Anti-Anti-Kommunismus?

Leider hatte ich den Vortrag von Michael Koltan über „Liberalismus als antikommunistische Ideologie“ mit dem die „Jour Fixe Initiative“ ihren Zyklus zum Themenkomplex „Anti! Kommunismus“ begann, verpasst und die Wahrnehmung des zweiten Termins fiel meinem sonntäglichen  Erholungsbedürfnisses zum Opfer. Das Thema ist mir wichtig, und den Veranstaltern ist ein differenziertes Herangehen zuzutrauen. Von einer Auseinandersetzung mit den dort vorgetragenen Position verspreche ich mir Fortschritte mit der eigenen Positionsfindung in der Sache. Da die Initiative den Vortrag nicht zum Download bereit hält, halte ich mich erst einmal an den generellen Einladungstext für die Vortragsreihe.

Millionen waren es weltweit, die sich Kommunisten nannten, Militante, Parteimitglieder, Wähler oder Gesinnungsfreunde. Heute sind die meisten von ihnen verstummt und ihre Geschichte ist aus dem Gedächtnis gelöscht. Es gibt keinen Kommunismus mehr, der Antikommunismus aber wütet noch immer und zwar nicht als rationales Konzept sondern als Schimpfwort und nicht als Sache sondern als Aggression. Warum das alles? Ist dieser hohle Antikommunismus nicht vielleicht Angst? Warum hat man Angst? Und wovor?

Aus: Vittorio Foa, Miriam Mafai, Alfredo Reichlin, „Il silenzio dei comunisti“, übersetzt von Eberhard Spreng und Francesca Spinazzi.

Richtet sich das tatsächlich gegen „Antikommunismus“ als Schimpfwort? Oder ist das ein Versehen, und das gemeinte Schimpfwort ist die antikommunistische Schmähung alles „Kommunistischen“? Tatsächlich gäbe es gute Gründe gegen die Verwendung des Begriffs „Antikommunismus“ als Schimpfwort. Es ist tendenziell wissenschaftsfeindlich und allein deshalb nicht sehr kommunistisch. In meinem Verständnis besteht das Kommunistische nicht zuletzt in der Kunst der Wahrnehmung (und gegebenenfalls Herstellung und emanzipationsproduktiven Verarbeitung) gerade versteckter Dispositive der Entwicklung kommunistisch bestimmter Interaktionsbedingungen. Und wer  ernsthaft über deren Notwendigkeit, Möglichkeit und möglichen bzw. notwendigen Gestalt nachdenkt, sollte es nicht wundern, sie auch in bestimmten Formen des Antikommunismus zu entdecken, dass also ein erklärter, d.h. subjektiv als solcher gesehener „Anti-Kommunismus“ eben auch Kommunismuspotenzial enthalten kann.

Seit das Gespenst des Kommunismus umgeht, haben sich die herrschenden Mächte zu einer Hetzjagd verbündet. Der Antikommunismus war geboren und machte sich ideologisch wie praktisch auf, die Idee des Kommunismus aus den Köpfen der Sklav_innen, Lohnarbeiter_innen, prekär Beschäftigten, Intellektuellen, Sozialhilfeempfänger_innen, Unangepassten und global „Überflüssigen“ zu vertreiben.

Während die Kommunist_innen die Revolution imaginierten, debattierten und realisierten, taten ihre Feinde alles, diese zu verhindern und bereits Ansätze einer kommunistischen Gesellschaft zu zerschlagen. Und doch redet niemand vom Antikommunismus. Obwohl eine der wirkungsmächtigsten Ideologien des 20. Jahrhunderts, ist er kaum erforscht. Die Monographien, Aufsätze und Sammelbände, die Symposien, Konferenzen und Ausstellungen, die Demonstrationen, Petitionen und Kundgebungen zum Antikommunismus lassen sich an einer Hand aufzählen. Elemente und Ursprünge, Struktur und Wirkung des Antikommunismus sind – auch unter Linken – wenig bekannt. Reden wir vom Antikommunismus!

In der Tat wäre es höchste Zeit für ein herrschaftsfreies Weltpalaver nicht nur über die Notwendigkeit der Etablierung (öko-) kommunistisch bestimmter Interaktionsbedingungen sondern vor allem auch darüber, was diese möglich machen und wie sie funktionieren könnten bzw. funktionieren sollten. Dafür brauchen wir selbstverständlich auch mehr Wissen über Charakter, Grundlagen und Wirkmächtigkeit bzw. Funktion des Antikommunismus.

Wie bei aller Ideologie gilt es allerdings vor der Frage nach deren Aneignung und Pflege bzw. Nutzung für bestimmte gesellschaftliche Zwecke (Verewigung privateigentümlicher Ausbeutung) zu sehen, dass das vielschichtige und in sich widersprüchliche Phänomen des Antikommunismus auch ganz ohne seine bewusste Herstellung (Pflege und Nutzung) unweigerlich, organisch, planlos aus den kapitalistischen Bedingungen der menschlichen Existenzsicherung und Bereicherung selbst hervorgeht.

Zur besseren Erfassung seiner verschiedenartigen Grundlagen, Wesenszüge und Wirkungen bzw. Funktionen wäre das Phänomen des Antikommunismus zunächst zu unterteilen in eines, dass sich 1.) in Opposition zum „Realsozialismus“ herausbildet und 2.) auch ohne die real existenten Schrecken der wahrhaft gespenstischen Sozialismusversuche seit dem Oktober 1917 auskäme.

Hinsichtlich letzterem wäre etwa ein strukturelles Bedürfnis nach der Illusion eines richtigen Lebens im falschen zu nennen. Entfremdung macht das Leben gegebenenfalls einfach und schön aber nicht gut. Trotz dem privateigentümlichen Befreitsein von der Zumutung, für die sozialen bzw. ökologischen Voraussetzungen und Wirkungen seines gesellschaftlichen Tun und Lassens gerade stehen zu müssen, das das bürgerliche Leben charakterisiert (und einen Gutteil seiner Attraktivität auszumachen scheint), lassen sich gegenwärtige Schattenseiten und fehlende Nachhaltigkeit kapitalistisch vermittelter Inseln des privaten Glücks oder Stolzes auf Erreichtes und Strebens nach mehr, nie ganz verdrängen. Alles, was die Vorstellung nähren könnte, dass Glück und Wohlstand (das eigene und das der positiven Identifikationsobjekte) in jedem Fall gerechtfertigt, weil nicht anders bedingt sein können, verspricht Entlastung. Was dagegen nahelegen könnte,  dass die Bedingungen des eigenen Glücks anderen oder der eigenen Zukunft ernste Probleme  bereiten, dies aber keineswegs so sein muss, erscheint dafür als Angriff auf die Grundlagen des persönlichen Glücks. Das Bedürfnis nach der unbedingten Heiligung des eigenen Tun und Lassens wird zum unbedingten Bedürfnis, sich die historisch gegebenen Bedingungen der menschlichen Existenzsicherung und Bereicherung als Naturbedingung vorzustellen, die in Frage zu stellen einer Gotteslästerung gleichkäme.  .

Es sollte nicht überraschen, dass die Abwehr auch dem möglicherweise befreienden Gedanken an die Schaffung der Möglichkeit gilt, die Zwecke, Mittel  und Bedingungen der Her- und Bereitstellung bzw. Pflege menschlichen Wohlstands (öko-) kommunistisch bestimmen zu können, d.h. auf Grundlage (welt-) gemeinschaftlicher Forschungs- und Entscheidungsprozesse, in denen als vereinigte Menschheit agierende Individuen (und deren Institutionen) die unterschiedlichen Bedürfnisse, mit den zu ihrer Befriedigung notwendigen Kosten sozio-ökologischer Natur ins Benehmen bringen.

Auch bei einer positive Bewertung einer solchen Befreiungsperspektive, ganz ohne das schlechte Beispiel historischer Sozialismusversuche und selbst bei hohen Leidensdruck hinsichtlich der gegebenen Lebens- bzw. Interaktionsbedingungen bleiben allerdings  viele gute und in dieser Hinsicht (d.h. im Hinblick auf die kommunistische Befreiungsperspektive ) durchaus rationale Grüne, Vorsicht walten zu lassen. In der bisherigen Geschichte war die  Ahnung nicht wirklich irrational, dass die Entwicklung der technologischen und geistigen Möglichkeiten der Gesellschaft noch nicht reif für einen systematischen Übergang zu (öko-) kommunistischen Vergesellschaftungsweisen ist,  und ohne dem …

…  nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müßte,…

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 34 – 35

Doch für die Diskreditierung des Kommunismus hätte es den Antikommunismus nicht gebraucht. Dies haben die Kommunist_innen selbst bewältigt. Sagen wir es deutlich: nichts hat der kommunistischen Idee so sehr geschadet wie die gescheiterten Versuche ihrer Realisierung. Trotz Stalinismus und Staatssozialismus blieben Widerstand und Emanzipation lebendig, unabhängig davon, ob sie sich als kommunistisch verstanden oder nicht. Auch gegen sie richtet sich der Antikommunismus.

Gemeint ist offenbar, dass sich die berechtigte Antihaltung gegenüber „Stalinismus“ und „Staatssozialismus“, sobald sie als Antikommunismus auftritt, gegen alle wendet, die von den schlechten Erfahrung mit dem „Stalinismus“ bzw. „Staatssozialismus“ unbeirrt Widerstand gegen unerträgliche Verhältnisse leisten, und dass sich das letztlich auch gegen all die wendet, die irgendwelchen Sympathien mit „dem Kommunismus“ gänzlich unverdächtig sind.

Diese Diagnose geht mir ein wenig sehr schnell über die Bedeutung der gescheiterten Versuche für die heutigen Schwierigkeiten hinweg, eine ernsthafte öffentliche Debatte über Notwendigkeit, Möglichkeit und mögliche, bzw. notwendige Gestalt (öko-) kommunistisch bestimmter Interaktionsbedingungen auf den Weg zu bringen. Wie ließe sich heute emanzipationsproduktiv über Antikommunismus reden, ohne danach zu fragen, ab wann, warum und in wie fern die historischen Versuche falsch waren, und warum bzw. wie es in Zukunft  richtig laufen kann.  Nicht ausgeschlossen, dass man dabei aus gutem Grund zu  ähnlichen  Ergebnissen kommt, wie ein nicht geringer Teil der Persönlichkeiten, die sich  als „Antikommunismus“ verstehen und deren Antikommunismus einen Gutteil Anti-Kommunismus enthält.

Erforschen wir also den Antikommunismus: Er ist der ideologische Panzer, den das Bürgertum um seine Produktionsverhältnisse herum schmiedet.

Ja, erforschen wir den Antikommunismus als Ideologie, das heißt als eine Orientierung verleihende Vorstellung, die nicht für einen Faktencheck vorgesehen ist – und hüten uns, unsererseits ideologisch vorzugehen.

Die Menschen sind die Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen pp., aber die wirklichen, wirkenden Menschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben entsprechenden Verkehrs bis zu seinen weitesten Formationen hinauf.Das Bewußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozeß. (…) Ganz im Gegensatz zur deutschen Philosophie, welche vom Himmel auf die Erde herabsteigt, wird hier von der Erde zum Himmel gestiegen. D.h., es wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen, auch nicht von den gesagten, gedachten, eingebildeten, vorgestellten Menschen, um davon aus bei den leibhaftigen Menschen anzukommen; es wird von den wirklich tätigen
Menschen ausgegangen und aus ihrem wirklichen Lebensprozeß auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt. Auch die Nebelbildungen im Gehirn der Menschen sind notwendige Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatierbaren und an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses.
(…)
Diese Betrachtungsweise ist nicht voraussetzungslos: Ihre Voraussetzungen sind die Menschen nicht in irgendeiner phantastischen Abgeschlossenheit und Fixierung, sondern in ihrem wirklichen, empirisch anschaulichen Entwicklungsprozeß unter bestimmten Bedingungen.

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 26 – 27

Weiter im Text der Your Fixe Initiative:

Er dient dem Schutz des Privateigentums und der Ausbeutungsverhältnisse gegen deren Feinde und jegliche Ideen von solidarischen Formen der Vergesellschaftung. Dabei folgt er der Maxime, wonach die beste Verteidigung im Angriff besteht: in der Verleugnung, Verunglimpfung und Ermordung von Kommunist_innen – und vermeintlichen Kommunist_innen. Der Antikommunismus sichert über ein Feindbild das eigene kollektive Selbstbild (als Demokraten, als Westen) ab.

Das beraubt den verschiedenen Facetten, Ebenen und Widersprüchen des Antikommunismus ihrer historisch-materiellen Grundlagen. Es scheint keine Rolle mehr zu spielen, ob (oder zu welchem Anteil) die einzelnen Erscheinungen etwa aus präventiver Schuldabwehr herrühren, die die Illusion in die Möglichkeiten des isolierten Glücks sichert (wie es aus der  strukturellen Entfremdung von den  Mitmenschen, der Naturumwelt und dem eigenen Mitmenschsein notwendigerweise als Bedürfnis hervorgeht) oder aus falschen Schlüssen aus dem berechtigten Entsetzen über Theorie und Praxis des als sich selbst als „Übergang zum Kommunismus“ verstehenden Realsozialismus. Antikommunismus wird hier leider auf eine bestimmte politische Funktion reduziert, das heißt auf die Funktion als Schild und Schwert der (privat) über Produktionsmittel verfügenden Klasse, die damit ihr blankes Klasseninteresse verteidigt: den Schutz ihres Eigentums als Mittel der Ausbeutung.

Dass Antikommunismus als Feindbildmalerei funktioniert, ist richtig, und Feindbilder sind darauf angelegt, in fragwürdiger Weise eigene Fragwürdigkeit zu übertünchen. Kann so  eigene Identität als dieses oder jenes zuverlässig vor Selbstzweifel geschützt werden, nimmt das Verlangen,  ein ums andere Mal die ewige Boshaftigkeit, Niederträchtigkeit, Verschlagenheit usw. von allem bestätigt zu finden, das dem einmal als Feind Erkannten zugerechnet werden kann. Das gilt aber auch für eine reduktionistische Wahrnehmung des Antikommunismus  als feindlicher Einflussagent.

Dies wurde in der realpolitischen Konfrontation des Westens mit dem Realsozialismus am deutlichsten. Im Kalten Krieg trat der Antikommunismus als Garant für Individualismus, Freiheit, Familie und Tradition auf und kämpfte in deren Namen gegen einen äußeren wie inneren Feind. Ist mit dem Untergang des Realsozialismus und dem Triumph des Neoliberalismus auch der ideologische Kitt für die kapitalistischen Gesellschaften verschwunden oder wird er auf andere äußere und innere Feinde übertragen?

Im kalten Krieg schien die Behauptung plausibel, dass Kommunismus nur eine unerträgliche Fessel persönlichen Glücksstrebens, individueller Freiheit und Leistungsgerechtigkeit sein kann und dazu die Bedürfnissen Einzelner ignorieren müsse. Dass die empfundene Gewissheit der Unmöglichkeit, Boshaftigkeit, Naturwidrigkeit usw. des Kommunismus auf einem falschen Kommunismusverständnis fußt, und insofern ein Irrglaube sei, lässt sich zwar leicht behaupten. Nicht ganz so einfach ist es, die Plausibilität dieser Behauptung zu vermitteln. Das verlangt nicht nur eine schonungslose Analyse der historischen Voraussetzungen, Umstände, Fehler, Illusionen, Fehleineinschätzungen usw. des irren Versuchs, mittels geheimpolizeilich abgesicherter Monopolisierung der wesentlichen Produktions- und Aneignungsmittel (inklusive der Mittel zur Produktion und Aneignung von Informationen, Stellung von Problemen usw.)  in die Hände autokratisch regierender Staatsparteiführungen,  kommunistisch (welt- bzw. ökokommunistisch) bestimmte Interaktionsbedingungen zur Grundlage des gesellschaftlichen Für- und Voneinanders zu machen.  Es muss auch auch eine offene und ehrliche Debatte darüber geführt werden, was die Schaffung der Möglichkeit, das menschliche Produktionsvermögen (welt-) gemeinschaftlich zu erschließen, bzw. zu entwickeln und anzuwenden, nicht nur (historisch) notwendig, sondern auch möglich und  nach ethischen Gesichtspunkten vertretbar macht – oder nicht.

Gegen Antikommunismus als Bollwerk gegen einen herrschaftsfreien Diskurs über die Notwendigkeit, Möglichkeit und mögliche bzw. notwendige Gestaltungselemente der Etablierung  (öko-) kommunistisch bestimmter Interaktionsbedingungen hilft Anti-Antikommunismus kaum weiter. Einerseits führt kein Weg an ernste Anstrengungen  vorbei, hier den „linken“ Negativismus zu überwinden. Es bedarf Konzepte für die Etablierung welt- bzw. ökokommunistisch bestimmter  Interaktionsbedingungen, die attraktiv, weil allgemein nachvollziehbar als geeignetes Mittel der Problemlösung, der Garantie von Mitmenschlichkeit und ökologische Verantwortung usw. erkannt werden können und die an bestehende, d.h. im Rahmen kapitalistischer Existenz- bzw. Bereicherungsbedingungen  herausbildende Dispositive der Mitmenschlichkeit und ökologischen Vernunft anknüpfen.

Andererseits gilt es zu verstehen, dass die positiv konzeptionelle Arbeit zwar notwendig,   aber als solche keineswegs hinreichend wäre, um den als Abwehr gemeinsamer Verantwortung  und Verteidigung privat- bzw. nationaleigentümlicher Borniertheit fungierenden Antikommunismus zum Verschwinden zu bringen. Das kann kein noch so überzeugender Diskurs über kommunistische Befreiungsperspektiven bewerkstelligen. Das ginge nur auf Basis hinreichend realer Fortschritte in der Entwicklung gemeinsamer Verantwortung, und ein emanzipationsproduktiver Umgang mit der strukturellen Überforderung auch derer, die danach streben.

Kapitalistisch vergesellschaftete Subjekte (Individuen und Institutionen) gewinnen zwar  Kraft Produktivkraftentwicklung, wie sie die Konkurrenz privateigentümlich aufgestellter Bereicherungsagenturen unweigerlich voran peitscht, im gesellschaftlichen Durchschnitt fortwährend an individuellen Fähigkeiten, gesellschaftlichen Möglichkeiten und damit an persönlicher Entscheidungsfreiheit und Persönlichkeit, doch ändert das nichts am strukturellen Unvermögen, die Bedingungen des gesellschaftlichen Miteinanders auch miteinander zu gestalten. Eine stets sprudelnde Quelle des Antikommunismus (aber interessanterweise auch von scheinbar gegensätzlichen Erscheinungen wie dem  Antiliberalismus, Antisemitismus oder Antiamerikanismus) ist die von den persönlichen Fähigkeiten unabhängige Überforderung, die jedes Bemühen begleitet, das Gefühl eigener Größe, Unabhängigkeit, Mitmenschlichkeit und ökologische Vernunft mit der Unmöglichkeit eines adäquaten, und das heißt stets auch der Unmöglichkeit  eines hinreichend gemeinschaftlichen Handelns zusammenzubringen.

Soweit Produktionszwecke, -mengen, -qualität, -mittel, -bedingungen, -folgen  usw.  nicht wirklich auf Grundlage gemeinsam erarbeiteter und kontrollierter Ziele erfolgen  und die Beteiligten sich nicht wirklich gegenseitig zur Ablegung von Rechenschaft nötigen können (als Bedingung der Möglichkeit, zu wirklich gemeinsamen Zielen zu kommen), können sich auch Ansätze von Mitmenschlichkeit und ökologischer Vernunft (kommunistische Dispositive!) nur in den vereinzelten Einzelnen als deren Wissen und Gewissen, Intention, Ideen oder oder weniger hilflosen Bemühungen um ein richtiges Leben im falschen ansammeln, als „soziales Kapital“. Selbst wenn darin nicht ohne Grund auch Ankerpunkte für ein wachsendes Bedürfnis gesehen werden können, miteinander (!)  zu Lösungen kommen zu können, die im Wissen um die gesellschaftlichen bzw. ökologischen Voraussetzungen und Wirkungen für alle akzeptabel sind, so nötigt doch die Gefangenschaft selbst der besten Absichten in die privateigentümlich beschränkte Welt der Entfremdung (voneinander und der Naturumwelt) doch meist zur  Abwehr wirklich gesellschaftlicher  Problemlösungen.

Wie das konkret aussieht, lässt sich  etwa in Falle von Bemühungen um einen sozio-ökologisch verantwortlichen Konsum studieren. Obwohl die bisher erreichten (minimalen) Möglichkeiten einer solcherart „öko-kommunistischen“ Aneignung gesellschaftlich produzierten Reichtums, d.h. einer Aneignung, die die Sorge um die Qualität der Produktionsbedingungen sozio-ökologischer Natur einschließt,  vom Entwicklungsgrad der dafür geschaffenen Strukturen (Ökolandbau, Fair Trade, Umweltstandards usw.)  abhängen, herrschen doch – betrachtet man z.B. entsprechende Diskussionen in den sozialen Medien – idealistische Appelle an den inneren Schweinehund der als vereinzelte Einzelne handelnden Verbraucher*innen vor.

Es liegt in der Natur kapitalistischer Interaktionsbedingungen, dass die voneinander isoliert reicher, fähiger, menschlicher usw. werdenden Individuen zum Glauben neigen, dass über Wohl und Wehe letztlich die Haltung  vereinzelter Einzelner entscheidet. Selbst erklärtermaßen anti-kapitalistisch motivierten Theoretiker scheint weniger die Frage nach geeigneten Wegen zur Veränderung  untragbar gewordener Strukturen als die nach einem korrekten Lebenswandel zu interessieren. Ulrich Brand etwa verlangt, den „imperialen Lebensstil“ zu überwinden. All überall in den Newsforen wird verlangt, das Profitstreben oder die  Gier nach Billigprodukten zu überwinden, häufig mit einem Ausdruck von Verachtung des Menschen im Allgemeinen vorgebracht oder zumindest all derer, die nicht so korrekt konsumieren.

All das ist Ausdruck struktureller Überforderung. Sie zu überwinden erfordert Veränderungen in den gesellschaftlichen Strukturen,  die der „Entfremdung“ von den  Mitmenschen, der natürlichen Umwelt und dem ökologisch reflektierten Mitmenschsein zugrunde liegen. Das gilt erst Recht für den rechtspopulistischen „Geniestreich“, mit Hilfe windiger Identifikationsobjekte bzw. -muster, die Reinheit, Führung und Omnipotenz versprechen, vor der Erkenntnis zu fliehen, dass es gilt, Formen der Globalisierung zu finden, die die weltweit allen ein gutes Leben ermöglichen ohne dass dies die Grundlagen des guten Lebens aller zerstört.

Dass letztere für ihre Realitätsflucht die gesellschaftlich notwendigen Schwächen der ersten Sorte Individualisten brutalst möglich ausnutzen und ihnen alles Übel der Welt andichten sollte nicht verwundern.

Was passiert mit einer Gesellschaft, deren jahrzehntelange kohärente Ideologie von einem auf den anderen Tag verloren geht, weil ihr Feindbild sich auflöst? Verschwindet diese einfach oder dienen ihre Tickets und ihre Strukturelemente neuen und anderen Feindbildern, die es ermöglichen, das Regime der Angst aufrechtzuerhalten? Aktuellstes Beispiel hierfür ist der erstarkte islamfeindliche Diskurs, der in der Gegenüberstellung von Orient und Okzident erneut einen Ost-West-Gegensatz konstruiert.

Der Antikommunismus war allerdings niemals überall ganz Ideologie in der Bedeutung eines nach eigenem Projektionsbedürfnis geformten, nicht nachvollziehbar begründeten und hinterfragten Feindbildes. Als reale Opposition gegen den Realsozialismus war er mehr oder auch weniger kohärent und enthielt teilweise durchaus in eine kommunistische Rationalität, die auf organisierte Mitmenschlichkeit zielt. Angst vor grundlegenden Veränderungen ist auch im Hinblick auf eine solche kommunistische Rationalität nicht unbedingt irrational. Aus einem Gutgewollt kann schnell ein Schlechtgelaufen werden.

Selbstverständlich ist die Ausbreitung der Konstruktion eines neuen „Ost-West-Gegensatzes“ mit dem Uralt-Polen Zivilisation (= West) und Barbarei (= Ost) mit aller Kraft zurück zu drängen. Sie verkehrt humanistischen Liberalismus, der mitsamt dem darin angelegten Kommunismuspotenzial dringend gebraucht wird, in eine giftige Brühe aus nationalem bzw. Wohlstandchauvinismus, die sich auf alles stürzt, das nach unbequemen Wahrheiten über die eigene Barbarei bzw. Potenzial zur Barbarei und die daraus ableitbare Erkenntnis der Dringlichkeit einer gemeinsamen Weltzivilisation riechen könnte.

Das gilt aber auch für eine „anti-westliche“ Orientierung von „links“. „Linke“ Polemiken gegen „den Westen“  sind nicht nur geeignet, die Irrtümer und Verbrechen des „realsozialistischen“ Versuchs zu relativieren (und das Nachdenken über Kommunismuskonzepte zu vermeiden, die diese Erfahrung berücksichtigen), sie verdecken bzw. legitimieren auch einen kruden Antiliberalismus zu und verhindern so ein emanzipationsproduktives Nachdenken  über die Bedeutung individueller Fähigkeiten und Möglichkeiten, wie sie die kapitalistische Fortschrittsmaschinerie hervorbringt, nicht nur für die Notwendigkeit, sondern auch für die Möglichkeit und Nachhaltigkeit  der Herbeiführung (öko-) kommunistischer Interaktionsbedingungen. (Im Extremfall führt das gar zur teilweisen Identifizierung mit dem islamistischen Faschismus, der  als antiimperialistischer  Robin Hood imaginisiert wird)

Der Antikommunismus ist so fluide wie komplex, so wandelbar wie beharrlich. Es gibt mehr als einen. Es gibt Antikommunismen: Feudalistische und monarchistische, liberale und neoliberale, faschistische und nationalsozialistische, christliche und islamistische, sowie nicht zuletzt sozialdemokratische.

Und nicht zu vergessen, den sich „kommunistisch“ kostümierenden!

Antikommunismen richten sich gegen die Gemeinschaft der Freien und Gleichen, gegen die solidarische Assoziation, gegen die Bewegung, die den hässlichen Zustand Kapitalismus aufhebt, gegen Kommunismus.

Dass sich Antikommunismus gegen Kommunismus richtet, lässt sich denken, aber wie kommunistisch ist die Selbstbeschreibung als „Bewegung, die den häßlichen Zustand Kapitalismus“ aufhebt?

Aber sie gehen weit darüber hinaus. Sie bekämpfen (wie Friedrich Hayek, Margaret Thatcher, Milton Friedman u. a.) die Idee der Gestaltung von solidarischer Gesellschaft überhaupt. Sie verdammen (wie Edmund Burke, diverse Monarchist_innen, Faschist_innen und Nationalsozialist_innen) die Ideen der Aufklärung, die Universalität des Rechts, die Gleichheit im Allgemeinen und die Gleichheit von Geschlechtern im Besonderen. Sie verteidigen Eigentum, Arbeit und Besitz, Familie, Nation und Polizei, die Klassengesellschaft und den strafenden Staat.

Womit wir dem antiaufklärerisch-antiliberalistischen Moment des Antikommunismus auf der Spur sind, was allerdings nicht vergessen machen sollte, dass es eben auch einen durchaus aufklärerischen Anti-Kommunismus gibt, mit dem es vielleicht gilt, ins Gespräch zu kommen.  Zum antiaufklärerischen Antikommunismus hinzuzufügen wäre jedenfalls die dem Neoliberalismus ebenso eigene Abwehr jedweden Gedankens an einer bewussten Gestaltung des Stoffaustausch mit der Natur. Erwähnt werden sollte außerdem, dass der Antikommunismus natürlich nicht das Eigentum als solches sondern das  Privateigentum an Produktionsmittel (ab einer bestimmten Größe) verteidigt bzw. bemüht, von vorn herein jeden Gedanken an gemeineigentümliche Formen der Entwicklung und Anwendung der menschlichen (und von Menschen beeinflussten) Produktionsmittel bzw. Produktivkräfte zu ersticken.

In seiner blutigen Geschichte verband sich der Antikommunismus nicht zuletzt mit der Ideologie und Weltanschauung des Antisemitismus. Antisemitismus und Antikommunismus verbündeten sich im Kampf gegen den Klassenkampf.

Nicht nur im Klassen- sondern auch im Konkurrenzkampf!

Hinter Aufklärung und Kritik, hinter der Französischen und Russischen Revolution, hinter Sozialdemokratie und Kommunismus entdeckten sie den „jüdischen Verschwörer“ gegen Tradition, Familie, Volk und Rasse. Im „jüdischen Bolschewismus“ schufen sie ein Feindbild, das den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und den Massenmord an Jüd_innen legitimierte. Wie sich Antisemitismus und Antikommunismus seit dem 19. Jahrhundert zu einem der konstantesten und wirkungsmächtigsten Feindbilder synthetisierten, ist eine der Schlüsselfragen zum Verständnis des Antikommunismus.

Im Faschismus werden diese Feindbilder extrem verdichtet  und funktionalisiert.  Aber eine Schlüsselfrage zum Verständnis „des“ Antikommunismus?

Da der Realsozialismus kläglich unterging, scheint die Ideologie des Antikommunismus nicht mehr so mächtig zu sein. Doch heute besitzt der Antikommunismus seine größte Wirkungsmacht im Antitotalitarismus, in der Gleichsetzung von Faschismus und Sozialismus, von Nationalsozialismus und Bolschewismus.

Was soll das werden? Über Notwendigkeit, Möglichkeit und mögliche bzw. notwendige Formen und Bedingungen einer (öko-) kommunistischen Transformationsperspektive kann es keinen offenen und für mehr als für die üblichen Träumer und Dogmatiker attraktiven Diskurs geben, solange diejenigen, die ihn beflügeln möchten, nicht schonungslos selbstkritisch,  differenziert und um wissenschaftliche Redlichkeit bemüht an die Frage des Totalitarismus herangehen. Grundthese: Jede politische Orientierung enthält Dispositive totalitärer Menschenfeindlichkeit, die es zu analysieren und zu bekämpfen gilt. Das beginnt fast stets mit ideologischem Waschzwang und unbedingten Reinheit der eigenen Ideen und Projekte.

Die Verteidigung kommunistischer Perspektiven verlangt  eine auf Wissenschaftlichkeit und offenen Meinungsstreit angelegte Begegnung mit Totalitarismustheorien und  herauszufinden, wieweit sich Kommunismus diese nicht zu eigen machen müsste.

Er stabilisiert krisengeschüttelte Gesellschaften, indem er ihre Vergangenheit als totalitär und beendet, ihre Gegenwart aber als ewig erklärt. Geschichtspolitisch reinigt er so auch den Antifaschismus vom Kommunismus, obwohl der Antifaschismus wesentlich kommunistisch geprägt war.

Ehrlich gesagt kann ich mir wirklich schlimmeres vorstellen (sehr viel schlimmeres!) als dass sich krisengeschüttelte Gesellschaften stabilisieren. Die Vorstellung, dass zusammenbrechende Zivilisationen naturgemäß reif für den Kommunismus seien,  und sofort mit dem Einfachen auf das man vorher einfach nicht gekommen war, beginnen würden, wäre da nicht der Antikommunismus mit seiner Totalitarismustheorie, die selbst den Antifaschismus vom Kommunismus reinigt, halte ich für einen gefährlicher Irrtum. Natürlich ist es herrlich, wenn Finanzmarktkrisen die Popularität von Kapitallesekursen in ungeahnte Höhen treiben, aber eine kommunistische Transformationsperspektive zu entwickeln, mit deren Hilfe sich die Gesellschaft tatsächlich Wege zu einem globalen Für- und Voneinander ebnen könnten, das auf einer  welt- bzw. ökokommunistischen Grundlage funktionieren, ist ein unglaublich anspruchsvolles Projekt. Sich aus der Auseinandersetzung um eine adäquate Totalitarismustheorie zurückzuziehen, und die Bemühungen der anderen mit pauschalisierenden Unterstellung einzudecken, bedeutet womöglic, die Chance zu verpassen, in den eigenen Vorstellungen und Ansätzen eingelagerte Anlagen  totalitärer Menschenfeindlichkeit zu entdecken und Strategien zu entwickeln, die deren Entfaltung verhindern.

Diese Erinnerungspoliden Antifaschismus vom Kommunistik lässt sich pointiert in den Ländern Osteuropas beobachten. Enzo Traverso stellt fest, dass mit dem Verschwinden des Marxismus und des kommunistischen Zukunftsversprechens nur noch an Opfer und Totalitarismus gedacht wird und uns somit die Erinnerung an Besiegte, an Widerstand und Scheitern abhanden kam.

Wir erleben doch vor allem eine Stalin-Nostalgie, die Zar-Putins Aggressionen „legitimiert“ und gerade nicht geeignet ist, die historischen Irrtümer des Marxismus aus einer Perspektive, die an Marx öko-humanistischen Kommunismus angelegt wäre,  offen zu legen und damit die Voraussetzung für die Überwindung der Irrtümer zu schaffen.

Der Antikommunismus ist die Ideologie der totalen Herrschaft des Kapitalismus. Antikommunismus ist ein Regime der Angst. Die Abschaffung der Angst in solidarischer Gestaltung der Gesellschaft wäre Kommunismus.

Wenn „er“ denn tatsächlich dahin käme, verallgemeinerbare Konzepte für die Schaffung geeigneter Grundlagen sozio-ökologischer Vernunft zu entwickeln, die auf die Möglichkeit zielen, hinreichend gemeinsame (wenn auch unterschiedlich) Verantwortung wahrnehmen und selbst entsprechend voran gehen zu können.

jour fixe initiative berlin

hhh

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: