Versuche zu acht Orientierungspunkten für das Commoning (2) – von der Wissenschaft zur Ideologie?

Ja, so schnell kann es gehen. Da war ich am Ende wohl selbst  mit auf dem Weg von der Wissenschaft zur Ideologie. Während der ersten Commons-Sommerschule waren aus den Ostromschen Designprinzipien für erfolgreiches Commons-Management acht Orientierungspunkte für das Commoning  entwickelt worden. Die auf dem Commons-Blog auf deutsch und englisch wiedergegebenen Orientierungs-Punkte sind der Commons-Expertin Silke Helfrich zufolge zwar „relativ stabil“, aber da  Änderungsvorschläge „gleichwohl jederzeit willkommen!“ sind, fühlte ich mich angeregt, die in der „Wir-Form“ (aus einer Binnenperspektive heraus) wiedergegebenen O-Punkte in eigenen Worten und Gedanken zu fassen und sie dabei nach eigenem Gutdünken, also zuächst einmal für mich selbst, weiter zu entwickeln.

Erst danach habe ich mir die entsprechenden acht Designprinzipien für erfolgreiches Commons-Management von Elenor Estrom (in einer Übersetzung von Silke Helfrich) angesehen und muss nun erkennen, einer alle Klarheiten beseitigende Ideologisierung der aus zahlreichen Feldforschungen gewonnenen Prinzipien Ostroms nur noch eins drauf gegeben zu haben.

Acht Orientierungspunkte für das Commoning

Elenor Ostroms Disignprinzipien für ein erfolgreiches Commons-Management

1. Grenzen: Es existieren klare und lokal akzeptierte Grenzen zwischen legitimen Nutzern und Nicht-Nutzungsberechtigten. Es existieren klare Grenzen zwischen einem spezifischen Gemeinressourcensystem und einem größeren sozio-ökologischen System.

Die Teilnehmenden der Commons-Summerschool:

1. Als Commoner ist mir klar, um welche Ressourcen ich mich kümmere und mit wem ich das tue. Commons-Ressourcen sind das,  was wir gemeinsam herstellen, was der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt wurde oder was wir als Gaben der Natur erhalten.

MEHR (ÖKO-)KOMMUNISMUS WAGEN 😉

1.) Commoner kennen und achten die vielfältigen Bedeutungen, die die Ressourcen für Mensch und Natur haben, deren Nutzen, Pflege und Erhalt sie gemeinsam verantworten.

Kommentar:

Die von Ostom herausgefundene Erfolgsbedingung des Commoning, nämlich die Existenz „klarer Grenzen zwischen einem spezifischen Gemeinressourcensystem und einem größeren sozio-ökologischen System“ sind in dem ersten  O-Punkt nicht mehr recht erkennbar. Vielleicht steht dem das in Beiträgen der Commons-Bewegung häufig zu spürende Bedürfnis nach grezenloser Selbstbestimmung und unbegrenztem Genuss entgegen, dem nicht immer sehr große Klarheit über die sozialen Dimensionen und Konstruktionsbedingungen des eigenen „Selbst“ zur Seite steht oder über die Notwendigkeit, dessen Bedürfnisse mit dem ins Benehmen zu setzen, was deren Erfüllung den Mitmenschen und deren natürlicher Umwelt kosten müsste.

In der mittels Ich-Form eingenommenen (unbestimmte) Wir-Perspektive (oder in der Wir-Form dargestellten Ich-Perspektive?) verschwimmen die Grenzen gemeinsamer Verantwortung oder deren Abstufungen. Die zu erkennen (um sie gegebenenfalls auch neu bestimmen zu können) macht meines Erachtens aber gerade das Emanzipatinspotenzial von Commons aus.

Es ist deshalb die Frage, warum Orientierungspunkte für das Commoning an dem Punkt überhaupt von dem, was Ostrom als Bedingungen eines erfolgreichen Commoning herausgefunden hat, abweichen sollten.

Elenor Ostroms Disignprinzipien für ein erfolgreiches Commons-Management

2. Kongruenz: Die Regeln für die Aneignung und Reproduktion einer Ressource entsprechen den örtlichen und den kulturellen Bedingungen. Aneignungs- und Bereitstellungsregeln sind aufeinander abgestimmt; die Verteilung der Kosten unter den Nutzern ist proportional zur Verteilung des Nutzens.

Die Teilnehmenden der Commons-Summerschool:

 2. Wir nutzen die Commons-Ressourcen, die wir schöpfen, pflegen und erhalten. Wir verwenden die Mittel (Zeit, Raum, Technik und Menge der Ressource), die jeweils verfügbar sind. Als Commoner habe ich das Gefühl, dass mein Beitrag und mein Nutzen in einem fairen Verhältnis stehen.

MEHR (ÖKO-)KOMMUNISMUS WAGEN 😉

2.) Commoner eint die gemeinsame Sorge um  ein gutes Leben aller, dessen größte Stärke es ist, die Regenerationsbedürfnisse der Menschen und ihrer Umwelt  erkennen und respektieren zu können Commoning zielt auf die Möglichkeit sozialer Verantwortung für die Wirkungen und Voraussetzungen des (Mit-)Tun und damit auch auf die Nachhaltigkeit des Vermögens, dessen Frchte frohen Herzens zu genießen.

Kommentar:

Auch hier lässt es Ostrom nicht an Klarheit vermissen und ich kann nicht wirklich erkennen, was durch ein Mehr an unbestimmten Subjektivismus gewonnen ist.  Mein Versuch, hier die Prinzipien nachhaltiger Entwicklung unterzumogeln, halte ich im Nachhinein an dieser Stelle auch für entwicklungsbedürftig.  Die geforderte Proportionalität der Verteilung von Kosten und Nutzen sollte in den jeweligen Fällen stets auch hinterfragt werden,  ist aber ein Anhaltspunkt, den auszuklammern  ich erst recht fragwürdigfinde.

Elenor Ostroms Disignprinzipien für ein erfolgreiches Commons-Management

3. Gemeinschaftliche Entscheidungen: Die meisten Personen, die von einem Ressourcensystem betroffen sind, können an Entscheidungen zur Bestimmung und Änderung der Nutzungsregeln teilnehmen (auch wenn viele diese Möglichkeit nicht wahrnehmen).

Die Teilnehmenden der Commons-Summerschool:

3. Wir treffen und verändern unsere eigenen Vereinbarungen. Jeder Commoner kann sich daran beteiligen. Unsere Vereinbarungen dienen dazu, jene Commons-Ressourcen zu schöpfen, zu pflegen und zu erhalten, die wir brauchen, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen.

MEHR (ÖKO-)KOMMUNISMUS WAGEN 😉

3.) Commoner sind gleichermaßen berechtigt, die Ziele des Engagements sowie die Mittel und Wege, sie zu erreichen entsprechen der eigener Möglichkeiten und Bedürfnisse mitzubestimmen. Commoning heißt stets auch Stärkung der Freiheit, die eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten selbstbewusst mit denen der anderen abstimmen und im Hinblick auf gemeinsame Ziele modifizieren zu können.

Kommentar:

Die von Ostrom behandelte Ebene der Regel-Festlegung für das Commoning ging ganz verloren.  Auch bei meinem Vorschlag. Das ist Schade, zeigt Ostrom doch an dieser Stelle, wie der unsinnige Dualismus von System- und Lebenswelt  überwunden werden kann.

Elenor Ostroms Disignprinzipien für ein erfolgreiches Commons-Management

4. Monitoring der Nutzer und der Ressource: Es muss ausreichend Kontrolle über Ressourcen geben, um Regelverstößen vorbeugen zu können. Personen, die mit der Überwachung der Ressource und deren Aneignung betraut sind, müssen selbst Nutzer oder den Nutzern rechenschaftspflichtig sein.

Die Teilnehmenden der Commons-Summerschool:

4. Wir achten selbst darauf oder beauftragen jemanden, dem wir vertrauen, dass die Vereinbarungen eingehalten werden. Wir überprüfen, ob die Vereinbarungen ihren Zweck erfüllen.

MEHR (ÖKO-)KOMMUNISMUS WAGEN 😉

4.) Commoner sind gleichermaßen berechtigt, die Einhaltung und Weiterentwicklung der Vereinbarungen, auf deren Grundlage die gemeinsamen Vorhaben realisiert werden mittels gemeinsam als vernünftig erkannter Prozeduren mitzugestalten. Commoning heißt stets auch Ausbau der Möglichkeiten zur kollektiven Selbstkontrolle.

Kommentar:

Wieder verwandelt unbestimmter Wirsubjektivismus größtmögliche Klarheit bei Ostrom in idealistisches Wischi-Waschi. Auch mein eigener Hinweis auf „Ausbau der Möglichkeiten zurkollektiven Selbstkontrolle“ fällt an Klarheit hinter Ostrom zurück.

Elenor Ostroms Disignprinzipien für ein erfolgreiches Commons-Management

5. Abgestufte Sanktionen: Verhängte Sanktionen sollen in einem vernünftigen Verhältnis zum verursachten Problem stehen. Die Bestrafung von Regelverletzungen beginnt auf niedrigem Niveau und verschärft sich, wenn Nutzer eine Regel mehrfach verletzen.

Die Teilnehmenden der Commons-Summerschool:

5. Wir verabreden, wie wir mit Missachtung von Vereinbarungen umgehen. Wir entscheiden, ob und welche Sanktionen erforderlich sind, je nach dem, in welchem Kontext und Ausmaß die Vereinbarung missachtet wurde.

MEHR (ÖKO-)KOMMUNISMUS WAGEN 😉

5.) Commoner sind gleichermaßen berechtigt, im Rahmen der verabredeten Prozeduren und Standards (etwa im Hinblick auf basale Menschenrechte) über die Anwendung der Sanktionen und Anreize mitzuentscheiden, die zum Zwecke der Einhaltung der verabredeten Ziele verabredet wurden. Commoning heißt stets auch Befähigung zur Mitwirkung an diesen Dingen.

Kommentar:

Erneut große Klarheit bei Ostrom , die bei den O-Punkten verschwimmt.

Elenor Ostroms Disignprinzipien für ein erfolgreiches Commons-Management

6. Konfliktlösungsmechanismen: Konfliktlösungsmechanismen müssen schnell, günstig und direkt sein. Es gibt lokale Räume für die Lösung von Konflikten zwischen Nutzern sowie zwischen Nutzern und Behörden.

Die Teilnehmenden der Commons-Summerschool:

6. Jeder Commoner kann einen leicht zugänglichen Raum für die Lösung von Konflikten in Anspruch nehmen. Wir wollen Konflikte unter uns möglichst auf direkte Art schlichten.

MEHR (ÖKO-)KOMMUNISMUS WAGEN 😉

6.) Commoning heißt, Mittel und Wege der einvernehmlichen Konfliktlösung zu entwickeln und anzuwenden.

Kommentar:

Das Vorhandensein LOKALER Räume muss im Hinblick auf die notwendige Entwicklung eines weltgemeinschaftlichen Ressourcenmanagements natürlich durch berregionale Räume der zivilen Konfliktlösungergänzt werden. Aer ansonsten sind auch hier Ostroms Gestaltungsprinziepen eindeutiger und konkreter.

Elenor Ostroms Disignprinzipien für ein erfolgreiches Commons-Management

7. Anerkennung: Es ist ein Mindestmaß staatlicher Anerkennung des Rechtes der Nutzer erforderlich, ihre eigenen Regeln zu bestimmen.

Die Teilnehmenden der Commons-Summerschool:

7. Wir regeln unsere eigenen Angelegenheiten selbst, und externe Autoritäten respektieren das.

MEHR (ÖKO-)KOMMUNISMUS WAGEN 😉

7.) Commoning verlangt nach reflektierter, offener, allseits als vernünftig (an-)erkannter Festlegung der jeweiligen Bereiche gemeinsamer (wenn möglicherweise auch abgestufter) Verantwortung, und damit auch deren Grenzen und von Steuerungsmöglichkeiten jeweils „extern“ angesiedelter Entscheidungsinstanzen.

Kommentar:

Ich habs zwar ein wenig arg kompliziert ausgedrückt, aber immerhin die Notwendigkeit von  Grenzen der Autonomie anerkannt.  Ich halte es für eine – gegebenenfalls gefährliche – Illusion, in absehbarer Zeit jegliche staatliche Regelungen aus Bereichen des gemeinschaftlichen Ressourcenmanagements  ausschließen zu wollen.

Elenor Ostroms Disignprinzipien für ein erfolgreiches Commons-Management

8. Eingebettete Institutionen (für große Ressourcensysteme): Wenn eine Gemeinressource eng mit einem großen Ressourcensystem verbunden ist, sind Governancestrukturen auf mehreren Ebenen miteinander »verschachtelt« (Polyzentrische Governance) [zum Beispiel: selbstorganisierte Kommunalverwaltung regional vernetzte Institutionen Gruppen/Vereine überregionale, nicht-staatliche oder staatliche Strukturen — S.H.].

Die Teilnehmenden der Commons-Summerschool:

8.  Wir wissen, dass jedes Commons Teil eines größeren Ganzen ist. Deswegen sind verschiedene Institutionen auf unterschiedlichen Ebenen nötig, die ihre Verantwortung und ihre Aktivitäten für die Pflege und Erhaltung koordinieren und gut miteinander kooperieren.

MEHR (ÖKO-)KOMMUNISMUS WAGEN 😉

8.)  Nachhaltigiges Gelingen von Commoning setzt voraus, dass auch das Aufeinanderabstimmen der unterschiedlichen Bereiche und Ebenen gemeinsamer Verantwortung wiederum zum Bereich gemeinsamer Verantwortung wird, was nichts anderes bedeeutet als die Anerkennung der Notwendigkeit zu weltgemeinschaftlichen (weltkommunistischen) Abstimmungsverfahren zu kommen.

Naja… 🙂  Eine Sache ist natürlich die Entwicklung und Weiterentwicklun von Inseln miteinander abgestimmter, gemeinsamer Verantwortung, Zielbestimmung, Anstrengung und des Genießens usw. Eine  andere die Utopie eines noch zu etablierten (Welt-)Systems auf Basis weltgemeinschaftlicher Verantwortung.

Nagut, war mir eine Lehre

hh

Siehe auch Stephan Meretz etwas andere Sicht auf die Acht O-Punkte für das Commoning + Kommentare im Keimform-Blog.

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