Nachhaltiges Arbeitszeitmamagement?


marxhandy

Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. (…)

Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen.

Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn.

Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.

Marx: Das Kapital, MEW Bd. 25, S. 828

In den 1990er Jahren wurde die in Richtung 35 Stundenwoche gehende Vorwärtsbewegung mitsamt der damit verbundenen Debatten um mehr  individuelle Zeitsouveränität für soziale Demokratie und Abbau der nicht mehr zeitgemäßen geschlechtlichen Arbeitsteilung in der häuslichen Reproduktion brutal gestoppt. Die sozialen Kräfteverhältnisse hatten sich zugunsten des auf  „Exportweltmeister Deutschland“ setzende Kapital verändert.  Gegenüber 1995 sank der durchschnittliche Reallohn 2006  um nahezu 1 %.

Auf der Ver.di  Website Verdi-Perspektiven schreibt Jörg Wiedemuth im Herbst 2006

„Der Anteil derjenigen, die glauben, durch Zugeständnisse bei der Arbeitszeitdauer ihren Arbeitsplatz im Betrieb retten zu können, wächst eher als er schrumpft. Massenarbeitslosigkeit und Reallohnverlust sind nicht der Humus auf dem Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung gedeihen.“

Die Durchsetzung einer 30 Stundenwoche ist also derzeit wenig realistisch. Andererseits darf das nicht davon abbringen, über die Sinnhaftigkeit oder auch Notwendigkeit einer solchen Normalarbeitszeit und wie diese gegebenenfalls (international) durchzusetzen wäre zu reden. So wie es auch notwendig ist, unabhängig von der derzeitigen Durchsetzbarkeit über sozial bzw. ökologisch zukunftsfähige Prokopf Mengen an CO2 Ausstoß aber auch z.B. Fleischverzehr zu reden!  Schließlich gibt es derzeit  mit der krisenbedingten Kurzarbeit eine erzwungene Arbeitszeitverkürzung.

Hier soll z.B. interessieren, was eine 30 Stunden Normalarbeitszeit aus der Sicht eines sozial bzw. ökologisch zukunftsfähigen Ressourcenmanagement bringen könnte. Die „ökologischen“ Vorteile einer zunehmenden Energie- und Rohstoffeffizienz  wurden bisher stets durch eine Ausdehnung der Nachfrage überkompensert. Das schöne Argument, dass man mit Energiesparen auch Geld sparen kann, ist ein ökologisches Nullsummenspiel, wenn die gesparten Euro z.B. für Wochenend Flugreisen ausgegeben werden.

Arbeitszeitverkürzung wirkt vermutlich ähnlich widersprüchlich. Dass sie den Anreiz zur  Produktivitätssteigerung erhöht, muss nicht ökologisch kontraproduktiv sein, wenn Maßnahmen ergriffen werden könnten, die dafür sorgten, dass die gesparte Arbeitszeit zur Erlangung  eines Produkts ohne Ausweitung des Stoff- und Energieumsatzes auskäme.  Arbeitszeitverkrzung kämen Bemühungen um einen Verzicht auf technisch möglichen aber auf lange Sicht schädlichen  „Reichtum“ entgegen. Neben einer kulturellen Aufwertung von Freizeit als Indikator für individuelles Wohlsein käme es auch auf das Freizeitverhalten oder besser die Schaffung von Bedingungen für ökologisch hoch reflektierte und entsprechend rücksichtsvolle Freizeitbeziehungen an.

Könnte spannend werden …

0 Responses to Nachhaltiges Arbeitszeitmamagement?

  1. hhirschel sagt:

    Die Bremer Arbeitszeitinittiative arbeitet an der Entwicklung der Perspektive Arbeitszeitverkürzung. Auf deren Website sind einige Argumente pro AZV zusammengetragen.

    Von Interesse dürfte vor allem der Reader der attacAG Arbeit Fair Teilen, hrsg. v. St. Krull, M. Massarrat und M. Steinrücke im Herbst 2009

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