen und umfassender internationaler Interdependenz versteht es sich von selbst, dass diesem Ideal keinerlei Wirkungsmacht zugestanden werden darf. Lediglich muss – eben aus Gründen des Schutzes minimaler Menschenrechte – auch die menschliche Würde der T-Shirt Träger gewahrt und vielleicht aufkommende Lust gefälligst unterdrückt werden, diese Mitmenschen nötigen zu können, sich – dem behaupteten Selbstverständnis gemäß – in öffentlichen Schaukämpfen gegenseitig zu zerfleischen.

Geht es um eine Maximalbestimmung dessen, was als menschlich und als ein Gebot der Mitmenschlichkeit gelten soll, so liegt die Sache nicht so klar auf der Hand.

Wie wird der Mensch mehr Mensch?

Nach Marx/Engels schuf Arbeit den Menschen, das heißt die menschliche Fähigkeit (und Notwendigkeit), Natur zu vorher bestimmten, (ideell vorweg genommenen) Zwecken umzugestalten. Sie sprechen von fortgesetzter Menschwerdung durch die Entwicklung des Vermögens zur zweckmäßigen Umgestaltung der Naturumwelt. Für Marx/Engels ist die menschliche Vorgeschichte erst abgeschlossen, wenn die Individuen sich (mit Hilfe ihrer Institutionen) in ihren Bereicherungsbeziehungen zueinender und zur Natur als Mitmenschen bzw. Mitgeschöpfe verhalten können, die miteinander GEMEINSAME Ziele bestimmende und verfolgende bzw. das Gemeinsame antizipieren.  Und das verlangt danach, die bornierten Lebenslagen und Blickwinkel zu überwinden also eine Wirtschaftsweise zu schaffen, auf deren Grundlage sich die Rationalität individueller Handlungen, Gedanken und Gefühle aus der gesellschaftlichen Notwendigkeit ergibt, miteinender abzuwägen, zu welchem Zweck wo, wie (zu welchen Bedingungen und mit welchen Produktionsmitteln) wieviel Arbeit investiert werden sollte.

Schließt die Menschwerdung notwendig den Willen zum vermehrten Naturschutz ein und zwar auch dann, wenn das für Menschen nutzlos wäre?

Wissenschaftlich lässt sich der philosophische Streit um eine Mensch zentrierte  oder die außermenschliche Natur (also das Unmenschliche?) einbeziehende  Naturschutzethik nicht klären. Ist die Entscheidung, diese oder jene Tier- oder Pflanzenart auch dann erhaltenswert zu finden, wenn Menschen durch deren Ausrottung keinen Schaden nehmen würden, „Natur zentrisch“? Oder ist Wille zu mehr Naturschutz ein Ausdruck der Entwicklung unserer spezifisch menschlichen Verantwortlichkeitsnatur?

Auch eine „Natur zentrierte“ Interpretation käme um humanistische Bestimmung nicht herum: Außerhalb des Menschen ist Natur definitiv unmenschlich.

Tiere und Pflanzen haben auch Werte. Sie sind füreinander Nährwert. Erhaltenswert ist, wer nicht verdrängt werden kann, etwa, weil er/sie sich ausreichend erfolgreich gegen das Nährwertsein wehrt, sich an die Überlebensbedingungen anpasst. In der Entwicklung körperlicher und geistiger Fähigkeiten herrscht ständiger „Rüstungswettlauf“ zwischen Nahrungs- und Fortpflanzungskonkurrenten sowie zwischen Jäger und der Gejagten. In der Regel gelingt irgend eine Form von Co-Evolution. Doch seit sich die menschlichen Produktivkräfte so warensinnig entwickeln, kann „die Natur“, (sprich die von dem Menschen bedrohten Natursubjekte) Gegenkräfte gegen ihre Ausrottung zunehmend nur noch innerhalb des menschlichen Reflexionsvermögens entwickeln. Genügend (mächtige) Menschen (und deren genügend mächtige Institutionen) müssen, wenn nicht materiellen so doch ideellen Gewinn bzw.  Nährwert daraus ziehen können, die Ausrottung zu verhindern.

Menschen sind aufgrund einer ganzen Reihe Besonderheiten dazu prädestiniert. Die lange Kindheit benötigt entsprechende Fürsorgebedürfnisse und Fertigkeiten, die Menschen stärker als die anderen Säugetiere befähigt, sich auch in fremde Wesen hinein zu denken und zu fühlen – was als eine soziale Produktivkraft die gesellschaftliche Entwicklung voran treibt, die wiederum größere Ansprüche an die Mitmenschbildung bedingt.

Die den einzelnen Individuen als Naturgewalt gegenüber tretende Entwicklung der materiellen  und (damit mehr oder minder frei gesetzten) geistigen Produktivkräfte, legt, insofern sie von notwendiger Handarbeit befreit, Ressourcen frei, die es Menschen möglich macht, zum Beispiel all die faszinierenden Natursubjekte und Lebenszusammenhänge zu erforschen, sie zu filmen und anderen Menschen nahe zu bringen. die unter den gegebenen Produktionsverhältnissen unweigerlich zerstört werden.

Nun aber steht das eine menschliche Bedürfnis gegen ein anderes, ebenso allzu menschliches. Es steht das Natur schützende Objekt des menschlichen Triebs, Verantwortung zu spüren, gegen eines, das dem Naturschutz in einem bestimmten Umfang abträglich ist, das aber Verantwortlichkeit gegenüber beispielsweise einem Unternehmen oder der von dessen Wohlergehen abhängigen Familie beweist.

Welche Ethik ist die richtige?

Welches der gegensätzlichen menschlichen Bedürfnisse bzw. Interessen sind die wahrhaft menschlichen? Was sind hierbei die vordringlichen „Schutzbedürfnissen menschlicher Individuen als sich soziokulturell entwickelnde Naturwesen“? Die der „Mensch zentrierten Ignoranten“? Oder die der „Naturromantiker“? Schlicht die, die sich durchzusetzen wissen? Das hört sich eher nach „Naturrecht des Stärkeren“ an als nach einem (mit-)menschlichen Maßstab. Aber wäre dieses „Stärkere“ nicht die Summe freiwilliger Entscheidungen – als Ergebnis überzeugender Argumente?

Selbst wenn wir „wirtschaftliche“  Partikularinteressen und die Macht, sie durchzusetzen, ausklammern, hängt die Entscheidung für oder gegen die Haltung, dass dieser und jener Vorteil nicht die Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten rechtfertigt, doch von historischen Zufällen (von Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen und zu verwerten) ab, (gesellschaftlich und/oder individualgeschichtlich) , die das menschliche Empfinden, Wissen und Urteilen beeinflussen.

Es scheint, als muss konstatiert werden, dass uns weder höhere Wesen noch abstraktes Wissen über einen schlimmen Zustand oder irgend eine den wirklichen Beziehungen „entfremdete“ höhere Moral eine der menschlichen Art gerechten Entscheidung abnimmt, was in dem Falle als das zu Tuende gelten soll.

Als (Mit-) Menschen scheinen wir dazu verdammt zu sein, für die allgemeine Gültigkeit und Verbindlichkeit bestimmter Verhaltensregeln zu kämpfen, die aus eigener Sicht (bzw. dem eigenen Gefühl  oder nach bestem Wissen und Gewissen) als verantwortbar erscheinen – und notfalls auch die  gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die eigenen Ideen im freien Diskurs  überzeugen und für verbindlich erklärt werden können.

Das hieße aus  einer aus Naturschutzsicht begründeten Perspektiven der Entwicklung von mehr Mitmenschlichkeit, mit dafür zu sorgen, dass Menschen ausreichend Wissen und Empathie (gegen-) über außermenschliche Naturerscheinungen aneignen können – und wollen.  Was wiederum notwendig macht, strukturelle Voraussetzungen für die Bildung entsprechender sozialer Kompetenz – und deren  Anwendung zu schaffen. Und das heißt letztlich, Formen globaler Arbeitsteilung zu etablieren, die die Frage nach Zerstörung von Regenwald zugunsten von Bau- und Möbelholz, Kosmetika, Margarine, Fleisch oder Biotreibstoff nicht von privatem (also per Definition von sozialen Rechtfertigungsnöten befreitem) Wissen und Gewissen abhängig macht, sondern eine gemeinsame, weltöffentliche  Abwägung unter zur Kenntnisnahme aller (wahrscheinlichen) Voraussetungen und Folgen kurz- und langfristiger Art voraussetzt.

Streben nach einer so strukturiert mitmenschlichen Gemeinschaft ist das genaue Gegeneil eines regressiven Strebens nach paradiesischer Unschuld und repressiver Zwangsvergemeinschaftung. Es ist ein Moment menschlicher Emanzipation. Erarbeiten wir uns also die (gemeinschaftliche!)  Herrschaft über die gemeinsamen (!) Früchte der (ebenso gemeinsamen!) Erkenntnis ökologischer Zusammenhänge!  Und niemand behaupte, die Früchte kollektiver Sekbstbeherrschung seien faul, nur weil sie – zugegebenermaßen – noch ein wenig hoch hängen.

hhirschel

Siehe auch Ökologischer Humanismus?

One Response to Humanistischer Ökologismus?

  1. […] “mehr (Öko-)Kommunismus wagen” (bzw. mehr ökokommunistischen Humanismus oder mehr kommunistischen Ökohumanismus) scheint mir eine Weiterentwicklung der in Marx Kritik des Gothaer Programms festgehaltenen […]

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