Gedanken zu Ralf Fücks „Intelligent Wachsen – Die grüne Revolution“

FORM FOLLOWS FUNCTION  sollte gerade dann als Konstruktionsprinzip jeder modernen Bauweise hervorgehoben werden, wenn epochale Formveränderungen anstehen. Die Frage danach, was warum nicht (mehr) funktioniert aber unbedingt funktionieren sollte, ist die Frage aller Fragen wenn sich die Entwicklung der das soziale Vermögen einer Epoche bestimmenden Produktivkräfte auf einen Punkt zubewegt, der unweigerlich die Frage nach grundlegenden Formveränderungen der dem menschlichen Füreinander zugrunde liegenden Produktionsverhältnisse auf die Tagesordnung setzt.

Nichts ist öder als im Vorfeld einer solchen Situation altkluge Belehrungen über die Binsenweisheit ertragen zu müssen, dass alle technologische Errungenschaften nichts nützen, solange die Gesellschaft nicht in der Lage ist, sie in einer sozial bzw. ökologisch vernüftigen Weise einzusetzen. Und dass man deshalb erst einmal eine „Postwachstumsgesellschaft“ etablieren müsse, bevor man sich mit dazu passenden Technologien beschäftigt.

Natürlich darf auch nicht erst dann nach einer besseren Organisation  der Entwicklung und des Einsatzes der menschlichen Produktivkräfte gefragt werden, wenn diese Frage gesamtgesellschaftlich am Kochen ist, und der letzte Feldhase entsetzt feststelt,  dass innerhalb der alten Organisationsweise dem ungebremsten Einsatz menschlicher Destruktivkraft nichts von Belang entgegengesetzt weden kann.

Die gesellschaftliche Reife in der Hinsicht lässt sich m.E. daran ablesen, wie händeringend nach dem Aufbau der nötigen Problemlösungskompetenz gesucht wird. Und das ist nicht zuletzt an dem Grad zu erkennen, in dem die Suche nach ökologisch intelligenter Technologie UND geeigneten Formen ihrer (Weiter-) Entwicklung und ihres Einsatzes Hand in Hand gehen.

Der Titel des jüngst vom Vorstand der Böll-Stiftung Ralf Fücks veröffentlichten Buches über ein mittels „grüner Technologien“ zu puschenden neuen industriellen Revolution nämlich „Intelligent Wachsen – Die grüne Revolution“ sollte deshalb weniger als Provokation eines grünen Technikfreaks und Wachstumsfanatikers denn als Herausforderung betrachtet werden, sich gemeinsam Klarheit darüber zu verschaffen, was genau die Etablierung von Formen des (welt-)gesellschaftlichen Zusammenwirkens notwendig UND möglich macht, die es erlauben, über die Frage, was mit welchen Methoden und zu welchem Zweck wachsen und was dagegen schrumpfen soll, in einer sozial bzw. ökologisch rationalen (= zweckgerichteten) Weise zu entscheiden.

Das heißt zunächst einmal zu verstehen, was sich der Künstler bei seinem Werk gedacht hat.

Auf der Website  der Böllstiftng ist des Autors Rede zur Buchpräsentation dokumentiert, die ich hier spiegel.  Nach und nach werde ich Bemerkungen zu dem Komplex hinzu fügen. Kritische Einwürfe sind natürlich willkommen.

Auf der Böll-Site heißt es:

Wie vermeiden wir den ökologischen Kollaps einer Welt mit bald 9 Milliarden Menschen? Wenn “weiter so” ins Desaster führt und der Ruf nach Verzicht hilflos bleibt – was ist dann die Alternative?

Ralf Fücks skizziert die Umrisse einer grünen industriellen Revolution:  vom ökologischen Raubbau zum ‘Wachsen mit der Natur’. Es geht um den Aufbruch in eine ökologische Moderne, die an der Idee des Fortschritts festhält und sie neu erzählt. Die Konturen einer neuen Produktinsoweise tauchen bereits am Horizont auf. Sie basiert auf der Kombination menschlicher Kreativität mit den Produktivkräften der Natur. Europa hat das Potential, zum Vorreiter dieser Transformation zu werden.

Dazu allerdings schon einmal eine kritische Anmerkung. Ich halte wenig davon, Identität stiftende Projektionen mit Titeln wie „die Moderne“ in den Himmel der heiligen Ideen zu heben und sie fortan als mit eigenem Geist beseelte Subjekte vorzustellen, die ihre ganz eigenen „Ideen von Fortschritt“ haben. Um dann darüber zu berichten, wie dieses epochale Geisteswesen namens „die Moderne“ etwas in althergebrachter Weise oder neu erzählt, am Erzählten festhält usw.

Für mich sind solche rhetorischen Kunstgriffe mehr Ausdruck gesellschaftlicher Ohnmacht gegenüber den Zumutungen der modernen Produktionsbeziehungen als geeignete Mittel der Emanzipation aus eben dieser Ohnmacht.

Ich wünsche mir mehr Mut zur ausdrücklichen Suche nach modernen (= freiheitlichen)  Formen der  (auch weltweiten) Vergemeinschaftung, d.h. nach der Herstellung eines Füreinanders auf Grundlage einer hochgradig partizipativ funktionierenden weltgemeinschaftlichen Zweckbestimmungs- und Entscheidungsfindung über die Dinge, die fortschreiten sollen oder auch nicht. Und auszusprechen, dass dafür der freien Konkurrenz privateigentümlicher Plusmacherei Grenzen gesetzt werden müssen nach dem Motto: Handlungsfreiheit statt Freihandel!

Rufe nach Verzicht bleiben deshalb hilflos,  weil sie sich naiv an eben die vereinzelten Einzelnen wenden, deren Isolation voneinander (und von ihrer Naturumwelt) die materielle Grundlage der kapitalistischen Moderne und „deren“ Ideen von Fortschritt bilden.

Um so gespannter bin ich auf die von Fücks offenbar dann doch (am Horizont) gesichteten Konturen einer neuen Produktionsweise. Die Vorstellung einer Produktionsweise, die nicht auf bestimmte Formen der Teilung gesellschaftlicher Mühen, Genussmöglichkeiten, Verantwortung, usw. aufbaut, sondern auf „die Kombination von menschlicher Kreativität mit den Produktivkräften der Natur“ scheint zwar immer noch an der kapitalistischen Isolation der gesellschaftlichen Subjekte voneinander festzuhalten, aber nun gut. Bin gespannt wie`s weitergeht.

Wird fortgesetzt

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