Weltgemeinschaft ist nicht? Was nicht ist, kann werden!

Innerhalb überschaubarer Zeiträume bewegt sich die Kunst des Möglichmachens naturgemäß innerhalb des historisch Möglichen. Politik kann sich über die Grenzen gegebener Kreislaufstrukturen der Existenzsicherung und Bereicherung nicht einfach hinwegsetzen. Philosophie, verstanden als ein Orientierung verleihendes Ergründen und Bedenken vernünftiger Perspektiven gesellschaftlichen Handelns muss die akuten Zwänge zwar berücksichtigen, kann über sie aber auch ein Stückweit hinaus denken. Sie KANN mehr sein (oder zumindest werden) als geistiges Schmiermittel zur besseren Ausgestaltung dessen, was das von der Naturgewalt Kapitalismus bestimmte Füreinander an Freiheiten erlaubt oder praktisch vorschreibt. Nicht als eine abgehobene Leidenschaft philosophischer Köpfe sondern als Kopf politischer Leidenschaft – zur Begründung gesellschaftlicher Perspektiven politischen Handelns.

Von dem Taz-Autor Bernhard Pötter hätte ich erwartet, dass er sich von dieser grundlegenden Erkenntnis leiten lassen würde. Sein Kommentar zum neuen Weltklimabericht war für mich deshalb recht irritierend. Der gewöhnlich sehr weitsichtige Pötter begnügt sich hier mit dem „real-philosophischen“ Hinweis, dass es eine Weltgemeinschaft nicht wirklich gibt und es deshalb nichts bringt, deren klimapolitische Rationalität zu beschwören.

Dass wir nichts tun, liegt aber vor allem daran, dass wir seit Jahrzehnten in der Klimapolitik eine Weltgemeinschaft beschwören, die es so nicht gibt: WIR müssten handeln, weil es für UNS das Beste ist. Das stimmt zwar, ist aber völlig unrealistisch. (…)  Wer der künstlich billigen fossilen Energie ein Ende bereiten will, bekommt es mit gewaltigen Widerständen aus Industrie, Politik und Bevölkerung zu tun. Dagegen hilft eine wolkige „Weltgemeinschaft“ überhaupt nicht.  (…) Weil das WIR versagt, muss das ICH ran. Klimaschutz geht nur konkret.

Das ist zweifellos richtig. Aber warum fragt Pötter nicht danach, was zu geschehen hätte, um eine solche Weltgemeinschaft zu schaffen? Was sich bereits in diese Richtung bewegt? Oder unter Umständen bewegen ließe? Welche Widerstände zu überwinden wären? Oder auch wie viel Zeit das kosten darf? Die Empfehlung, stattdessen das (weltgemeinschaftliche) WIR zu vergessen und die Angelegenheit den vielen ICHs zu überlassen, die immerhin real existieren würden, klingt zwar wie der Ausweg aus einer Illusion, die vernünfiges Handeln blockiert; nur übersieht der Autor das Problem, dass die ICHs (ob als Einzelne, Gruppen oder Institutionen) gerade deshalb nicht zur ökologischen Vernunft finden können, weil sie nicht als Elemente einer (ökologisch reflektierten) Weltgemeinschaft existieren und entsprechend handeln und ihr Handeln durchdenken können. 

Deshalb sind die verschiedenen ICHs keineswegs dazu verdammt, auf die Erfüllung einer heiligen Vorsehung der Geschichte zu warten. Sie müssen sich nur klar machen (können), dass sie mit der Entwicklung ihres Vermögens zur sozial-ökologisch bewussten bzw. verantwortlichen Gestaltung ihres Füreinanders nur in so weit vorankommen können, wie es ihnen gelingt, zu einem planetarischen Miteinander zu kommen, das auf Grundlage eines – am Ende weltgemeinschaftlichen – Nachhaltigkeitsmanagements funktioniert.

Dass die nationalkapitalistisch vereinzelten ICHs als solche nicht wirklich in der Lage sein werden, die notwendigen Maßnahmen durchzuziehen, weiß natürlich auch Pötter, nur sucht er neben einigen Vielleichts und Wenns die Rettung im Katastrophismus:

Vielleicht brächte eine große Ökokatastrophe den Umschwung, vielleicht ein Durchbruch der Technik, sicherlich mehr Markt, wenn Kohlenstoff endlich einen globalen Preis bekäme.

Die aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts hervorgegangenen „Alternativen“ sollten eigentlich Warnung und auch Grund genug sein, sich aus so einer Realphilosophie zu befreien. Seien wir realistisch und streben lieber nach dem NOCH Unmöglichen. Wagen mehr (Öko-) Kommunismus  😉  und fragen nach den Potenzialen, die in der Debatte um die Definition Post 2015 Developement Goals (mit für Nord und Süd gleichermaßen gültigen Nachhaltigkeitszielen) stecken. Was könnte Wege ebnen, die es möglich machen, dass die Definition  öko-sozial rationaler Zielsetzungen globaler Natur keine Philosophie bleibt sondern politische Relevanz erfährt?  Mit der sich die nationalkapitalistisch vereinzelten ICHs in die Lage versetzen könnten, diese Ziele auch zu verwirklichen oder sie überhaupt erst zu wollen?

Das berührt die Frage einer ökologischen Reform des Welthandelsregimes mit der Raubbaugewinne verunmöglicht werden und die den ICHs die Ressourcen zur Verfügung stellt, die sie für die dann nötigen Umbauprogramme benötigen.

Anregungen in diese Richtung liefert etwa Raworth’ Doughnut Economics.
http://www.kateraworth.com/doughnut/

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