Rio+20 im Fokus ökofeministischer Sorgen

„Ein Hauptanliegen des Ökofeminismus war, den Dualismus von Frau/Gefühl/Natur versus Mann/Vernunft/Kultur/Technik ebenso zu dekonstruieren wie die Parallelität der Unterwerfung von Frauen und Natur. Ein Hebel dazu war die Kritik am „männlichen Machbarkeits- und Technikwahn“, der ursächlich sei für das 3-W-Entwicklungsmodell, das auf BIP-Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und den Weltmarkt orientiert, ebenso wie für die risikoreichen Großtechnologien, den Verlust an Biodiversität und die andauernde Aufrüstung.“

Dr. Christa Wichterich in:  Feministische Diskurse im Vorfeld von Rio+20. Wider die Begrünung durch die Märkte, in: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung (W&E), Luxemburg, 29. März 2012 (www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org)

Damit dürfte ein wesentliches Problem des sich in Deutschland seit Ende der 1970er Jahre herausbildenden Ökofeminismus auf den Punkt gebracht sein.

Denn wer den beschriebenen Dualismus dekonstruieren möchte, sollte als „zentralen Hebel“  lieber keine (un-)schuldzuschreibenden Metaffern wählen, die genau diesen Dualismus reproduzieren. Hier die unschuldige und sich aufopferungsvoll um Regelwälder sorgende Weiblichkeit, dort die in ihrem Machbarkeits- und Technikwahn für Krieg, Artenschwund und Großrisiken  sorgende Männlichkeit? Naja…

Dr. Wichterich weist allerdings darauf hin, dass nach Rio 92 „auch unter Feministinnen die Kritik an der generalisierenden, unhistorischen oder romantisierenden Sicht weiblicher Naturnähe“ wuchs. 

Heute sei Grundannahme feministischer Ökonomie, …

dass die Marktlogik von Wachstum, Effizienzsteigerung und Rendite eine strukturelle Rücksichtslosigkeit gegenüber den Menschen, dem Sozialen und der Natur bedingt, die die lebendigen Grundlagen allen Wirtschaftens untergräbt und zwangsläufig in eine Krise nach der anderen führen muss. Deshalb denken Feministinnen in Wirtschaftsmodellen, deren Dreh- und Angelpunkte nicht Wachstum und Profit sind, sondern das ureigenste Prinzip allen Wirtschaftens, zu versorgen, Bedürfnisse zu befriedigen und Wohlbefinden zu erzeugen. (ebd.)

Der Moralismus der Schuldzuweisungen bzw. idealistischen Beschwörung ökologischer Tugendhaftigkeit scheint hier von den alten M-W-Zuschreibungen befreit und klingt wesentlich ziviler. Ist aber nicht verschwunden. Schuld am ökologischen Desaster ist nun die „falsche Logik“ der Marktwirtschaft , die „der Bedürfnisbefriedigung“ etc. pp. als einem angeblich „ureigensten Prinzip des Wirtschaftens“ widerspräche, weshalb dem nun eine entsprechend bedarfsorientierte oder Versorgungswirtschaft entgegen gestellt werden müsse.

„“Bedarfsorientierte oder Versorgungswirtschaft bedeutet, dass die gesamte Wirtschaft (…) vom spekulativen Kopf auf die versorgenden Füße zurückgestellt wird.“ (ebd.)

Nicht zuletzt die schöne Stilblüte der „versorgenden Füße“, die hier anscheinend das leisten sollen, was ich mir von einem weltgemeinschaftlich organisierten und refektierten Wirtschaften versprechen würde, das den alten Fortschrittsmotor „freie Konkurrenz privateigentümlich verfasster Plusmacheragenturen“ (= kapitalistische Marktwirtschaft) durch gemeinsames Vorsorgen ersetzt, zeigt, dass Empörung gegen die Entfremdung diese nicht einfach außer Kraft setzen kann. Die kapitalistisch-kopflose Art der Nötigung, Arbeit, Genuss, Gestaltungsvermögen, soziale Verantwortung, ökologisches Gewissen usw. zu teilen, nötigt eben auch zu entsprechend aparten Vorstellungen ihrer Überwindung.

Tatsächlich ist der alte Fortschrittsmotorschlitten „kapitalistische Konkurrenz“ für die heutigen Verkehrsverhältnisse nicht mehr tauglich und von beschränkter Verkehrsicherheit, und die Attraktivität marktwirtschaftlicher Freiheit gründet auch auf das vergiftete Geschenk der Sorglosigkeit gegenüber den sozialen bzw. ökologischen Voraussetzungen und Wirkungen des eigenen Tuns. Allerdings schafft dieser automatisierte Fortschritt (= dieses zu wenig menschengerechte, weil zu wenig vorausschauendes bzw. rücksichtsvolles Fortschreiten) auch die Mittel, sich dessen Probleme gemeinsam durch den Kopf gehen zu lassen! (Was deren gleichermaßen Humaniserung und Ökologisierung erst Hand und Fuß verleiht).

Schließlich gäbe es ohne die rücksichtslose Verdrängung bäuerlicher Existenzweisen nicht einmal die Möglichkeit, sich außerhalb unmittelbarer Rufweite zu verständigen. Vielleicht ist dem Ökofeminismus die Erkenntnis einfach unerträglich, dass Kapitalismus ein notwendiges Entwicklungsstadium innerhalb der menschlichen „Vorgeschichte“ (Marx) ist und mehr eine – zu überwindende – Naturgewalt als ein  unter verschiedenen Alternativen ausgewähltes „Modell“, das von irgendwelchen sorglosen Köpfen mit falschen Logiken und Wahnsinnigkeiten aller Art ausgedacht und auf dem Markt der geschichtlichen Möglichkeiten geworfen wurde.

Und dass die sich aus dieser Erkenntnis ergebene Verantwortung vielleicht ist, allzu kindliche Träume einer paradiesischen Subsistenz-Unschuld als gemeinsame Grundlage des Weltwirtschaftens beherzt hinter sich zu lassen und sich von Mutter wie Vater „Naturgewalt-Kapitalismus“ in Richtung weltkommunistischer Perspektiven zu emanzipieren. Was natürlich heißt, eine Produktionsweise zu etablieren, die es den weltweit miteinander interagierenden Menschen erlaubt,  ihre Köpfe zusammenzustecken um gemeinsam herauszufinden, wie sie aus der einkaufspadadiesischen Unschuld bzw. Unmündigkeit heraus finden und sich gegenseitig nötigen zu können, ihre Produktivkräfte mit ihren desaströsen „Fußabdrücken“ zur ökologischen Vernunft zu bringen.

Alle Emanzipationsbemühungen sind notwendigerweise immer auch Teil der Probleme zu deren Bewältigung sie antreten. Die Vorstellung  einer an „den Bedarf“ oder „die Bedürfnisse“ gekoppelten „Sorgegesellschaft“  oder „Bedarfsgesellschaft“ bringt das zum Ausdruck. (Und sicher in irgend einer Weise auch die Art meiner Kritik daran).

Das Problem ist ja nicht, dass das kapitalistische Produzieren bzw. das Aneignen der zur Exiszenzsicherung und Bereicherung nötigen Güter und Dienste keine Bedürfnisse befriedigen. Die gegeneinander konkurrierenden Unternehmen sind im Gegenteil dazu verdonnert, im stets wachsendem Maße Produkte an die zu bringen, die meinen, ihrer zu bedürfen. Und sie kümmern sich ausgesprochen rühred – und durchaus fürsorglich – um die Möglichkeit, einen immer größeren  Bedarf erfüllen zu dürfen.

Und die in der Tat immer auch zu beobachtende „systematische Rücksichtslosigkeit“ gegenüber den Reproduktions- und Entwicklungsbedürfnissen derer, die den ganzen Zauber herstellen (wiederherstellen und weiterentwickeln) müssen (ob formell, informell oder – weil nur Naturkraft – gar nicht mit Geld „entlohnt“) versetzt eben auch die Konsumierenden (Männer wie Frauen) in die Lage, noch mehr Bedürfnisse zu befriedigen bzw. versetzt die Unternehmen in die Lage, einen noch größen Bedarf zu erfüllen – wenn, wie sich langsam herumzusprechen scheint, natürlich auch nicht nachhaltig.

Ein Dreh- und Angelpunkt feministischer Ökonomie ist die „Sorgearbeit („care work“) für Mensch und Natur, die überwiegend unbezahlt von Frauen geleistet wird und von der neoklassischen Ökonomie als unproduktiv und nicht-wertschöpfend betrachtet wird.“ (ebd.)

Das geht nun wieder in Richtung eines naturromantisch mystifizierenden Verständnis von „weiblicher Fürsorge“ , die  hier anscheinend gerade nicht in ökologischen Gesamtzusammenhängen  betrachtet wird.

Denn dies müsste die meist wenig naturschützlerischen und sozial wenig korrekten Implikationen der Herstellung, des Gebrauchs und der Entsorgung der Mittel in den Blick nehmen, die bei der „überwiegend unbezahlt von Frauen geleistet Fürsorge für Mensch und Natur“ zum Einsatz kommen.

Es ist im Übrigen auch nicht der neoklassischen Ökonomie anzulasten, dass „unbezahlte Sorgearbeit nicht als wertschöpfend betrachtet“ wird bzw. ebenso wie andere Naturkräfte als solche keine Warenwerte hervorbringt. Denn Warenwerte werden nun einmal nicht per subjektiver „Wertschätzung“  bestimmt  wie Gebrauchswerte (deren Werte allerdings gar nicht in Geld ausdrückbar sind sondern höchstens einen bestimmten Grad an Begehrlichkeit, Glück, Zufriedenheit oder auch Ärger, Abneigung  im Hinblick auf bestimmte Güter oder Zustände anzeigen).

Es ist auch nicht Arbeit die Ware, die sowohl Warenwerte hat als auch welche schafft. Arbeit hat im Gegensatz zu den anzumietenden Arbeitskräften keinen Wert, Wert hat das von einem kapitalistischen Unternehmen zum Zwecke der Kapitalvermehrung (mittels Herstellung bzw. Verkauf von Gebrauchsgegenständen, Diensten oder Produktionsmittel)  gemietete Arbeitsvermögen. Und das schaft den Verkaufswert mitels Arbeit für den Verkauf. Dessen durchschnittliche Miethöhe (=Wert) wird nicht durch die vollbrachte Leistung bestimmt oder durch die dem derart Vermögenden deswegen entgegengebrachte Wertschätzung, sondern durch diejenige Arbeitszeit, die durchschnittlich für die (Re-) Produktion der Existenzmittel aufzubringen ist, die von den bzw. für die gelderwerbstätig Beschägtigten (und deren Ersatz) eingekauft werden müssen.

Kann die mittels Raubbau gesenkt werden (weil Raubbau die zur Reproduktion bzw. Weiterentwicklung der Arbeitskraft oder anderer Naturkräfte benötigte Arbeitszeit  verringert) so steigert dies in dem Maße, wie sich der Raubbau – durch die Konkurrenz erzwungen – verallgemeinert nicht die Unternehmensgewinne sondern nur die Möglichkeiten, Begehrlichkeiten zu versorgen, Bedürfnisse zu befriedigen, also sich etwa bezahlte Fußpflegedienste leisten zu können usw.

„Sie steht auch im Zentrum des ökofeministischen Verständnisses des Frau-Natur-Bezugs, weil sie Lebendiges schafft und erhält, und damit wesentlich zu sozialem Wohlergehen beiträgt. Genau dies würdigen neue Wohlstandsmodelle vom „Genuine Progress Indicator“ (GPI) bis zum „nationalen Wohlfahrtsindex“ von Diefenbacher und Zieschank. Sie nehmen Sorge- und Hausarbeit als Indikator für Wohlergehen jenseits von Güterwohlstand und Konsum auf.“

Abgesehen von der eher peinlichen Heiligung des „Frau-Natur-Bezugs“  beim „Lebendigesschaffen“  sind natürlich alle Bemühungen, die Ziele gesellschaftlicher Produktion entsprechend ihres sozialen bzw. ökologischen Gewinns (statt allein des Gewinns an Kaufkraft) zu bestimmen, Schritte in die richtige Richtung. Nur scheint hier einmal wieder außer Acht gelassen, dass es am Ende darauf ankommt, Wohlergeben, gutes Zusammenleben, Möglichkeiten, Bedürfnisse zu entwickeln und diese zu befriedigen usw. mit den sozialen bzw. ökologischen Kosten ihrer Herstellung bzw. Erneuuerung und Weiterentwicklung (sowie ihres Gebrauchs und ihrer Entsorgung) ins Benehmen zu bringen. Denn  genau das ist die große Herausforderung „nachhaltiger Entwicklung“ .

Und statt erst einmal anzuerkennen, dass mit dem Postulat einer „Green Economy“ als Mittel nachhaltiger Entwicklung  die Chance besteht, dass  damit eine gesellschaftliche Diskussion über „grüne“ Ziele des Weltwirtschaftens und geeignete Mittel, sie zu erreichen, losgetreten wird, die in gesellschaftliche Bereiche hinein reicht, die nun einmal über die notwendgen Veränderungen entscheiden, statt hier also mit für entsprechende Rechtfertigungsnöte zu sorgen  und selbst mitzumischen bei der Definition der grünen Weltwirtschaftsziele, -mittel und -wege, (z.B. welche Bedeutung darin Suffizienzstrategien haben sollten und wie diese erreicht werden könnten), wird nur wieder die ideologische Scheuklappe auf- und die altbackene Feindbildpflege fortgesetzt.

„Die Green Economy als Leitbild für Rio+20 setzt einen neuen Bezugsrahmen für die feministische Kritik an der Kommerzialisierung und Finanzialisierung von bisher noch nicht In-Wert-Gesetztem, von der Natur bis zur Sorgearbeit. Frauenorganisation teilten in Porto Alegre das „Nein“, mit dem das Weltsozialforum 2012 die Green Economy als grünen Kapitalismus ablehnte.“ (ebd)

Das klingt nun aber sehr nach einer Hausfrauisierung der gesellschaftlichen Perspektivfindung .  (In meinen Augen immer noch ein ins Reaktionäre tendierender Ausdruck von Entfremdung)  Da Kapitalismus für diese Art Ökofeminismus nun einmal als das überhistorische Reich-des-Bösen zu gelten hat, das außerhalb der unbezahlen Sorgearbeit verortet wird (also außerhalb des Reichs des Lieben, Netten und Fürsorglichen?)  ist alles, was mit Geld zu tun hat des Teufels und auf ewig verdammt, Böses anzurichten.

Ist professionelle Pflege, Kinderbetreuung, Psychoterapie oder die Gastronomie schlecht, weil dies die Hausarbeitsplätze  derer gefährdet, die das liebend gern für Kost, Logie und Treueschwüre erledigen? Sollen Ökosteeuern als unsoziale bzw. geschlechterungerechte Kapitalismusbegrünerei geschimpft werden, weil sie die Möglichkeiten häuslicher Sorgearbeit beschneiden könnten?

Die Begrünung der Ökonomie ist zuallererst eine Strategie zu Wachstums- und Renditemaximierung. Dagegen fehlt Green Economy-Konzepten ein konsistenter Menschenrechtsansatz ebenso wie ein kohärentes Konzept von Gerechtigkeit, Umverteilung und sozialer Nachhaltigkeit. Machtverhältnisse werden nicht thematisiert, die Care-Ökonomie und Sorgearbeiten ignoriert. Gender bleibt unterbelichtet. Es ist absehbar, dass die meisten neuen grünen Jobs in Technologie- und Wissensbereichen oder aber im Baugewerbe und der Plantagenwirtschaft geschaffen werden, wo Frauen stark unterrepräsentiert oder diskriminiert sind.“

„… werden nicht thematisiert“ Ja, wo der Mut zur Differenzierung und zur Suche nach gesellschaftlichen Veränderungspotenzialen fehlt, die eine Wende zur Green Economie womöglich begleiten, da muss die gute alte Leideform der „linken“ Emörungslyrik mal wieder ran. Sorry, aber das klingt alles doch sehr danach, dass die Dimensionen des ökologischen Raubbaus und insbesondere die Zeitdimensionen, mit denen wir es dabei zu tun haben, nicht im Entfernesten auf dem Schirm sind.  Wer gegen Kapitalismusbegrünung kämpft, statt den Versuch zu wagen, sie ökokommunistisch (oder meinetwegen ökohumanistisch) zu wenden, stärkt nur  die Fortsetzung des schwarzbraungelben Desasterkapitalismus, und erreicht jedenfalls keine ökofeministische Idylle.

Gruß hh

Siehe auch

Einen interessanten Ansatz der Diskussion über die gesellschaftliche Konstruktion und Vermittlung von Bedürfnissen und dass diese eben auch als Commoning denkbar sind  bzw. machbar wären, liefert Stephan Mz in einer auf keimform vorgestellten  Präsentation. Auch wenn dem gewiss auch eine tiefe Abneigung gegen das Ansinnen, „Green Economy“ als Chance zu begreifen zugrunde liegen dürfte, (und ich in der Sache mit Herz, Seele und ich meine auch Verstand „Reformist“ bin), so braucht die Entwicklung eines emanzipatorischen Umgangs mit der Green Economy Perspektive von Rio+20 eben auch die Entwicklung von Perspektiven jenseits von Staat und Markt.

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One Response to Rio+20 im Fokus ökofeministischer Sorgen

  1. hhirschel sagt:

    Habe heute einige kleinere Korrekkturen vorgenommen.

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