In Marx historisch-dialektischem Materialismus steckt mehr

Entdecke  grade eine Sonderausgabe der Analyse&Kritik vom Sommer 2009   (Die Linke und die sozial-ökologische Frage)  In einem der zahlreichen Beiträge zu diesem Komplex kritisiert Dirk Lehmann in seinem Beitrag „Marx‘ anthropozentristischen Ökologismus“ einen Beitrag der vorherigen ak-Ausgabe ak 536, S. 13.  (Müller, Tadzio/Passadakis: „Das Märchen. Überlegungen zum Green New Deal im Angesicht der (grünen) Krise“) .  In Auseinandersetzung mit diesem, in linksradikal gängigem Wadenbeißerstil geschriebenen, Verriss eines jeden Gedanken an einen „Green New Deal“ war an einer Stelle ein Satz von Marx über die „Logik“ des Kapitals zitiert worden („Akkumuliert! Akkumuliert! Das ist  Moses und die Propheten!“) Lehmann mahnte:

„Der Rückgriff auf Marx übersieht, wie sehr noch Marx selbst derjenigen Tradition verhaftet bleibt, die er recht eigentlich zu überwinden trachtet.“

Der Kritiker untermauert seine Behauptung mit Belegen für Marx Geschichtsverständnis. Marx erkannte, dass der sich als eine Naturgewalt durchsetzende Kapitalismus die Voraussetzungen der Möglichkeit seiner weltkommunistischen (man könnte auch sagen: ökohumanistischen) Überwindung schafft indem die Produktion um der Produktion Willen die dafür notwendigen Produktivkräfte, Globalisierungsprozesse usw. hervorbringt.

Allerdings scheint Lehman hiernach Marx Einsicht in geschichtliche Bewegungsgesetze mit ideologischer „Verhaftetheit“ in kapitalistischen „Traditionen“ zu verwechseln. Das „Misstrauen gegen den Marxschen Humanismus, wie es vor allem seitens Louis Althusser laut wurde“ habe wegen Marx Perspektive der „zunehmenden Naturbeherrschung seinen ‚überraschend gesunden Sinn“. Denn darin verbergen sich nach Lehmann „berechtigte Vorbehalte gegenüber dem Pathos des Menschen als dem selbstherrlichen Subjekt der Geschichte“ .

Gegen dieses Pathos wären zwar nicht genug Vorbehalte vorbringen. Das zeigen nicht zuletzt die mörderischen Anmaßungen des Stalinismus – auch im Hinblick auf dessen vermeintliche „Siege über die Natur“ (in der Ukraine wurden gar Storchennester zerstört, weil diese den damaligen Fortschrittspropheten als Symbole der Rückständigkeit galten) . Doch sollten die verschiedenen Formen der Entfremdung kapitalistisch bzw. bürokratisch interagierender Subjekte von den Voraussetzungen und Wirkungen ihres Produzierens bzw. Konsumierens nicht einfach linear fortgedacht werden. Das geschieht m.E. wenn Marx/Engels Prespektive der  „Naturbeherrschung“ nur als Abart einer auf ewig bösen „Herrschaft-an-und-für.Sich“ in Betracht gezogen ist.

Bedacht werden sollte, dass sich das menschliche „Selbst“ im Prozess seiner Emanzipation  aus den einander und der Naturumwelt entfremdenden Weisen der Arbeitsteilung (der Teilung von Arbeit, Bestimmungsvermögen, Verantwortung, Genuss usw.) ändert und zwar  mitsamt dem, was am Beherrschungsvermögen eines historischen Selbst grad „herrlich“ gefunden wird.  Die Marx/Engelsche Perspektive,  dass die Globalisierten dieser Erde ökokommunistische bzw. ökohumanistische Selbstbeherrschung entfalten, lässt sich auch anders, nämlich sehr viel „grüner“  vorstellen, als es das linksradikale Schreckenswort „Naturbeherrschung“  heute zu suggerieren scheint.

Lehmann selbst weist darauf hin, dass sich auch in den Marx-Engels-Werken Beispiele für die Entwicklung eines solchen ökokommunstischen Verständnisses von „Naturbeherrschung“ (ich würde sagen: von ökohumanistischer Selbstbeherrschung, Anm. hh)  finden lassen:

So finden sich, wenn auch oftmals am entlegenen Ort, zahlreiche Hinweise im Werk, die auf ein ökologisches Bewusstsein schließen lassen – ja vor allem Engels kommt das Verdienst zu, mit Nachdruck auf die ökologischen Konsequenzen der kapitalistischen Produktionsweise hingewiesen zu haben.  Im ersten Band des Kapitals hält Marx fest, dass „die kapitalistische Produktion … daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses (entwickelt), indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und (Hervorhebung D.L.) den Arbeiter“.

Gleichfalls im ersten Band des Hauptwerks spricht er die aktuelle Einsicht aus, dass die kapitalistische Produktion „mit dem stets wachsenden Übergewicht der städtischen Bevölkerung … den Stoffwechsel zwischen Mensch und Erde (stört), d.h. die Rückkehr der vom Menschen in der Form von Nahrungs- und Kleidungsmitteln vernutzten Bodenbestandteil zum Boden, also die ewige Naturbedingung dauernder Bodenfruchtbarkeit. Sie zerstört damit zugleich die physische Gesundheit der Stadtarbeiter und das geistige Leben der Landarbeiter“. Nicht zuletzt zeigt er, dass „selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, … nicht Eigentümer der Erde (sind). Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias (gute Familienväter, D.L.) den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen“.

Beispiele, die sich durch etliche weitere ergänzen ließen. Insgesamt also gehen Marx und Engels als Materialisten davon aus, dass das gesellschaftliche Sein, worin die Menschen leben, eingelassen ist in ein umfassenderes Sein der Natur, deren Bestand zu erhalten ihnen bei Strafe des eigenen Untergangs auferlegt ist. Den Menschen betrachten sie als ein leibliches Sinneswesen, das auf Natur angewiesen ist.

Lehmanns anschließende Kritik, dass  „das Verhältnis des Menschen zur Natur im Marx-Engelsschen Materialismus ein asymmetrisches“ sei und Natur immer schon im Horizont ihrer gesellschaftlichen Aneignung gesehen“ würde, verharrt aber wieder im Schreckgespenstigen. So setzt er „Aneignung“ offenbar  überhistorisch mit Raub bzw. Raubbau gleich. Dem Raubbau möchte die Marx/Engelsche Perspektive der „Aneignung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse“ (des weltweiten Füreinanders) und der hier wirkenden Produktionsmittel bzw. Produktivkräfte „durch die Gesellschaft  selbst“ (den gesellschaftlichen Produktivkräften selbst)  aber gerade ein Ende machen.

Dass Marx seine Perspektive einer weltkommunistischen „Care-Ökonomie“ im Hinblick auf die Erde in die Figur eines „gut sorgenden Familienvaters“  unterbrachte, mag man (wie Dirk Lehmann) als Beipiel seiner Verhaftung in patriarchale  Tradionen werten.  Aber die Perspektive, um die es Marx dabei offensichtlich geht, lässt sich heute ohne sie auch nur ein Deut zu verfälschen, in Wörtern eines  (natürlich nicht erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts) politischen angebrachten Gendergerechtigkeitsdiskurses ausdrücken.

Sie schließt eben auch den aktiven Schutz eines Zustands ein, bei dem die Erde sich ganz und gar „symmetrisch“ um das das Wohl der Menschen fürsorgen kann ohne dabei all ihre Eigenheiten zu  verlieren. Wozu es allerdings umgekehrt notwendig ist, die menschliche Eigenart zur Grundlage des Weltwirtschaftens zu machen, vorbedacht handeln und für die Wirkungen hinterher auch gerade stehen zu können. Also sich den Gedanken der Schutzwürdigkeit von Eigenheiten der Naturumwelt inklusive ihre für Menschen womöglich ganz „nutzlosen“ Bereiche zu eigen zu machen, und den Umgang mit den ungeheuren Destruktivkräften, sowohl der menschlichen als auch der Destruktivkräfte der Natur,  entsprechend beherrschen zu lernen.

Was dann u.a. die Frage aufwirft, wer eigentlich auf eine welche Weise über die Verwendung der noch vorhandenen Ölreserven usw. entscheiden können soll, nachdem die in den modernen Kapitalismus hineinragenden Aneignungsstrukturen der patriachal-bäuerlichen Art (etwa Saudi-Arabiens) endlich überwunden sein wird. (Das derzeit zu beobachtende gesellschaftliche und kulturelle Roll-Back Russlands könnte übrigens ihre Grundlagen in der reaktionären Abwehr einer solchen (weltkommunistischen)  Menschheitsperspektive haben.

Anknüpfend an Marx Bemerkungen über die Notwendigkeit, das Reich der Notwendigkeit zu überwinden und in das Reich der Freiheit einzutreten, spricht Dirk Lehmann die Möglichkeit an, per Produktivkraftentwicklung Freiheit zur „Naturberrschung“ hinzu zu gewinnnen.

Erst jenseits dieser Sphäre von Herrschaft und Mühsal beginne die eigentliche Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten, die sich als Selbstzweck weiß. Solches Denken aber schreibt nur die Ideologie der Naturbeherrschung fort, nach der die Menschen zu wählen haben „zwischen ihrer Unterwerfung unter Natur oder der Natur unter das selbst“. (Bezugnehmend auf Adorno/ Horkheimers „Dialektiv der Aufklärung“ Anm. hh)  Tertium non datur – ein Drittest ist nicht gegeben! Was dieser Gegenüberstellung von Freiheit und Notwendigkeit entgeht, ist ein Gedanke von Freiheit, die sich in der Gestaltung des Naturverhältnisses zu bewähren hätte.

Das halte ich für eine krasse Missdeutung der marxschen Perspektive auf der Grundage eigener Projektionen bzw. der von Adorno und Horkheimer. Genau der Gedanke der zu gewinnenen „Freiheit in der Gestaltung der Naturverhältnisse“  ist in der marx/engelschen Zukunftsperspektive zentral. Siehe etwa Engels „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“.  Es geht ja um genau die Freiheit, die „Untergrabung der Springquellen des Reichtums“ (Arbeit und Natur) nicht mehr als notwendigen Preis der durch Produktivkraftsteigerungen gewonnenen Freiheit  hinnehmen zu müssen und dass eben deshalb neue Produktionsverhältnisse zu etablieren sind.  („Man muss viel, wenn die Frreiheit ruft“ wie es Brecht einst so schön zum Ausdruck brachte).

Die „Dialektik der Aufklärung“  bedeutet in diesem Aspekt deshalb keine „Bereicherung“ des historischen Materialismus, wie Dirk Lehmann meint, sondern trägt wohl eher zu dessen Befreiung von Marx/Engels (öko-) kommunistischen Flausen bei.

Lehmanns Schlussabsatz  scheint das zu bestätigen:

Damit stünde weniger eine romantische Wiederverzauberung von Natur auf der Tagesordnung, als vielmehr Natur in ihrer Eigensinnigkeit anzuerkennen; Natur als etwas anerkennen, das gerade nicht vollständig in den gesellschaftlichen Versuchen ihrer Aneignung aufgeht. Es ginge um einen Ansatz, der versucht, das Subjekt-Objekt-Schema des Erkenntnis- sowie des Arbeitsprozesses und der damit gesetzten Scheidung von Mensch und Natur zu entkommen.

Gerade die Fähigkeit der Unterscheidung zwischen dem, was von menschlicher Gestaltungskraft frei und in so fern eigensinnig bleiben und dem, was gestaltet werden soll, ist nur als Ergebnis von Arbeit, d.h. von zweckgerichteten Anstrengungen zu  erreichen bzw, vernüftig einsetzbar. Der (öko-) kommunistische Gedanke ist: Die Weiterentwicklung der zum Beispiel in den Naturwissenschaften, Naturfilmen, Naturschutzprogrammen, der Naturerziehung, Umweltpädagogik, von Umweltpolitischen Aktionsgruppen usw wirkenden Produktivkräften benötigen am Ende  Produktionsverhältnisse, die als „Menschwerdung von Natur und Naturwerdung der Menschen“  (im frühmarxschen Sinne) beschrieben werden können. Das als Perspektive zu gewinnen bedeutet natürlich auch Arbeit an der Überwindung der kapitalistischen Natur unserer derzeitigen „Selbste“.

 

 

 

 

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2 Responses to In Marx historisch-dialektischem Materialismus steckt mehr

  1. hhirschel sagt:

    Hätte ich heute morgen nicht zwei Klicks auf eben diesen Versuch entdeckt, hätte ich ihn selbst ganz und gar vergessen. Er endet leider mit der Frage, deren Beantwortung natürlich in den Vordergrund gehört, und wobei auch zu klären wäre was die bisherigen Green New Deal Konzepte bzw. deren Weiterentwicklung dabei unter welchen Umständen leisten könnten. Das steht dann aber auf anderen Bättern. Bei der Gelegenheit habe ich hier erst einmal einige kleine Korrekturen und Ergänzungen vorgenommen.

  2. Der leichteren Lesbarkeit Willen habe ich heute noch einmal einige Korrekturen angebracht und dazu auch ein wenig was ergänzt. Der ganze Komplex gehört allerdings gemeinsam mit anderen Versuchen wie hier oder hier neu aufgearbeitet und zu einer systematischen Arbeit über die Bedeutung von Natur in einer ökomarxschen Befreiungsperspektive zusammengefasst. Müsste nur die dafür nötigen Produktionsverhältnisse erarbeiten 🙂

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