Was ist Natur?


hgWas ist Natur? Alles! Einschließlich dem Nichts? Aber was wäre dessen Natur? Ist Natur etwa gar nicht alles oder nichts sondern im Gegenteil das jeweils Besondere, Eigentümliche, eben die Natur einer Sache?

Fest steht: Was Menschen als Natur und natürlich gilt, ändert sich mit den gesammelten Erfahrungen, dem erworbenen Wissen , der sozialen Lage und den damit verknüpften Erkenntnisinteressen und -fähgkeiten. Gibt es also „die Natur“ nur in der gerade aktuellen menschlichen Einbildung?

Georg Lukács schien das so zu sehen. In einem auf der Website der Rosa Luxemburg Stiftung in der „Reihe Manuskripte“ veröffentlichten „fiktiven Briefwechsel“ mit Hanna Behrend (NACHHALTIGKEIT ALS POLITISCHE ÖKOLOGIE) zitiert Peter Döge Lukács:

„Natur ist eine gesellschaftliche Kategorie. D.h., was auf einer bestimmten Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung als Natur gilt, wie die Beziehung dieser Natur zum Menschen beschaffen ist, und in welcher Form seine Auseinandersetzung mit ihr stattfindet, also was die Natur der Form und dem Inhalt, dem Umfang und der Gegenständlichkeit nach ist, zu bedeuten hat, ist stets gesellschaftlich bedingt“

LUKACS, Georg (1983): Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien über marxistische Dialektik, Darmstadt / Neuwied: Luchterhand

Gibt es tatsächlich keinen Unterschied zwischen dem, „was die Natur der Form und dem Inhalt, dem Umfang und der Gegenständlichkeit nach ist“ und dem, was er für Menschen einer jeweiligen Epoche, Stellung usw. bedeutet?

Alle Gegenstände der Natur sind die Summe ihrer bisherigen und potenziellen Bedeutungen, die sie Kraft ihrer Beschaffenheit für ihre Umwelt haben und die ihre Umwelt ihnen Kraft ihrer Beschaffenheit (oder was sie dafür hält) zu geben in der Lage ist. Alles Existierende ist die Summe seiner Wirkungen und Wirkungspotenziale. Allerdings wirkt ein Naturgegenstand nicht allein auf Menschen. Obwohl die physische Beschaffenheit eines Baums innerhalb eines Tages relativ konstant bleibt modifiziert sich in der Zeit beständig sein Dasein weil stets etwas anders auf ihn einwirkt und an Wirkung von ihm ausgeht. Jede Wechselwirkung mit Bodenorganismen, Insekten, einem Faultier, Jäger, Baumfäller, Jogger, Spaziergänger oder Fotografen macht den Baum ein wenig (!) anders. Aber dass der Baum aufhören würde als ein Natursubjekt oder -gegenstand zu existieren, weil seine Beschaffenheit zwar für Schmetterlinge, Krähen oder Regentropfen eine Bedeutung behält bzw. diese für den Baum, aber der Baum noch keinen Menschen zu Gesicht bekommen hat und umgekehrt, ist eine sehr eigentümliche Idee.

Was an einem gezüchteten Baum natürlich genannt wird und was künstlich mag von dem abhängen, was der Betrachter und die Betrachterin in ihm sehen will. Das ändert aber nichts an der Natur seiner von menschlicher Aufmerksamkeit unabhängigen Wechselwirkungen.

Auch der Gegenpart des „fiktiven Briefwechsels“ Hanna Behrend widerspricht Döge:

„Natur existiert auch außerhalb und unabhängig von Gesellschaft. Gewiss ist Natur auch ein Begriff, ein von Menschen geschaffenes und genutztes Zeichen, das nur in und abhängig von der Gesellschaft existiert und von verschiedenen Diskursen mit verschiedenen Inhalten gefüllt wird. Dem Begriff „Natur“ ist es zwar gleichgültig, wenn die Artenvielfalt drastisch zurückgeht; der Anpassungsdruck auf die Tiergattungen, dem sie ausgesetzt sind, wenn ihre Beutetiere verschwinden und sie verhungern und aussterben müssen, besteht jedoch nicht nur in unserem Bewusstsein sondern ist eine von unserer Wahrnehmung unabhängige Tatsache. Auch können Luft und Wasser, Feuer und Erde, Berge und Täler, Tiere und Pflanzen, Sonne, Mond und Sterne ohne die Menschheit bestehen, sind also unabhängig von ihr existenzfähig. Natur ist also nicht nur eine gesellschaftliche Kategorie – das ist sie immer in Relation zu uns Menschen. Sie ist auch eine von der Menschheit unabhängige Realität.“

hhirschel

Nachtrag: Kate Soper zitiert in ihrem Beitrag „Future Cultur. Realismus, Humanismus und die Politik der Natur“ (im Sammelband Philosophieren unter anderen „Beiträge zum Palaver der Menschheit“) den „Naturkonstruktivisten“ Steven Vogel:

Da „Natur“ eine  soziale Kategorie ist, sind die „natürliche“ und die soziale Welt ununterscheidbar

Ok, dann sind Bankräuber und  Polizisten wohl auch ununterscheidbar, weil beides eine kriminalistische Kategorie ist. (Soper weist an der Stelle übrigens auf Widersprüche zu anderen Aussagen Vogels hin und dass das Motiv seiner Vorstellung  von der sozialen Konstruiertheit all dessen, was wir „Natur“ nennen, die Wahrnehmung sozialer Verantwortung für alle „Natur“  ist – was gewiss ehrenhaft ist, in Bezug auf Sonne, Mond und Sterne aber auch leicht übertrieben wirkt)

Sie auch „Ökologischer Humanismus“ bzw.  „humanistische Ökologie“

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4 Responses to Was ist Natur?

  1. […] Was ist Natur? […]

  2. Zum Naturverständnis von Hegel und Ernst Bloch siehe auch bei mir im Blog unter: http://philosophenstuebchen.wordpress.com/2010/02/27/die-natur-ist-kein-vorbei-ernst-blochs-konzept-des-mensch-natur-verhaltnisses/

  3. hhirschel sagt:

    Noch ´n Nachtrag: Sehen wir Kultur, also die besondere Spielraumgestaltung als eine der menschlichen Natur eigene Art der Interaktion, so stellt sich die Frage eines kulturvollen also menschgerechten Verständnisses von Kapitalismus.

    Die kapitalistisch zivilisierte Art, das Recht des Stärkeren zu kultivieren erscheint zunehend als – recht unkultivierte – Heiligung der Naturgewalt Kapitalismus. Denn die erzwingt – auf eine durchaus unmenschliche Art – zugleich Spielräume ihrer sozial bzw. ökologisch vorausschauenden wie rücksichtsvollen, also menschengerechten Art, sie zu gestalten. Und schafft sie zugleich ab.

  4. hhirschel sagt:

    Eine sehr schöne Reflexion über das Mensch-Natur-Verhältnis enthält die von Dieter Wolf verfasste Kritik an Habermas’ Kritik des „Marxschen Produktionsparadigmas“

    Im Allgemeinen geht es in diesem Abschnitt eines Buchprojektes („Vom Wert zum Produktionspreis. Die allgemeine Profitrate als „Attraktor“ eines sozialen komplexen Systems“)um Habermas’reduktionistische Wahrnehmung des Marx’schen Verständnis von gesellschaftlicher Arbeit als Vermittler des Mensch-Natur-Verhältnis und H. daraus abgeleitete – entsprechend falsche – Konstruktion eines Gegensatzes von System- und Lebenswelt.

    Die Frage, was an der Natur menschlich und unmenschlich, an der Menschlichen Natur gesellschaftlich ist usw. beginnt mit Abschnitt V. auf Seite 12

    http://www.dieterwolf.net/pdf/Habermas_Schmidt_Produktionsparadigma.pdf

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