Alter Geist in neuen Flaschen? Zu Badious Idee eines jacobinischen Kommunismus (1)

Mit Alain Badious Idee des wahren Kommunismus und die Beiträge zu den drei gleichnamigen, von ihm maßgeblich organisierten und inspirierten Konferenzen, die LAIKAtheorie in drei Sammelbänden zusammengetragen hat, werde ich mich in den nächsten Monaten vertieft auseinandersetzen. Über den Beitrag in der WOZ, auf den ich mich hier beziehe, war ich zufällig gestolpert. Für eine systematische Kritik an Badious Ideen, die seine Sicht hinreichend gerecht wird,  taugt das sicher nur begrenzt. Trotzdem: IAlain Badiou ist 78, Philosoph, gilt vielen als bedeutender Denker und streitet für die Idee des Kommunismus. Für die in diesem Blog zu erörternde Idee, dass es jetzt höchste Zeit sei, mehr (Öko-) Kommunismus zu wagen, muss das von Interesse sein. Andererseits: was genau versteht Badiou unter „DIE Idee DES Kommunismus“?  Und was nicht? Warum nur für die Idee und nicht für eine tatsächliche Entwicklungsperspektive deren Kommunismusgestalt erst noch zu bestimmen wäre? Vielleicht bin ich aber nur zu ungeduldig und unwissend, und alles wird später oder ist längst geklärt. Für Badiou scheint jedenfalls klar, und insofern kann ich ihm zustimmen, dass die Welt bald aufhören sollte, kapitalistisch zu funktionieren. In der WOZ schrieb er am 12.02.2015

Heutzutage ist die Welt vollkommen vom globalen Kapitalismus umstellt, der internationalen Oligarchie unterworfen, die ihn regiert, und der monetären Abstraktion als einziger universell anerkannter Form hörig.

Aber was ist die „internationale Oligarchie“ in Badious Augen? Ein einheitlich handelndes Subjekt? Oder ist die einfach nur überall da? Wie kommt er darauf, dass diese den Kapitalismus regiert? Ist das Problem kapitalistischer Vergesellschaftungsbedingungen nicht gerade deren Unregierbarkeit? Von was ist die „monetäre Abstraktion“ (gemeint  ist offenbar das Geld) „die einzig universell anerkannte Form“?  Ist das Geld die einzig universell anerkannte Form der Kommunikation? Der Vermittlung von Bedürfnissen? Von Produktivkräften? Produktionsbedingungen?  Jedenfalls macht Geld in Badious Augen hörig, blöd-konservativ und träge:

In diesem Kontext hat sich ein mittelmässiger intellektueller Konformismus etabliert, eine Resignation, zugleich jammernd und selbstzufrieden, die die Abwesenheit jeder Zukunft begleitet.

Und:

Das wird so weitergehen, solange der wahre Universalismus – wenn die Menschheit ihr eigenes Geschick in die Hand nimmt und sich so die Idee des Kommunismus historisch-politisch neu und entscheidend verkörpert – seine Macht auf dem globalen Terrain nicht entfalten kann

Tatsächlich wird es höchste Zeit, dass wir kapitalistisch globalisierten Menschen uns zur Menschheit formieren. Wie sonst sollen wir das gemeinsame Schicksal tatsächlich auch gemeinsam in die eigenen Hände nehmen können, d.h.entlang gemeinsamer Ziele bzw. -standards. Aber warum soll ich mir das als Werk eines höheren Wesens namens „der wahre Universialismus“ vorstellen, der sich als „Idee des Kommunismus“ in die Körper der Individuen und deren Assoziationen einnistet? Es gibt nur einen Universialismus? Als sein Name geheiligt werde die Idee des Kommunismus? Deren Reich komme um …

… die Unterjochung der Staaten durch die Oligarchie der Besitzenden und deren Bediensteten, die monetäre Abstraktion und schließlich die Identitäten und Gegenidentitäten, die den menschlichen Geist verwüsten und den Tod anrufen, aufzuheben.

?

Nunja, seit Marx wissen wir, dass  auch der Geist geistloser Zeiten nicht von ungefähr kommt. Sicher: Sich tatsächlich kommunistisch, d.h. als eine menschliche Gemeinschaft assoziierende Individuen werden keine selbstherrliche Oligarchie benötigen bzw. erlauben. Vielleicht werden sie Kriterien festlegen müssen, nach denen diese oder jene Privilegiien erlangt oder verspielt werden können. Unter Garantie werden sie auch bessere, d.h. mitmenschlichere und mehr ökologische Vernunft erlaubende Mittel als Geld entwickeln, um menschliches Produktivvermögen in Gang zu setzen, sich die Ergebnisse der menschlichen Kraftanstrengungen anzueignen, das Vermögen, dies zu tun zu regulieren, es auf andere zu übertragen usw. Künftige Generationen werden, nachdem sie erst gewohnt sind, die verschiedenen Bedürfnisse auf kommunistische Weise ins Benehmen mit mit den zur ihrer Befriedigung aufzubringenden Ressourcen, den dabei zu bedenkenden Risiken, unerwünschten Nebenwirkungen usw. zu bringen, womöglich mit Schaudern über die grauen Zeiten der menschlichen Vorgeschichte reden, in denen sich das alles vermittels Geld zu regeln hatte, d.h. per privateigentümlich motivierter Her- und Bereitsstellung bzw. Aneignung von Waren. Allerdings gibt es bekanntlich gute Gründe, die Eröffnung dieser postmonetären Perspektive nicht von einer „Idee des Kommunismus“ zu erwarten, bei der unklar bliebe, welcherart Geist tatsächlich in der so etikettierten Flasche steckt.

Da wäre erst einmal über die Notwendigkeit der Verständigung auf einen ökologische Vernunft erlaubenden und zugleich modernen, freiheitlichen, d.h. ein Höchstmaß an individueller Wahlfreiheit garantierenden Kommunismus zu reden der einen spürbar öko-humanistischen Geist versprüht. Der über die gutbürgerlichen Garantieen individueller Menschenrechte der voneinander, der Natur und den Voraussetzungen und Wirkungen ihrer Mühen entfremdeten Menschen hinausgeht statt dahinter auf barbarische Weise zurück zu fallen. Das hieße auch, den zivilisatorischen Gehalt kapitalistischer Produktionsverhältnisse zu erkennen, d.h. Kapitalismus als notwendiges Zwischenstadium einer historischen Entwicklung zu sehen, die komunistissche (Re-) Produktionsverhältnisse erst möglich machen. Badiou aber sieht lediglich eine…

… Vermischung eines korrumpierten Kapitalismus mit einem mörderischen Gangstertum eine manische Antwort (auftauchen)  subjektiv vom Todestrieb gesteuert, die sich gegen die verschiedensten Identitäten richtet.

Und:

Angesichts des Antagonismus von «Abendland», der Heimat des herrschenden zivilisierten Kapitalismus, und «Islamismus», der sich auf einen blutigen Terrorismus bezieht, erscheinen auf der einen Seite mörderische, bewaffnete Banden oder hoch aufgerüstete Individuen, die ihre Fahnen schwingen, um dem Leichnam irgendeines Gottes Gefolgschaft zu verschaffen. Auf der anderen Seite werden im Namen der Menschenrechte und der Demokratie barbarische internationale Militärexpeditionen geführt, die ganze Staaten zerstören (Jugoslawien, Irak, Libyen, Afghanistan, Sudan, Kongo, Mali, Zentralafrika …) und Tausende von Opfern fordern, ohne mehr zu erreichen, als dass mit den korruptesten Banditen ein prekärer Frieden über Brunnen, Bergwerke, Nahrungsmittel und jene Enklaven ausgehandelt wird, in denen die Multis florieren.

Nach modernem Kommunismus bzw. Entwicklungstheorie klingt das nicht. Solch „anti-imperialistische“ Dämonisierung alles Kapitalistischen weist eher auf die Ermangelung einer (öko-)kommunistischen Perspektive hin, die hinreichend vielen Menschen tatsächlich einsichtig  wäre, weil sie ihnen notwendig, erreichbar und lohnend vorkäme. Was sind Menschenrechte, wenn „der Kapitalismus“ zu deren Verteidigung auf barbarische Weise ganze Staaten zerstört? Nicht die in den Jugoslawienkriegen begangenen ethnischen Säuberungen waren also das Problem, sondern das Ende des jugoslawischen Staatenverbundes. Dass der über die Menschheit gekommene böse Dämon namens „der herrschende zivilisierte Kapitalismus“ eine geographische Heimat haben soll und Badiou diese im „Abendland“ verortet, lässt Anknüpfungspotenzial zu einem gegen die Moderne gerichteten Weltbild vermuten, das  über die als „westlich“ missverstandenen Entfremdungserscheinungen hinwegtröstet. Was wird das am Ende werden?

Es ist eine Verfälschung, diese Kriege und ihre kriminellen Auswirkungen als zentralen Widerspruch der gegenwärtigen Welt darzustellen. Die Armeen und Polizeien des «Kriegs gegen den Terrorismus», die bewaffneten Banden, die sich auf einen tödlichen Islamismus berufen, und alle Staaten gehören heute der gleichen Welt an, einem räuberischen Kapitalismus.

Das ist einseitig, antidialektisch und ignoriert die Fortschrittsfeindlichkeit (hinsichtlich kommunistischer Perspektiven) des menschenverachtenden Regimes in Gaddafis Libyen. Damit verleugnet Badiou, ich möchte sagen ‚auf barbarische Weise‘, Maßstäbe, die für die Gewinnung sozialer Rationalität im Sinne sozio-ökologisch reflektierter Zweckgerichtetheit unerlässlich sind.

Verschiedene pathologische Identitäten fühlen sich allen anderen überlegen, streiten sich in dieser vereinheitlichten Welt heftig um die Überbleibsel lokaler Herrschaft. Man findet in der gleichen Welt, in der die Interessen der Handelnden überall die gleichen sind, die liberale Version des Abendlands, die autoritäre und nationale Version Chinas oder Russlands unter Wladimir Putin, die theokratische Version der Arabischen Emirate, die faschistoide Version der bewaffneten Banden … Die Bevölkerungen werden überall aufgefordert, uneingeschränkt jene Version zu verteidigen, die die lokalen Mächte stützen.

Alles eine braune Soße also, die sich über die Bevölkerung ergießt? Ist die Bevölkerung in Badiuos Augen das einzig verbleibende Gute?  Demokratie gefällt ihm aber auch nicht.

Der linken Revolte der Achtundsechziger entsprungen, ist die Zeitschrift «Charlie Hebdo», wie zahlreiche Intellektuelle, PolitikerInnen, «neue Philosophen», machtlose Ökonominnen und diverse Unterhalter, eine zugleich ironische und fieberhafte Verteidigerin der Demokratie geworden, der Republik, des Laizismus, der Meinungsfreiheit, des freien Unternehmertums, befreiter Sexualität, des freiheitlichen Staats, kurzum: der herrschenden politischen und moralischen Ordnung.

Marx hatte mit gutem Grund neben den zerstörerischen auch die zivilisatorischen Momente des kapitalistischen Für- und Voneinanders hervorgehoben. Uns bleibt heute die Aufgabe, Dinge wie Meinungsfreiheit, Demokratie, die Befreiung aus religiösem Dogmatismus oder das Recht, jede erdenkliche sexuelle Orientierung zu propagieren und auszuleben soweit sie  Mitmenschen nicht schadet, als moderne Produktivkräfte zu sehen, die nach der kommunistischen Überwindung ihrer kapitalistischen Basis verlangen. Wer meint, dass dies nur die anti-kapitalistische Identität gefährdet, macht sich selbst zum Feindbildjunkie, dessen Sucht nach stets neuen Gründen und Anlässen der Empörung Persönlichkeitsveränderungen hervorrufen, an deren Ende eine skurile Interessenidentität gerade mit den reaktionärsten Kräften des Kapitals droht.

Seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts wird allerdings ein neuer Feind im Innern konstruiert: «der Muslim».

Was wären linksradikale Klagen über die Schlechtigkeit der Welt ohne die Leideform. Wo Dinge einfach nur … (z.B. konstruiert)  WERDEN, bleiben die Subjekte des Üblen im Mysteriösen. Deren reale Unterschiede verschwimmen zu einem allmächtigen, bösen Einheitsgeist. Und die zur Passivität verdammten dieser Erde? (Wir, die Menschen, die Bevölkerung usw.)Denen etwas vorkonstruiert WIRD? Die bekommen ihren Subjektcharakter gleich ganz abgesprochen. Aber welche sozialen bzw. politischen  Kräfte, Personen, Institutionen genau konstruieren „den Muslim“ als „neuen Feind im Innern“ und setzt die islamistischen Menschenfeinde mit der mehr oder auch minder hinein sozialisierten kulturellen Religionsbackground in Eins? Und wer nicht? Badiou erwähnt neben „erbärmliche Gesetze gegen islamische Kopfbedeckungen“, der Front National und linke Laizisten auch die Satirezeitschrift Charly Hebdo.

Diese Konstruktion hat sich im Gleichschritt mit der Etablierung verschiedener erbärmlicher Gesetze vollzogen, von der Einschränkung der Meinungsfreiheit über die pedantische Kontrolle von Kleidern und Verbote hinsichtlich der Geschichtsschreibung bis hin zu neuen Befugnissen für die Polizei. Diese Konstruktion hat sich zudem mit dem unaufhaltsamen Aufstieg des Front National, der seit dem Algerienkrieg freizügig und offen einen kolonialen Rassismus praktiziert, in einer Art Konkurrenz von «links» vollzogen. Was auch immer die unterschiedlichen Gründe sein mögen, Tatsache ist, dass sowohl «der Muslim» zu Zeiten Mohammeds wie auch der heutige das schlechte Objekt der Begierde von «Charlie Hebdo» geworden ist. Den Muslim mit Sarkasmus zu überhäufen und über seine Gestalt zu lachen, ist der Geschäftszweck dieses schmierigen «humoristischen» Magazins geworden….

Ehrlich gesagt: Eine Idee des Kommunismus, die dazu inspiriert, Geschäftszwecke überhistorisch schmutzig zu finden und sich darüber zu empören, dass Menschen ihren Lebensunterhalt mit Satire verdienen statt mit ehrlicher Fabrikarbeit (oder deren Idealisierung), ist mir nicht geheuer. Sich über anti-emanzipatorische Erscheinungen in religiösen Systemen lustig zu machen, muss erlaubt sein. Es ist ja in Ordnung, kommunistische Großmütigkeit gegenüber religiösen „Seufzer bedrängter Kreaturen“ .(Marx) demonstrieren zu wollen. Aber muss man sich deswegen auf das Niveau eines Rächer der Beleidigten begeben? Immerhin sieht Badiou glasklar den faschistischen Charakter der Attentäter und ihres Islamismus::

Und die drei jungen Franzosen, die die Polizei so schnell getötet hat? Die drei jungen Männer haben ein Verbrechen verübt, das man meines Erachtens als Verbrechen faschistischen Typs charakterisieren muss. Ein solches faschistisches Verbrechen hat drei Merkmale. Zuerst einmal ist es gezielt und keine blinde Tat, denn die Motivation ist eine ideologische, und zwar eine faschistische, das heißt, das Verbrechen bezieht sich strikt auf Merkmale der Identität: national, rassisch, ethnisch, der Kleidung, religiös … Im vorliegenden Fall sind die Mörder antisemitisch. Öfter zielt das faschistische Verbrechen auf Publizisten, auf Journalistinnen, auf Intellektuelle oder Schriftsteller, die die Mörder als RepräsentantInnen der Gegenseite betrachten. Im vorliegenden Fall also «Charlie Hebdo». Zweitens ist das faschistische Verbrechen extrem gewalttätig, spektakulär, weil es die Idee einer absoluten und kalten Entschiedenheit aufzwingen möchte, die im Selbstmordattentat auch die Möglichkeit des Tods der Mörder einschliesst. Das ist der Aspekt «Es lebe der Tod!», die nihilistische Haltung dieser Aktionen. Drittens hat dieses Verbrechen durch seine gewaltige Grösse, seinen Überraschungseffekt, sein jede Norm sprengendes Mass einen Effekt des Terrors erzielt. Damit hat es aufseiten des Staats und der öffentlichen Meinung unkontrollierte Reaktionen, die sich ganz auf eine rachsüchtige Gegenidentität beziehen, hervorgerufen, die in den Augen der Verbrecher und ihrer Auftraggeber nachträglich symmetrisch das blutige Attentat rechtfertigen. Und genau dies ist geschehen. In diesem Sinn hat das faschistische Verbrechen eine Art Sieg errungen.

Letzteres möchte ich allerdings bezweifeln. Ich sehe nicht, dass das faschistische Kalkül einer zum Kulturkampf gegen „den“ Islam provozierten Gesellschaft tatsächlich aufgegangen ist. Ohne Zweifel gibt es solche Tendenzen, aber sie bleiben beileibe nicht unwidersprochen. Einen Sieg des islamistischen Faschismus zu behaupten sehe ich als Ergebnis einer fatalen Feindbildprojektion, die für (!) ein Aufgehen des faschistischen Kalküls wirkt. Kommunistisch auf ein globales Miteinander zu zielen, das auf Grundlage von Zielen und Standards funktioniert, die sich zur vereinigten Menschheit formierende Assoziationen freier Menschen setzen, müsste aber nach meinem Verständnis gerade auch innerhalb republikanischer „Identitäten“ alles stärken, was in Richtung eines inklusiven, interkulturellen Republikanismus entwickelbar scheint.

Eine beträchtliche Anzahl der Jungen, die unsere Banlieues bevölkern, haben proletarische Eltern afrikanischer Herkunft oder sind selbst aus Afrika gekommen, um zu überleben. Sie gehören deshalb, folgerichtig, oft der islamischen Religion an. Kurzum, sie sind zugleich Proletarier und Kolonisierte – zwei Gründe, ihnen zu misstrauen und mit repressiven Maßnahmen zu begegnen.

Es gibt in Frankreich seit längerem zwei Demonstrationsformen: jene unter der roten Fahne und jene unter der Trikolore. Glauben Sie mir: Ohne die kleinen faschistischen Banden identitären und mörderischen Typs zu verharmlosen – ob sie sich auf sektiererische Formen des Islam, auf die nationale Identität oder auf die Überlegenheit des Abendlands berufen: Wirksam sind nicht die von unseren führenden Köpfen herbeibefohlenen und ausgenützten Trikoloren. Sondern es sind die anderen Banner, die roten, die man wieder hervorholen sollte.

Hier schillert Badious bereits andernorts erwähnte Vorstellung durch, dass die Ausgegrenzten aufgrund ihrer erzwungenen Nichtkorruption dazu prädestiniert seien, einmal „die Idee des Kommunismus“ zu verkörpern. Dass die zur Zeit zornigsten, weil am meisten aus bürgerlichen Perspektiven ausgegrenzten aller proletarischen Jugendliche Frankreichs in eine muslimische Religionskultur hinein sozialisiert wurden bzw. werden, delegitimiert doch nicht die satirischen Respektlosigkeiten der „bürgerlich gewordenen“ Satiriker von  Charlie Hebdo,  Der von Badiou so klar gesehene und beschriebene faschistische Charakter des kaltblütigen Mordanschlag auf Charlie Hebdo und einem koscheren Supermarkt ist für ihn offenbar kein Grund, die republikanischen Ideale und Errungenschaften gegen die faschistische Aggressionen zu verteidigen und in diesem Bereich Verbündete zu suchen. Sollen kommunistische Ideen nicht als Hirngespinst daher kommen, müssten sie das aber tun, bzw. sich eben auch dabei entwickeln. Bei aller notwendigen Kritik an reaktionären Momenten und Potenzialen, die die Versicherung der eigenen bzw. gemeinsamen Liberalität stets auch beinhalten, ist es doch unerlässlich, auch die kommunistischen Dispositive des Republikanismus herausarbeiten und diese nach Kräften zu stärken bzw. weiterzuentwickeln.

«Charlie Hebdo» bellt also in gewissem Sinn mit polizeilichem Gebaren in jenem «amüsanten» Stil von Witzchen mit sexuellem Beigeschmack. Das ist nichts Neues. Betrachten wir nur die Obszönitäten Voltaires gegenüber Jeanne d’Arc: Seine «Jungfrau von Orleans» (1752) ist «Charlie Hebdo» durchaus angemessen. Dieses schmierige Gedicht gegen eine Heldin, die bewunderungswürdig christlich ist, erlaubt uns zu sagen, dass die wahren und starken Aufklärer des kritischen Denkens nicht durch diesen Voltaire aus der Gosse vertreten werden.

Ein interessanter und sicher bedenkenswerter Hinweis. Vom hohen Ross der Bildungsbürgerlichkeit aus auf „unkultivierte Massen“ gegossener Spott ist ja tatsächlich nicht der schlauste oder einfühlsamste Weg zur Konstruktion kommunistischer Perspektiven. Aber eine Identifikation mit den mittels eines „Klassenstandpunkts“ zum „revolutionären Subjekt“ Erkorenen bzw. die undifferenzierte Inschutznahme deren proletarischen Ungehobeltheiten birgt eben auch seine spezifischen Gefahren.

Es verdeutlicht die Weisheit von Robespierre, als er all jene verurteilte, die die anti-religiöse Gewalt zum Herzen der Revolution machen wollten und damit lediglich erreichten, dass viele Menschen ihre Gefolgschaft aufkündigten und der Bürgerkrieg ausbrach. Denn daran scheidet sich die demokratische französische Meinung: Entweder steht man, bewusst oder unbewusst, auf der Seite des immer progressiven und wirklich demokratischen Rousseau oder auf der Seite des Geschäftemachers und Spitzbuben, des reichen, skeptischen Spekulanten und Lüstlings, der wie ein böser Geist in Voltaire saß, der übrigens gelegentlich auch wirkliche Kämpfe austrug.

 Robespierre? Ah ja. Mit den Weisheiten Robespierres gegen das sexistische Witzemachen. Was WIKIPEDIA über die politischen Korrektheiten Robespierres zu berichten weiß..

Robespierre war es, der 1792 in einem Brief verkündete, dass es darum gehe, auf den Trümmern des Thrones die heilige Gleichheit einzurichten. Er meinte damit die Gleichheit vor dem Gesetz und gleiche Chancen in der Politik. Die Gleichheit des Vermögens, von der die Armen träumten, meinte er nicht. Dies erklärte er im April 1793 vor dem Nationalkonvent und versicherte den Reichen, dass er ihre Schätze auf keinen Fall anrühren wolle. Diese Gleichheit war auch nicht für Frauen vorgesehen. Olympe de Gouges wurde 1793 verhaftet und unter anderem für ihre Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, in der sie die volle rechtliche, politische und soziale Gleichstellung beider Geschlechter forderte, hingerichtet.

Ich hoffe doch sehr, dass Badiou den Jacobinismus nicht als Konstruktionselement der von ihm als Leitfaden aller Philosophie gewünschten „Kommunistischen Idee“ sieht. Zeigt allein diese Frage nicht die Notwendigkeit einer explizit (öko-) humanistischen Bestimmung  eines jeden Neuknüpfens kommunistischer Perspektiven?   Über die Zeit des Terrors weiß WIKIPEDIA:

Der Wohlfahrtsausschuss

Am 27. Juli 1793 wurde Robespierre vom Nationalkonvent zum Mitglied des zwölfköpfigen Wohlfahrtsausschusses berufen. In der Folgezeit unterstützte Robespierre alle Maßnahmen gegen sogenannte „Feinde der Revolution“, was ihm seinen Ruf als „Blutrichter“ der Französischen Revolution eintrug. So war er daran beteiligt, Jacques Roux und alle Mitglieder der ihm unliebsamen Enragés zu verhaften und vor Gericht zu stellen. 1794 ließ Robespierre Jacques-René Hébert, verhaften, weil er zum Aufstand aufrief und an eine Wiederholung der Septembermorde von 1792 dachte. Ihm folgte seine Anhängerschaft, die Hébertisten. Am 30. März 1794 ließ der Wohlfahrtsausschuss Danton und dessen Anhänger verhaften und am 5. April auf der Guillotine hinrichten, weil sie angeblich Teil einer „Verschwörung des Auslands“ seien mit dem Ziel, die Monarchie wiederherzustellen. Im Nationalkonvent war zunächst Kritik an den Verhaftungen laut geworden, die Robespierre aber mit Drohungen zum Schweigen brachte:

„Ich behaupte, daß, wer immer in diesem Augenblick zittert, schuldig ist, denn die Unschuld hat von der öffentlichen Überwachung nichts zu befürchten.“[32]

Insgesamt waren es in jenem April 258 Hinrichtungen auf Geheiß des Ausschusses. Im Juni 1794 gab es 688 Hinrichtungen, denn der von Robespierre und Saint-Just dominierte Wohlfahrtsausschuss erließ am 10. Juni 1794 oder 22. Prairial II mit dem so genannten Prairial-Dekret ein neues Gesetz, nach dem Angeklagten kein Rechtsbeistand zukommen durfte und jeder – selbst Konventsmitglieder – ohne einen Mehrheitsbeschluss des Konvents vor das Revolutionstribunal gebracht werden konnte.

Robespierre als leuchtendes Vorbild? Na, herzlichen Dank! Badiou weiter:

Von Anfang an hat sich der Staat des faschistischen Verbrechens in einer maßlosen und höchst gefährlichen Art bedient, weil er in das Register des weltweiten Kriegs die Identität eingeschrieben hat. Dem «fanatischen Muslim» hat man schamlos den guten demokratischen Franzosen gegenübergestellt.

Man hörte sogar den folgenden Ruf, bewundernswert in seiner ausdrucksvollen Freizügigkeit: «Wir sind alle Polizisten.»

Ja, wirklich empörend diese unproletarische Solidarisierung mit den ermordeten Polizisten.

… besteht die zentrale Aufgabe der Emanzipation, der öffentlichen Freiheit, nicht darin, möglichst gemeinsam mit den jungen ProletarierInnen der Banlieues zu handeln, möglichst gemeinsam mit jungen Frauen zu handeln, ob verschleiert oder nicht, was keine Rolle spielt im Rahmen einer neuen Politik, die sich an keine Identität richtet («ProletarierInnen haben kein Vaterland») und die egalitäre Form einer Humanität vorbereitet, die sich ihrer wahren Bestimmung bemächtigt? Einer Politik, die rational in Betracht zieht, dass unsere unerbittlichen Herren, die reichen Herrscher unseres Schicksals, endlich verabschiedet werden?

Wie kommt es nur, dass ausgerechnet der Teil meines wissenschaftlichen Verstandes, der vordringlich mit Fragen der Entwicklung kommunistischer Perspektiven beschäftigt ist, am heftigsten gegen eine so begründete „Verabschiedung der reichen Herren unseres Schicksals“ protestiert? Identitäten müssen keine menschenfeindliche, ausgrenzende, Feindbilder produzierende und als Schild und Schwert des Irrsinns nutzende Überidentifikationen sein. Moderne Identitäten sind spielerisch, oft kunstvoll gestaltet, oft wechselnd, vielschichtig bunt. Dass ausgerechnet die Anti-Identitätsidentität Badious unbedingt eine Ausnahme sein will ist schon seltsam. Soweit erst einmal. Einwände sind willkommen. charlie_hebdo_cover1[1]

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