Alles Gut(e) Kapital?

Während man sich früher  in der Natur umschaute, wenn technische oder ökonomische Erscheinungen auf einen Begriff  zu bringen waren, ist es heute meist umgekehrt.  Arbeitsspeicher leer? Neustart notwendig? Liest sich wie ein Psycho-Ratgeber, oder? Die überraschende Erkenntnis: Erfahrungen mit Artefakten können zum besseren Naturverständnis beitragen.

Ob aber die Ausdehnung „des Kapitalbegriffes“ auf alle möglichen Formen sozialer und natürlicher Potenziale zur Schaffung eines Nutzens ein Gewinn ist?

Marx nannte Kapital das (ab einem bestimmten Punkt in der Entwicklung der Produktivkräfte)  historisch notwendige (Zwangs-) Verhältnis zweier Sorten bzw. Klassen Produktions- bzw. Aneignungsvermögen nämlich das Verhältnis zwischen einerseits dem privaten Vermögen  zur Aneignung (zum Mieten) von (Tausch-) Wert schaffendem Arbeitsvermögen  (= dem konstanten Kapital) und andererseits eben diesem den (Tausch-) Wert schaffenden Arbeitsvermögen  ( = dem variablen Kapital = Humankapital).

Marx war es äußerst wichtig zu zeigen, dass diese Form der (Re-) Produktions- bzw. Bereicherungsbeziehung, dass also Kapital bzw. die kapitalistische Form der (Re-)  Produktion und Aneignung von Nutzen (und den dafür aufzubringenden Anstrengungen oder auch in Kauf zu nehmenden Schäden oder Risiken) keine überhistorische Naturerscheinung ist, sondern dass deren „Materialität“ historisch entstand und beizeiten auch wieder vergehen wird, wenn die Entwicklung der Produktivkräfte an einem Punkt gerät, an dem die kapitalistische Art der Bestimmung ihrer Entwicklung und Anwendung nicht mehr akzeptiert werden kann.

Gerade diese Perspektive verschwimmt durch die heute gebräuchliche Ausdehnung des Kapitalbegriffes auf  überhistorische Phänomene ökologischer bzw. sozialer Natur.

Ökologen reden von Naturkapital um auf den (potenziellen) Nutzen von Naturdingen hinzuweisen, der für einen kurzfristigen ökonomischen Gewinn aufs Spiel gesetzt werden könnte. Pierre Bourdieu hat einen ganzen Strauß Kapitalsorten im soziologischen Gepäck und spricht von  sozialem, kulturellem, symbolischem und ökonomischem Kapital, dessen privilegierter Besitz bzw. Zugang (Klassencharakter) jeweils durch klassenspezifische  soziale Praxen (dem Habitus) reproduziert wird. Wobei auch das ökonomische Kapital ökologisch (d.h. von den stofflichen Wechswirkungen her) betrachtet wird als (privilegiert zugänglicher) Reichtum an Gütern, Geld oder Land, der aber – anders als bei Marx – in keinerlei systematischer Beziehung zur (historischen) Art der Produktionsbeziehungen bzw. Arbeitsteilung betrachtet wird.

Aus einer  (öko-) sozialistischen Perspektive,  die eine prozesshafte Entwicklung  sozialer Möglichkeiten (zur weltweit mitmenschlichen und ökologisch reflektierten Art der Reproduktion und Bereicherung) im Blick hat, ist diese Ausweitung des Kapitalbegriffs zwiespältig.

Einerseits schärft die Wahrnehmung der Entwicklung (oder auch Verteilung) sozialer bzw. kultureller Möglichkeiten, Zugang  zu sozialen Ressourcen  zu finden (und somit das eigene soziale Vermögen zu mehren) oder Möglichkeiten der oder von Bedeutungsvermögen  das Gefühl für die Vielfalt (der Notwendigkeit) sozialer Emanzipationsprozesse.  Dennoch wäre es besser,  den Begriff „Kapital“  wenigstens dem Vermögen zur privaten

Aneignung eines Nutzens vorzubehalten. Soziales Kapital?

Nach Wikipedia  bietet soziales (über soziale Beziehungen statt Geld vermitteltes) Bereicherungsvermögen bzw. “ Kapital“ …

„… für die Individuen einen Zugang zu den Ressourcen des sozialen und gesellschaftlichen Lebens wie Unterstützung, Hilfeleistung, Anerkennung, Wissen und Verbindungen bis hin zum Finden von Arbeits- und Ausbildungsplätzen. Es produziert und reproduziert sich auch über Tauschbeziehungen, wie gegenseitige Geschenke, Gefälligkeiten, Besuche und Ähnliches.“

Anderseits wird „Kapital“ so nicht mehr als eine besondere – lediglich in einer bestimmten Epoche bzw. Phase der Produktivkraftentwicklung notwendige – Form der Vergesellschaftung begriffen, deren Überwindung im Zuge weiterer Produktivkraftentwicklung notwendig und auch (prinzipiell) möglich wird weil die kapitalistischen Widersprüche zwischen dem gesellschaftlichen Charakter und der privateigentümlichen Form von Reproduktion und Bereicherung Reichtum nur um den Preis sozialer Ohnmacht gegenüber unerträglichen Risiken, Schäden oder Mangels an Zukunftsfähigkeit entwickeln).

„Kapital“ steht nun für ein – in alle Ewigkeit – begehreswertes Gut, dessen Zugang lediglich gerechter zu gestalten sei. Nicht mehr die Überwindung der sozial bzw. ökologisch blinden  Zwangsverhältnisse der ökonomischen Struktur (der privateigentümlichen Form der globalen Arbeits- Genuss und Verantwortungsteilung wie die sozial und ökologisch kurzsichtig machende – Nötigung zur Vermietung der Arbeitskraft und kapitalistischer Konkurrenz) steht im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses sondern der Kampf gegen eine – mehr oder minder bestimmte – (Klassen-) Herrschaft derer, die ihren priviligierten Zugang zum begehrten Kapitalverteidigen.

Die Möglichkeit einer (den Kapitalbegriff allerdings einmal beiseite lassenden) produktiven Beziehung beider Pole ebnen vielleicht die in der Tradition Bourdieus stehenden französischen Soziologen Luc Boltanski und Laurent Thévenot, die die unbefriedigend individualistische Betrachtung des Habitus als „Klassenprivilegien“ reproduzierendes Vermögen erweitern durch den Blick auf eine Vielzahl von Behauptungs/ Rechtfertigungsverhältnissen, denen die um ihre Behauptung kämpfenden Individuen ausgesetzt sind. Individuen und soziale Gruppen müssen sich in unterschiedlichen sozialen Feldern und diese berührenden Rechtfertigungsbeziehungen  (familiärer, ökonomischer, politischer, kultureller usw. Art) behaupten. Die Art wie (= mit welchem Habitus und mit welchen Behauptungen)  sie sich behaupten / rechtfertigen, bedeuten Anpassung an diese unterschiedlichen Rechtfertigungsbeziehungen, können aber auch im Widerspruch zu ihnen geraten.

Wird fortgesetzt … (Kritik, Hinweise jeder Art sind willkommen)

hh

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