Com‘ on

Das wachsende Nachdenken über Commons, ich würde sagen: in irgend einer Weise gemeinsam verantwortete Ressourcen, Gebrauchsgegenstände oder  -potenziale usw.,  ist  fürwahr spannend. Auch und grad, wenn man dafür streiten möchte, dass doch bitteschön mehr Weltkommunismus (der ökohumanistischen Art) gewagt werden sollte. Die Rosa Luxemburg Stiftung bot neulich die Gelegenheit,  unter dem Label „Commons“  firmierende Konzepte und Gedanken näher kennenzulernen

Einen guten Einstieg scheint mir diese wundervolle Präsentation von Stephan Merez zu ermöglichen.

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Mit dem Begriff Quer-Production = Herstellung von Querness  weiß ich allerdings nicht viel anzufagen. Scheint mit der Gendertheorie Judith Butlers zu tun zu haben,  und die empfinde ich oft als sehr, sagen wir einmal  auf die Idee „fixiert“, alle  menschlichen Zustände seien in den Köpfen der Menschen konstruiert und könnten daher im Prinzip beliebig bzw. nach bessserer Einsicht umgetauscht werden.
Dass die Menschen ihre Lebensbedingungen herstellen, stimmt ja nur bedingt, denn die Fische, die „wir“ aus den Weltmeeren holen, wurden z.B. nicht vom Menschen hergestellt – auch wenn die Arbeit, die mit dem Fischen, der Verarbeitung und Beförderung der dann toten Fische zum Teller usw. verbundene Arbeit diese „Produktivkräfte der Natur“ erst zum Bestandteil der Herstellung eines menschlichen Zustandes (den der Sättigung und Freude am Dinnieren) machen.
Außerdem ist in meinen Augen die entscheidende Frage die nach den historisch zur Verfügung stehenden Produktivkräften also dem erreichten Stand der gesellschaftlichn und damit einher gehend auch der jeweils indiviuellen Möglichkeiten,  das gute (Zusammen-) Leben auf die eine oder die andere Art zu (re-)produzieren und sich dabei Fisch leisten zu können – oder dies überhaupt zu wollen. Das wird Stephan Mz sicher nicht bestreiten.
Nur, wenn er sagt, dass Waren keine Dinge sind, sondern „eine soziale Form, die Lebensbedingungen in denen wir leben, herzustellen„, dann scheint mir das ein wenig verkürzt ausgedrückt. Gemeint ist offenbar „Warenproduktion“, denn natürlich sind Waren „Dinge“ (oder auch zum Kauf stehende Handlungen oder deren Potenziale), nur dass sie in in der Tat in einer bestimmten (historisch vorherrschenden, auf Privateigentum der Produktionsmittel gründenden) Weise hergestellt bzw. zur Herstellung eines begehrten Zustandes angeeignet werden ((in gewisser Weise so angeeignet werden müssen).
So wichtig ich auch den Hinweis darauf finde, dass das Ware-Sein oder Gemeingut-Sein eines „Dings“ (einer Ressource, eines Gebrauchsgegenstandes oder -potenzials)  keine Natureigenschaft dieser „Dinge“ sind, sondern eine bestimmte (privat oder aber gemeineigentümliche) Art des Zusammenwirkens (bei deren Zweckbestimmung und Erarbeitung, der dafür notwendigen  Motivation oder auch Art der Sorge um die Fortsetzung der (Wieder-) Herstellungsbedingungen) diese Dinge bzw. Handlungen zu „Waren“ oder „Gemeingüter“ macht.
Auf keimform.de sind noch andere Vorträge und auch Protokolle der Tagung nachzulesen, wie etwa zur Frage in wie weit Commons von linken Perspektiven und diese von den Commons lernen könnten oder zur Frage des „Pushen von Commons“ wo hervor gehoben wird, dass Commons quer zum – falschen, weil sich in Wirklichkeit gegenseitig bedingenden – Dualismus von Staat und Markt stehenden. Und wo z.B der Frage nachgegangen wird, ob die Warenform oder Nicht-Warenform und damit auch das Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein von Geld der bestimmende Faktor der Unterscheidung sei, wogegen eingewandt wurde, dass sich Commons gerade dadurch auszeichnen, dass sie sich aufgrund ihrer Vielfätigkeit nicht exakt definieren lassen.
Das ist m.E. deshalb so, weil Commons im Sinne von gemeinschaftlich regulierter Nutzung, Pflege, (Weiter-)Entwicklung von Ressourcenentdeckung und -gebrauch  entweder noch nicht kapitalistisch einverleibt sind (und davor gegebenenfalls geschützt werden müssen) , oder es entsteht gerade infolge kapitalistischer Effizienz eine Sphäre von Common Peer Production frei (durch freie Assoziationen) nutzbarer, zu pflegender oder weiterentwickelbarer Ressourcen (wie etwa Open Source- Software), die  Freiräume des Gemeinschaftlichen schaffen (und davor geschützt werden mssen, gegebenenfalls zurückerobert zu werden und die wie immer kapitalistisch ausgenutzt  werden wie  alle „Naturprodukte“ die als solche eben nichts kosten).
Aber in den Blick gehören m.E. auch gesellschaftliche Vergemeinschaftungsprozesse die sich unter der kapitalistischen Oberfläche abspielen, wo es erst um – unterschwellig laufende – gesellschaftliche Prozesse der Schaffung einer auf gemeinsame Verantwortung  basierenden Nutzung (Entwicklung, Pflege usw) von Ressourcen bzw. Produktionsmittel geht. So wenn  – z.B. mittels Ökosteuern und der Durchsetzung von Produktions- bzw. Transportstandards, die mehr Arbeit machen –  sogar Geld als Mittel der gesellschaftlichen Steuerung im Sinne einer gemeinsamen Verantwortung  funktioniert. (Wenn auch in engen Grenzen und als Übergangshänomen zu einem Nachhaltigkeitsmanagement, für das Geld als Mittel der Vergesellschaftung nicht mehr taugen würde).
„Wenn neue Kritik, neue Alternativen, neue Begriffe auftauchen, dann versuchen aber immer verschiedene Gruppen sie für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Auch die politischen und wirtschaftlichen Eliten versuchen, sie in die hegemonialen Konzepte einzubauen. Daraus kann man keine Schwäche des Konzepts ableiten, so funktioniert hegemoniale Macht. Daher kann die Frage nicht lauten, sind Commons emanzipatorisch, sind sie geeignet, eine soziale Transformation herbeizuführen oder nicht, sondern sie muss lauten, was ist das emanzipatorische Potenzial und wie kann es realisiert werden?“
Eine solche – meiner Meinung nach sehr vernünftige – Sicht würde ich mir auch im Hinblick auf Bemühungen in Richtung „ökokapitalistischer“ Veränderungen innerhalb des globalen Warensinns  (á la „Green New Deal“ usw.) wünschen
  hh
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2 Responses to Com‘ on

  1. StefanMz sagt:

    Queer-Production habe ich verwendet, weil auch die individuellen Identitäten nicht gegeben sind, sondern sozial hergestellt werden. Dies jedoch nicht bloß in den Köpfen, sondern manifest in den Handlungen und Strukturen. Im Poststrukturalismus wird dafür der Begriff „Diskurs“ verwendet, der tatsächlich als „bloß sprachlich“ missverstanden werden kann.

    Mir kam’s darauf an zu betonen, dass wir im umfassenden Sinne unsere Lebensbedingungen herstellen, also auch unsere sozialen Verhältnisse und Identitäten. Wir finden nichts nur einfach vor, auch die Fische nicht. Die holen wir nicht einfach aus dem Meer, sondern bauen dafür Trawler. Worauf du anspielst, sind die Ressourcen, die die Voraussetzung für die Produktion sind.

    Bei der Ware habe ich den Spieß umgedreht: Zu sagen, Waren seien Dinge, ist verkürzt. Die Form der Ware ist die Form ihrer privat-getrennten Herstellung. Nicht nur der Wert ist ein gesellschaftliches Verhältnis, sondern eben auch die Ware. Unter der dinglichen Hülle ist das soziale Verhältnis verborgen. Das Warenhafte an der Ware ist nicht das dingliche, und das Ding ist nicht von Natur aus Ware. So ähnlich sagst du es aber auch.

    Bei den Commons ist das (etwas) offensichtlicher, was daran liegt, dass die beteiligten Commoners vor der Produktion ausmachen müssen, was sie wie und für welchen Zweck produzieren oder erhalten wollen. Die soziale Vermittlung findet vor der Produktion statt. Commons erscheinen so auch als soziales Verhältnis, während es bei der Ware das soziale Verhältnis als Verhältnis von Dingen erscheint (Fetischismus).

  2. hhirschel sagt:

    Danke für die Erläuterung. Ich meine: Mittels kapitalistischer Effizienz produzierte Freiheiten sind ja meist zugleich Mittel, die Unterordnung unter kapitalistische Sachzwängen sogar noch zu steigern, Die dem unterworfenen Individuen sind nicht in der Lage, diese zu überwinden ud sehen sich einer Naturgewalt gegenüber. Die kapitalistischen Sachzwänge sind den Individuen durch die kapitalistischen Befreiungstaten also in paradoxer Weise vermehrt gegebenen. Ich habe deshalb Schwierigkeiten mit dem Begriff „sozial konstruiert“, weil das für mich Freiwilligkeit signalisiert.

    Aber vielleicht irre ich mich und muss einfach strenger zwischen sozialer und kultureller Konstruktion unterscheiden. Jedenfalls schafft die kapitalistisch („unmenschlich“) gesteigerte Effizienz im Zuge ihrer Entwicklung auch auch ein zunehmendes Mitmenschlichkeitspotenzial, Freiheit zur Reflektion und zu – miteinander – selbstbestimmten Experimenten, Produziert insofern Produktivkräfte, die im Widerspruch zum Warensinn der verrückt gewordenen (mit der Zeit als verrückt erkannten) Sachzwängen geraten.

    Was die soziale bzw. kulturelle Konstruktion der sexiellen Zuneigung betrifft, denke ich, dass die menschliche Biologie (und die anderer Säugetiere) da eine große Varianz zwischen ziemlich festgelegt und gar nicht festgelegt bereit hält.

    „Zu sagen, Waren seien Dinge, ist verkürzt…“

    Stimmt auch wieder 😉 Wir sind uns natürlch einig, dass die Warenform von Dingen nicht deren Natureigenschaft. ist,sondern Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Natur – als Produkt bzw. Mittel der Warenproduktion.

    Gruß hh

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