Zu Axel Honneths Idee des Sozialismus (2)

Im ersten Teil meiner Auseinandersetzung mit Axel Honneths Bemühung, durch die von ihm vorgeschlagene Neubestimmung der ’sozialistischen Idee‘ „nachzuweisen, dass im Sozialismus durchaus noch ein lebendiger Funken steckt“ (1)  hatte ich dargelegt, warum ich es für keine gute Idee des Philosophen halte, dass er die mögliche Bedeutung der historischen Erfahrungen mit der wenig rühmlichen Realität bisheriger Sozialismusversuche aus seinen Überlegungen ganz ausklammert. Das Gleiche ließe sich zum Fehlen sämtlicher Bezüge zu konkreten gesellschaftlichen Widersprüchen, Ansätzen, Bewegungen der Gegenwart sagen oder zu aktuellen Debatten innerhalb des im weitesten Sinne „marxistischen“ Spektrums. Auf keine der ca. 150 Seiten seiner Ausführungen gibt es auch nur eine Andeutung, dass Ökologie eine Rolle spielen könnte oder sollte.

Der Angesprochene würde vielleicht mit der Forderung kontern, seinem Versuch doch bitte mit hermeneutischem Wohlwollen‘ zu begegnen, sprich, zu akzeptieren, dass sich seine skizzenhaften  Überlegungen auf einem notwendig hohen Abstraktionsniveau bewegen und es darauf ankäme, das in seinen Gedanken steckende Potenzial herauszuarbeiten, es eigenständig weiter zu denken und produktiv zu nutzen.

Also gut: Für Honneth hat die Idee des Sozialismus eine eigene Geschichte, deren moderne Periode damit begann, dass…

„… die französischen Revolution (…) mit ihren Prinzipien  der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit moralische Ansprüche an eine gerechte Sozialordnung geschaffen (hat), auf die sich von nun an jeder beziehen konnte, der Absichten einer weiteren Verbesserung der gesellschaftlichen Umstände hegte. …“

S. 25

Für die verschiedenen Strömungen frühsozialistischer Philosophen der 1830er Jahre sei…

„…Ausgangspunkt des Aufbegehrens gegen die nachrevolutionäre Sozialordnung (…) gewiss (…) die Empörung darüber (gewesen), dass die sich zeitgleich vollziehende Ausweitung des kapitalistischen Marktes einen großen Teil der Bevölkerung daran hinderte,  die inzwischen versprochenen Freiheits- und Gleichheitsgrundsätze für sich in Anspruch zu nehmen; als »entwürdigend«, »beschämend« oder einfach als »unmoralisch« wurde empfunden, dass die Arbeiter mit ihren Familien auf dem Land oder den Städten trotz großer Leistungsbereitschaft der Willkür privater Fabrikbesitzer und Landeigentümer ausgesetzt waren, die ihnen aufgrund von Rentabilitätserwägungen ein Leben in ständiger Not und stets drohender Verelendung abverlangen“

S. 26-27

Nach Honneth ging es den Philosophen des Frühsozialismus um mehr als das, was  Emil Durkheim, John Steward Mill und Joseph Schumpeter. über das Wesen der sozialistischen Zielsetzung behauptet hätten, nämlich dass, um das soziale Elend beseitigen zu können, die Sphäre des Wirtschaftens unter gesellschaftliche Kontrolle zu bringen wäre. Zumindest bei den frühsozialistischen Philosophen und Praktikern ginge es eher darum, die „bereits allgemein proklamierten Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für die Masse der Bevölkerung zu  verwirklichen.“ (S.28). Wenn sie die Überführung der Produktionsmittel in Gemeineigentum forderten, dann nur, um auf diese Weise „moralische Forderungen verwirklichen zu können“  (S. 30)

Zwar wussten die frühsozialistischen Philosophen (Charles Fourier, Saint-Simon) bzw. Praktiker (Own) nach Honneths eigenen Worten nichts von der ihr unterstellten „eigentlichen Motivation“, der Autor räumt auch ein, dass diese Überzeugung…

„… in den Schriften der verschiedenen Autoren nur am Rande erwähnt wird.“

Aber …

„… mit ein wenig  hermeneutischem Wohlwollen ließe sich sagen, daß die drei frühsozialistischen Gruppierungen einen inneren Widerspruch im Prinzipienkatalog der Revolution entdecken, der dadurch bedingt ist, daß die geforderte »Freiheit« bloß rechtlich oder individualistisch verstanden wird; daher laborieren sie alle, ohne es schon recht zu wissen, an den Versuch, den liberalen Begriff der »Freiheit« zu erweitern, daß er mit dem anderen Ziel, der »Brüderlichkeit« irgendwie vereinbart wird.“

 S. 30-31

In der u.a. durch Louis Blanc und Pierre-Joseph Proudhon repräsentierten „zweiten Welle sozialistischer Gruppierungen“ würde die Absicht, die Prinzipien der »Freiheit« und »Brüderlichkeit« durch Umdeutung des ersten Begriffs  miteinander zu versöhnen noch (!) deutlicher.  Blanc und Proudhon hätten ein Verständnis von »Freiheit« beklagt, das nur die Freiheit der“Institutionen der expandierenden Marktwirtschaft“ spiegeln würde, ihren „Privategoismus“ zu verfolgen. (alle S. 31)

Honneth schlussfolgert:

Insofern gehen Blanc und Proudhon davon aus, daß es die Aufgabe des von ihnen verfochtenen Sozialismus ist, einen Widerspruch in den mit der Französischen  Revolution gleichzeitig erhobenen Forderungen zu beseitigen: daß sich nämlich das normative Ziel  der »Brüderlichkeit, des solidarischen Füreinandereinstehens, deswegen nicht einmal in Ansätzen realisieren lässt, weil das andere Ziel, das der »Freiheit«, ausschließlich in jenen Kategorien eines privaten Egoismus gefasst ist, wie er sich in den Konkurrenzverhältnissen des kapitalistischen Marktes niedergeschlagen hat.

Die wirtschaftspolitischen Pläne, die Blanc und Proudhon entwickeln, um den Markt durch andere Formen der Produktion und Distribution entweder zu ergänzen  oder zu ersetzen, sind daher zuvörderst an der Absicht orientiert, in der Sphäre des ökonomischen Handelns eine Art von »Freiheit« Wirklichkeit werden zu lassen, die dem weiterhin bestehenden Anspruch  auf »Brüderlichkeit« nicht länger im Wege steht; nur dann, wenn dort, im wirtschaftlichen Kraftzentrum der neuen Gesellschaft, die individuelle »Freiheit« nicht als eine private Interessenverfolgung, sondern als ein solidarisches Sich-Ergänzen etabliert werden kann, lassen sich die normativen Forderungen der französischen Revolution widerspruchsfrei verwirklichen.“

(…)

Es geht den Vertretern des Frühsozialismus auch nicht einfach darum, die ökonomische Sphäre sozialen Direktiven zu unterstellen, um damit das Unheil einer nur halbierten, nämlich vor den Toren der Wirtschaft haltmachenden Moralisierung der Gesellschaft abzuwehren; auch sind diese Autoren nicht vordringlich darum bekümmert, durch eine neue Wirtschaftsordnung einfach nur eine gerechte Verteilung lebensnotwendiger Ressourcen zu zu gewährleisten; vielmehr soll die stärkere Vergemeinschaftung der Produktion dem moralischen Ziel dienen, der revolutionär proklamierten Freiheit den Charakter der bloß privaten Interessenverfolgung zu nehmen, um sie in der neuen Form einer ungezwungenen Kooperation mit dem anderen Revolutionsversprechen der Brüderlichkeit vereinbar zu machen.

So gesehen stellt der Sozialismus von Anfang an eine Bewegung der immanenten Kritik der modernen, kapitalistisch verfassten Gesellschaftsordnung dar; akzeptiert werden deren normative Legitimationsgrundlagen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, bezweifelt wird aber, daß diese sich widerspruchsfrei realisieren lassen, wenn die Freiheit nicht weniger individualistisch und damit stärker in Richtung eines intersubjektiven Vollzugs gedacht wird.“

S. 31-32ss

In immer neuen Varianten durchzieht diese Idee Honneths gesamte Intervention: aller Sozialismus soll danach aus dem unstillbaren Bedürfnis rühren, Widersprüche in den ideologischen Leitideen aufzuheben, mit Hilfe deren Leuchtkraft einst der Zivilistionsfortschritt gelang, den die Ablösung der feudalistischen Produktionsbeziehungen durch die Ausbeutung freier Lohnarbeit zweifellos bedeutete.

Tatsächlich konnten die revolutionären Aussichten auf Freiheit, Gleichheit Brüderlichkeit einst erfolgreich die gewohnheitsfaule Selbstverständlichkeit der auf Großgrundbesitz gründenden Ausbeutung untergraben, deren hervorragendes Merkmal die sich gewöhnlich in Personalunion bzw. enger personaler Kumpelei mit dem Klerus vollziehende Einheit von Abpressung, Durchsetzung und Heiligung der erzwungenen Fronarbeit war.

Bevor ich darauf eingehe, wie Honneth Marx zunächst als weiteren Zeugen seines Grundtheorems in Anspruch nimmt um sich sodann doch von dessen Prämissen und Perspektiven zu distanzieren, möchte ich an dieser Stelle einige Absätze lautes Nachdenken über strukturelle Grundlagen von Freiheit, Gleichheit Solidarität  einschieben.

Freiheit!

Mit diesem Schlachtruf auf den Lippen war es einst gelungen, nun auch unabhängig vom Gottesgnadentum feudalistischer Familiendynastien privilegierte Verfügungsgewalt über   Mittel der menschlichen Existenzsicherung und Bereicherung zu erlangen, d.h. über Manufakturen, Fabriken und die sie in Gang haltende Arbeitskraft.  Nationalstaatliche Sicherung  von Gewerbefreiheit und Rechtssicherheit ermöglichen nun die freie Produktion und friedliche Aneignung begehrter Waren und Vermögen, diese zu kaufen oder zu verkaufen. Militär, Polizei, Gerichtsbarkeit und Steuerbehörden treten nicht mehr als unmittelbare Organe der Ausbeutung in Erscheinung. Als dem nationalen Wirtschaftswohl verpflichtete Instanzen haben sie nun dafür zu sorgen, dass sich die von allen traditionellen Bindungen befreiten Wirtschaftssubjekte nicht genötigt sehen, den notwendigen Widerstreit ihrer Interessen gewaltsam austragen und die Gesellschaft dadurch in einem immer währenden Bürgerkrieg zu verwickeln.

Gleichheit …

… vor dem Gesetz, bürgerliches Recht und Rechtsstaatlichkeit, allgemeine Schulbildung, staatlicher Schutz von Leib, Leben und Eigentum, Parteien und Parlamente u.a.ermöglichen nun einen idealerweise allgemein als legal und legitim anerkannten Raum des gewaltfreien Für- und Voneinanders (des füreinander Arbeitens bzw. voneinander Lebens) – zugleich Vorbedingung, Folge und Bedingung der Weiterentwicklung kapitalistischer Entwicklungserfolge. Zum Inbegriff der neuen Freiheit und Gleichheit wurde das nun zum universellen Mittel der menschlichen Existenzsicherung und Bereicherung avancierte Geld. Die allgemeine Tauschware Geld ermöglicht prinzipiell gleichberechtigt agierenden Privatakteuren, gesellschaftlich (vor allem von anderen Privatakteuren) begehrten Güter und Dienste als Waren her- und bereitstellen zu lassen bzw. anzueignen.Waren haben neben ihrem spezifischen Nutzpotenzial die soziale Eigenart, Geld zu kosten bzw. einzubringen. Aufgrund der spezifischen Existenzbedingungen seiner jeweiligen Gestalten (zu der seit Zeiten der Banknoten eine gestrenge Regulierung seiner  Reproduzierbarkeit und Aneignung gehört) hat Geld den überaus interessanten Gebrauchswert, die gesellschaftlichen Tauschwerte aller anderen Waren zu repräsentieren. Das Geld verleiht all ihren unterschiedlichen Gebrauchswerten einen monetären Preisausdruck, der in Wirklichkeit Ausdruck des Arbeitsaufwands ist, der für die Her- und Bereitstellung der jeweiligen Gebrauchswertträger im gesellschaftlichen Durchschnitt notwendig aufzubringen ist. Vorausgesetzt ist, dass die gesellschaftlichen Akteure, denen es nach Verfügung über die produzierten Gebrauchswertträger verlangt, nicht diejenigen sind, die sie haben herstellen lassen und deshalb über sie rechtmäßig verfügen. Sie müssen lediglich über Geld verfügen, dessen Gebrauchswert es ist, einen Tauschwert zu repräsentieren, der den begehrten Tauschobjekten gleichwertig ist und deren Tauschwert einen entsprechenden Preisausdruck gibt. So kann die Geldware als Mittel der friedlichen, weil freiwilligen Her- bzw. Preisgabe privat angeeigneter Gebrauchswerte (privat angeeignetem Bedürfnisbefriedigungs- bzw- Bedarfsdeckungspotenzials) funktionieren.

„Das Geld ist der Gott dieser Welt.“

Engels: Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Marx/Engels, MEW Bd. 2, S. 343

Sehr verschiedene Arbeitsergebnisse, die für sehr unterschiedliche Akteure in sehr unterschiedliche Weise begehrenswert erscheinen (= einen Gebrauchswert besitzen) können so nach dem Prinzip Gleiches gegen Gleiches und damit jenseits von gegenseitiger Übervorteilung, also gewaltfrei (von rechtsstaatlichen Prinzipien und Garantien geschützt) getauscht werden. In seiner „Wertformanalyse“ zeigte Marx, dass das Austauschverhältnis (die jeweilige Quantität des nur als Tauschwert qualitativ Gleichen)  um einen Wert oszilliert, der bei einem Arbeitsaufwand generiert würde, der für die Reproduktion einer Ware im gesellschaftlichen Durchschnitt notwendigerweise  aufzubringenden ist. Das ist unter anderem so, weil die Arbeitsteilung nun nicht mehr mit Gewalt, Untertanengeist und Gottes Segen sondern über den freien Markt vermittelt wird. Anders als die vormals Leibeigenen sind „Lohnsklaven“ nun so frei, selbst über die eigene Arbeitskraft zu verfügen. Da gleichzeitig sowohl von der interessierten Fürsorge der einstigen Herren als auch von der Möglichkeit befreit, andere als die im eigenen Leib  verkörperten Produktionsmittel bzw. Produktivkräfte zu besitzen, sind sie allerdings infolge des „stummen Zwangs der Verhältnisse“ (Marx) genötigt, das Recht über den tatsächlichen Gebrauch der eigenen Arbeitsvermögens temporär und gegen die Zahlung einer Summe Geldes, Eignern der sich außerhalb des eigenen Arbeitsvermögens  befindlichen Produktionsmittel (bzw. Produktivkräfte) zu überlassen.

Freiheiten mit unterschiedlichem Klassencharakter

Die Freiheit, jederzeit das gerade benötigte Arbeitsvermögen einkaufen zu können, ist die historische wie logische Grundlage der Fähigkeit der Gesamtheit kapitalistischer Plusmachereien, eben die Arbeitsmenge in Bewegung zu setzten, die notwendig ist, um die Dinge und Fertigkeiten nach deren Gebrauch es Menschen oder Institutionen verlangt, und über die diese aber nicht verfügen können,  ohne sie zu kaufen, her- und bereitzustellen. Ihren Tauschwert bekommen erarbeitete Mittel der Befriedigung unterschiedlicher Bedürfnisse, weil diejenigen, die die Arbeitsvermögenden bezahlen, damit auch das Recht erworben haben, frei und – gegenüber die Masse der Nichteigner von Produktionsmitteln außerhalb des eigenen Körpers – exklusiv über die von anderen begehrten Arbeitsergebnisse verfügen zu können. Selbstredend ist die Sorte bzw. Klasse Personen bzw. Institutionen, die am Ende des Produktionsprozesses exklusiv über die von anderen begehrten Gebrauchswertträger verfügen (können),  sehr gern bereit, den für sie selbst als Gegenstand des Konsums nutzlosen Besitz preiszugeben. Sie ist, mehr noch, existenziell darauf angewiesen, diese soziale Tat als Akt der eigenen Bereicherung zu vollziehen. Ohne Aussicht auf Vermehrung der in den Produktionsprozess investierten Kaufkraft in der Gestalt von Geld bzw. Geldforderungen, wäre niemand bereit, sein Geld (und damit das Vermögen benötigte Arbeitskraft und sachliche Produktionsmittel legal anzueignen) freiwillig in den Produktionsprozess einzubringen.

Die dabei tatsächlich erreichten Erfolge aller Unternehmen, die miteinander um den Verkauf eines nachgefragten Gebrauchswerts konkurrieren,  bestimmen die Austauschverhältnisses zwischen dem Geld (das nicht frei reproduzierbar ist) und den frei, d.h. unter Konkurrenzbedingungen reproduzierbaren Waren. Sie schwanken unabhängig vom Willen der beteiligten Akteure unweigerlich um einen Wert, der bei einem Arbeitsaufwand generiert würde, der im Falle gleicher Wettbewerbsbedingungen als notwendig anerkannt würde. Das liegt schlicht daran, dass die Konkurrenz der Anbieter qualitativ gleichwertiger Gebrauchswertträger (gleiche Wettbewerbsbedingungen und gleiche wie gleichbleibender Produktivität unterstellt) die für die Abweichungen sorgenden Über- und Unterangebote in letzter Konsequenz mittels Vermehrung oder Reduzierung von Arbeitseinsatz ausgleichen (müssen).

Günstige Austauschverhältnisse, die von Seiten die Bereicherungsagenturen als Differenz zwischen investiertem Kapital und Kauferlös wahrgenommen werden, veranlassen diese, gleiche und gleichbleibende Konkurrenzbedingungen und Produktivität unterstellt, mehr Arbeitskraft einzukaufen, und Konkurrenten steigen nun in die Produktion der anscheinend besonders gewinnbringenden Gebrauchswertträger ein. Erhöhung des Angebot durch zusätzliche Anwendung menschlicher Arbeitskraft! Sinken daraufhin die Warenpreise und damit der gegen Preisgebung der Ware eintauschbare  Geldwert so weit, dass das eingesetzte Kapital nicht mehr oder nicht mehr im notwendigen Ausmaß als privateigentümliches Bereicherungsvermögen funktioniert (und die Erwartungen der Investoren enttäuscht), wird der Einsatz der Arbeitskraft wieder verringert. So schwanken die Preise stets um einen Wert (einem gesellschaftlichen Tauschwert) der bei einem Arbeitsaufwand generiert würde, der genau die Mengen an Gebrauchswertträgern schaffte, deren Verkauf die notwendige Gewinnmarge erlaubte, die die  Investoren veranlasste, weiterhin freiwillig Geldkapital zu investieren. Freiheit der Konkurrenz und gleiche Konkurrenzbedingungen, freies, d.h. beliebig nutzbares Arbeitsvermögen und brüderliche bzw. geschwisterlicher Zusammenhalt bei der Verteidigung dieser Freiheit und Gleichheit sind – unter normalen bzw. idealen Umständen – Existenzbedingung jeder Gesellschaft, auf Grundlage  kapitalistischer Interaktionsbedingungen.

Es muss natürlich eingewandt werden, dass das wirkliche Geschäftsleben weder die Konkurrenzbedingungen noch die Produktivität der unterschiedlichen Konkurrenten gleichsetzt. Werkzeuge und Maschinen, Arbeitsorganisation, Infrastruktur, Ausbildung usw. werden beständig verbessert und so steigt bei gleichem Arbeitsaufwand die Menge der dabei her- und bereitgestellten Gebrauchswertträger. Aus der Sicht der einzelnen Konkurrenten  interessiert auch nicht das Mysterium der Ableitung des Warenwerts aus der zur Produktions des Gebrauchswerts im gesellschaftlichen Durchschnitt zu verausgabende Arbeitszeit Es interessiert allein die Jagd auf das, was  Marx „Extraprofite“ nannte. Extraprofite verlangen nach der Fähigkeit, mit geringerem Arbeitsaufwand (bzw. weniger investiertem Geld) als die Konkurrenz größere Mengen Waren verkaufen zu können. Unternehmen, denen das gelingt, können selbst dann überdurchschnittlichen Profit aneignen, wenn die eigenen Waren nur zum Durchschnittspreis (entsprechend des gesellschaftlichen Durchschnittstauschwerts) oder sogar billiger verkauft werden. Vorausgesetzt ist, dass die eigene Produktion effizienter, d.h. mit weniger Arbeitsaufwand (lebendigem und bereits in Produktionsmittel, Rohstoffe, Halbfertigprodukte etc. vergegenständlichtem Arbeitsaufwand) gestaltet werden kann, als es die Konkurrenz vermag. Eine andere Möglichkeit, Extraprofite zu realisieren, ist, einen „Gebrauchswert“ anzubieten, den die Konkurrenz für eine gewisse Zeit nicht, oder nur mit unverhältnismäßig hoher Verausgabung von Arbeitszeit  zu reproduzieren weiß.

Machen einzelne Konkurrenten mehr Geld als die anderen, weil sie in der gleichen Zeit mehr – gegen Geld eintauschbare – Gebrauchswerte her- und bereitstellen oder einen Gebrauchswert anbieten können, zu dessen Produktion die Konkurrenz nicht ohne weiteres in der Lage ist, lässt sich dies nicht einfach durch Einkauf und Anwendung  freier Arbeitskraft aufholen. Der Extraprofit basiert ja gerade auf die Exklusivität der Fähigkeit zur Einsparung lebendiger Arbeit bzw. auf die Unfähigkeit der Konkurrenz, eben den Gebrauchswert zu produzieren, der ihren Konkurrenten solch konkurrenzlos hohen Gewinn an Aneignungsvermögen in der Form von Kaufkraft einbringt.

Allerdings bleibt es nie auf Ewig bei diesem Zustand der Ungleichheit. Wollen die zurück gefallenen Konkurrenten überleben, müssen sie Mittel und Wege finden, selbst einen Produktivitätsvorsprung zu erreichen bzw. die auf Seiten der Konkurrenz per Produktinnovation erreichte Exklusivität (Konkurrenzlosigkeit) des von ihr angebotenen Gebrauchswert aufzuheben, d.h. sich die Fähigkeit zu erarbeiten (oder  diese einzukaufen) nun selbst Gebrauchswertträger anzubieten, die dem vorher konkurrenzlos angebotenen Nutzpotenzial (im Vergleich zum Preis) gleich oder überlegen ist. Bedingung dieser Ausgleichsbewegung ist auch in diesen beiden Fällen die Freiheit des Zugriffs auf menschliches Arbeitsvermögen.

Hier zeigt sich das Erfolgsgeheimnis der kapitalistischen Produktionsweise.Die Konkurrenz privateigentümlich aufgestellter Bereicherungsagenturen um die besseren Möglichkeiten, die unter der eigener Regie produzierten Gebrauchswertträger gegen den Tauschwertträger Geld einzutauschen, nötigt die Konkurrenten zu einem steten Wettbewerb um Produktivitätssteigerungen und Produktinnovationen.

Das macht Kapitalismus zur unabstellbaren Fortschrittsmaschinerie. Kapitalistische Interaktionsbedingungen nötigen die Wirtschaftssubjekte gänzlich unabhängig von ihren individuellen Stärken und Schwächen charakterlicher oder ideologischer Natur, stets größere und qualitativ höherwertigere (6) Mittel zur Deckung eines unaufhaltsam wachsenden Bedarfs (zur Befriedigung  unaufhaltsam wachsender Bedürfnisse) her- und bereitzustellen. Allen auch gegenläufigen, teilweise katastrophalen, großes Elend produzierenden Tendenzen zum Trotz (klassisch etwa im Zusammenhang mit der Geschichte kolonialer und post-kolonialer Ausbeutung, Probleme der als „ursprüngliche Akkumulation“ bekannten Genese kapitalistischer Produktionsbedingungen oder wenn infolge von Globalisierungs- und Modernisierungsprozessen, ganze Branchen eingehen oder Produktion ins Ausland verlagert wird) ist der kapitalistische Fortschrittsautomatismus am Ende Grundlage immer neuer Möglichkeiten der freien Auswahl immer schönerer bzw. effektiverer Genuss- und Produktionsmittel – und damit all der Möglichkeiten der Entwicklung und Entfaltung unserer menschlichen Fähigkeiten und Freiheiten, die die sogenannten „Moderne“ charakterisieren. Am Ende entstehen immer interessantere Produktionszweige und Berufe, generiert werden nationale Herrlichkeiten und militärischer Stärke, aber auch Erfolge im Kampf um höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit und soziale Absicherung, mehr Ausbildung, Bildung und Unterhaltung und alles, was das Herz – unter diesen Umständen – noch so begehrt. .

Es waren und sind die auf Privateigentum und Konkurrenz aufbauenden Zwänge kapitalistischer Entwicklungsbedingungen, die all die Freiheiten schufen und noch schaffen, die Honneth nun über den Weg eines neuen Sozialismus mit den anderen guten Geistern der bürgerlichen Revolution (Brüderlichkeit bzw. Solidarität oder Mitmenschlichkeit und Gleichheit) ins Benehmen gebracht sehen möchte.

Tatsächlich gibt es viele gute Gründe, einen solchen Pfad säkularer Religiosität zu folgen und einen Sozialismus zu predigen, der die heilige Dreifaltigkeit des lieben Gottes der Aufklärung dazu bringen soll, sich als eine Einheit der lieben Freiheit, Mitmenschlichkeit Gleichheit zu entfalten. Kaum jemand scheint daran zu zweifeln, dass die heute zu beobachtenden Trends zu ungleichen Lebensbedingungen und zur Entmenschlichung und das Wachstum populistischer Demokratieverachtung etwas mit der unbefriedigenden Steuerbarkeit kapitalistischer Produktion zu schaffen haben. Nur fürchte ich, dass ein auf die Forderung nach Widerspruchsfreiheit von Freiheit, Gleichheit Mitmenschlichkeit aufbauender Sozialismus am Ende zu nicht viel mehr als neuen Heilsversprechen führen wird. Zwar lehrt die Geschichte des Irrlichtens bisheriger Sozialismusversuche, dass die Verachtung des bürgerlichen Wertehimmels geradewegs in des Teufels Küche führt, aber es spricht auch viel für eine Entladung der heiligen „Begriffe“, für ein stärkeres Nachdenken über die Dialektik von Entwicklungsprozessen, die diese Werte hervorbringen und nutzen, und genauer zu fragen, welche Freiheiten exakt welchen Zwängen entspringen bzw. in welchen Zwängen münden oder wo Gleichheit zur notwendige Entwicklungsbedingung der Ungleichheit wird.

So ist die unaufhaltsame Konzentration wirtschaftlicher Macht keineswegs der natürliche Gegensatz des freien Wettbewerbs. In jeder Gesellschaft, die auf Basis freier Konkurrenz privater Produktionsagenturen funktioniert, wird die strukturelle Notwendigkeit zur steten Steigerung der Arbeitsproduktivität zur Naturgewalt. Sie drängt auf eine Verringerung des Anteils der im unmittelbaren Produktionsprozess notwendigerweise aufzubringen (lebendigen) Arbeit und damit auf eine Verringerung des Zuwachses am Tauschwert des dabei produzierten Gebrauchspotenzials. Um im Wettbewerb zu bestehen, müssen die für den Produktionsprozess einzukaufenden Produktionsmittel von stets höherer Quantität und und Qualität sein, was bedeutet, dass stets mehr Arbeit bereits für Maschinen, Infrastruktur, Rohstoffe  usw .  verausgabt worden sein musste. Die darin bereits verausgabte (tote) Arbeit kann aber den damit im unmittelbaren Produktionsprozess produzierten Waren selbst keinen Tauschwert hinzufügen, der über den eigenen hinaus ginge weil die Konkurrenz eine entsprechende Preissenkung erzwingt, nachdem deren Wirken den Produktivitätsgewinn verallgemeinert hat.

Dem an der Beobachtung des alltäglichen Geschäftslebens geschulten Verstand ist das  nicht leicht einsichtig, weil aus Sicht erfolgreicher Wettbewerber im Gegenteil die zu überdurchschnittlicher Effizienz verhelfenden Produkte vergangener Arbeit (ihre neuen, Maschinen, Produktionsmethoden,  Produktinnovationen, außergewöhnlich günstig erworbene Rohstoffe usw.) oder eigene exklusive Produktinnovationen als die „eigentliche“ Quelle ihres Profits erscheinen. Für die Gesamtheit der gegeneinander konkurrierenden Agenten privater Produktion und Bereicherung gilt allerdings, dass  – gegenläufige Ursachen, wie etwa die Verbilligung gegenständlicher Produktionsmittel, die den Trend immer wieder einmal aufheben, zum Trotz –  am Ende stets größere Mengen Waren umgesetzt werden müssen, um die gleiche Menge gesellschaftlichen Warentauschwert produzieren bzw. aneignen zu können. Wachsen oder weichen ist für alle Unternehmen eine existenzielle Notwendigkeit, zumal auch die Fähigkeit, durch ein exklusives Angebot besonders nachgefragter Gebrauchswertträger Extraprofite zu erwirtschaften in der Regel eine gewisse Wirtschaftskraft also Größe des Unternehmens voraussetzt. Für die kapitalistische Wirtschaft als Ganze bedeutet das nicht nur einen strukturellen Zwang zur Steigerung des Stoffumsatzes und damit verbundenen Freuden und Probleme, sondern ebenso die Unvermeidbarkeit von Konzentrationsprozessen und damit der Konzentration wirtschaftlicher und letztlich auch politischer Macht.

Dass sich die von Privateigentümlichkeit und Konkurrenz getriebene Fortschrittsmaschine (Produktions- bzw. Produktivitätsfortschrittsmaschine auf deren Grundlage Freiheit, Gleichheit und Mitmenschlichkeit erblühen) tatsächlich nicht abstellen lässt, sorgt  für viel Freude und Genugtuung, und manche glaubten angesichts dieses Wunderantriebs bereits das Ende der  Geschichte wechselnder Gesellschaftsformationen entdeckt zu haben. Sie übersehen, dass der auf Vollautomatik gestellte Bereicherungsfortschritt ebenso vollautomatisch in einen sozio-ökologisch letztlich ruinösen Prozess sich selbst beschleunigender Beschleunigung übergeht, der auf einen Zustand blindwütiger Raserei hinaus läuft, der schließlich droht, die existenziellen Grundlagen eines zivilisierten Lebens überhaupt zu zerstören. Zwar nötigt die Jagd nach Extraprofiten durchaus auch zu Maßnahmen, die auf eine Steigerung der Ressourcenproduktivität zielen, so dass einzelne Gebrauchswertträger mit stets geringerem Stoffumsatz bzw. geringerer Umweltbelastung  produziert werden (können). So erreichte Einsparung von Arbeitsaufwand und also Preissenkungen (im Zuge deren Verallgemeinerung) haben unter den Bedingungen von privateigentümlicher Produktion und freien Wettbewerb der gegeneinander konkurrierenden Wirtschaftssubjekte aber notwendig eine Erweiterung der Produktion zur Folge. So ist der ökologische Vorteil schnell dahin. Selbst bei fehlendem Wirtschaftswachstum (Ausdruck von im gesellschaftlichen Durchschnitt zusätzlich benötigter Arbeitszeit für die Produktion von tauschwertträchtigem Gebrauchswertpotenzial) und geringerem Stoffumsatz pro verkauftem Gebrauchswert wird so ein stets höherer Stoffumsatz generiert.

Die Nationalstaaten können das nicht wirklich stoppen, weil sie selbst auf Gedeih und Verderb vom Erfolg ihrer eigenen, nationalen Bereicherungsagenturen abhängen (d.h. von deren Steuern, Arbeitsplätze und damit Wählerstimmen). Und so muss die scheinbar für alle und bis in alle Ewigkeit so segensreiche Produktivkraftentwicklung zu einem Punkt gelangen, an dem die Notwendigkeit, den marschierenden Fortschritt auf globaler Ebene zur sozialen bzw. ökologischen Vernunft zu bringen und die strukturelle Fesselung gewachsener Möglichkeiten, dies zu tun hinreichend viele Menschen weltweit zu einem tatsächlich gesellschaftsverändernden Handeln nötigen.

Es ist also die entfesselte und am Ende verrückt gewordene Freiheit auf Basis kapitalistischer Bereicherungszwänge, die die Dynamik kapitalistischer Bereicherungsherrlichkeit (und die darauf beruhenden Freiheiten)  in einen existenzbedrohenden Fluch verwandelt und  schließlich weltweit nach der Etablierung  mehr kommunistisch, d.h. mehr gemeinschaftlich  (auch weltgemeinschaftlich) bestimmter Produktionsziele und -bedingungen  verlangen lässt, die der Prämisse nachhaltiger Entwicklung unterliegen am Ende alle gut leben können sollen, ohne dass dies die Grundlagen des guten Lebens aller untergräbt.

Bin jetzt etwas mehr von der direkten Auseinandersetzung mit Honneths Idee des Sozialismus abgekommen, als geplant. Der dritte Teil der Auseinandersetzung folgt in Bälde

hhh

 

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