Peterchens Mondfahrt!

mondWer Marx hinterm Mond sucht, wird vor allem auf der dunklen Seite fündig. Projektor an: der alte Film mit den gewohnten Vorurteilen wird abgespult. Ein paar Erinnerungsfotos! Wow! Der philosophische Beweis ist erbracht: Marxisten leben hinterm Mond, haben sich als wahre Herren der Finsternis  erwiesen und sind sehr, sehr böse.

Konkret klingt das in Etwa so:

Dschihad der gebenden Hand:

Für Marx beginnt Kapitalismus fälschlicherweise mit Landdiebstahl. Darauf baut er eine Theorie der Erbsünde auf mit deren Hilfe dann später zurückgeklaut werden soll! Das geschieht auch inzwischen. Der Staat und von ihm ernährte Schmarotzer klauen den Produktiven (produktive Arbeiter, Bestsellerautoren und Unternehmer)  ihr wohlverdientes Geld.  Sie haben einen Semisozialismus aufgebaut und enteignen damit  die Leistungsstarken.  Schuld daran tragen neben den Marxisten professionelle Geldverleiher deren Gier nach Zinsen der Staat befriedigen muss. Aber nicht mehr lange:

Gegen die raffende „Wissenschaft der nehmenden Hand“ aber gibt es bald die „Revolution der gebenden Hand“. Die gehört den produktiven Arbeitern der Stirn und der Faust sowie den ebenso produktiven Unternehmern. Und diese Hand wird dann schon den Dieben und Schmarotzern (Staatsdiener, Geldverleiher und Erwerbslose) die Hand abschlagen, deren Zwangssteuern abschaffen und dafür ein auf freiwillige Spenden beruhendes Freude-durch-Kraft-System aufbauen, welche dem Privateigentum wieder den ihm gebührenden Respekt zurückgibt, der ihm von  Marxisten und gierigen Geldverleihern geraubt worden war.

Was wie Oberlippenbartfantasien aus dem letzten Jahrhundert klingt,  ist ganz frisch und stammt von niemand anderem als dem prominenten Fernsehphilosoph Peter Sloterdijk.

In der FAZ vom 13. Juni 2009 behauptet dieser zunächst, dass Marx Rousseaus Vorstellung übernommen hätte, dass alles kapitalistische Übel mit der Einzäunung von Land begann:

Rousseau hat hierüber in dem berühmten Einleitungssatz zum zweiten Teil seines Diskurses über die Ungleichheit unter den Menschen von 1755 das Nötige erklärt: ‚Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: Das gehört mir!, und der Leute fand, die einfältig (simples) genug waren, ihm zu glauben, ist der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft (société civile).‘ “ (…)

„Marx war von dem Schema der ursprünglichen Einzäunung so beeindruckt, dass er die ganze Frühgeschichte des „Kapitalismus“, die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, auf die verbrecherische Willkür einiger britischer Großgrundbesitzer zurückführen wollte, die es sich einfallen ließen, große Flächen Landes einzuzäunen und große Herden wolletragenden Kapitals darauf weiden zu lassen – was naturgemäß ohne die Vertreibung der bisherigen Besitzer oder Nutznießer des Bodens nicht geschehen konnte.

Sloterdjik in der FAZ vom 13. Juni 2009

Der Unsinn dieser Behauptung lässt sich in Zeiten elektronischer Kommunikation zum Glück rasch nachvollziehen. Marx geht es in dem Kapitel zur Genesis von Lohnarbeit und Kapital vor allem um das Erkennen struktureller Voraussetzungen:

„Zweierlei sehr verschiedene Sorten von Warenbesitzern müssen sich gegenüber und in Kontakt treten, einerseits Eigner von Geld, Produktions- und Lebensmitteln, denen es gilt, die von ihnen besessene Wertsumme zu verwerten durch Ankauf fremder Arbeitskraft; andererseits freie Arbeiter, Verkäufer der eigenen Arbeitskraft und daher Verkäufer von Arbeit. Freie Arbeiter in dem Doppelsinn, dass sie weder selbst unmittelbar zu den Produktionsmitteln gehören, wie Sklaven, Leibeigene usw., noch auch die Produktionsmittel ihnen gehören, wie beim selbstwirtschaftenden Bauern usw., sie davon vielmehr frei, los und ledig sind.“

MEW 23, S. 789-802 24. Kapitel: Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation

Die sog. ursprüngliche Akkumulation ist also nichts als der historische Scheidungsprozeß von Produzent und Produktionsmittel. Er erscheint als »ursprünglich«, weil er die Vorgeschichte des Kapitals und der ihm entsprechenden Produktionsweise bildet.

Die ökonomische Struktur der kapitalistischen Gesellschaft ist hervorgegangen aus der ökonomischen Struktur der feudalen Gesellschaft. Die Auflösung dieser hat die Elemente jener freigesetzt.

MEW Bd. 23, S. 742-743

Die Beschreibung der besonderen historischen Umstände (im Abschnitt 2. Expropriation des Landvolks von Grund und Boden), die England zu einem „klassischen Fall“ dieser Trennung bzw. Befreiung vom Produktionsmittelbesitz  machten, dienen der Illustration. Allerdings sind die geschilderten Tatsachen  in der Tat geeignet, den Mythos einer gewaltfreien „ursprünglichen Akkumulation des Startkapitals“  der neuen Epoche  bzw. Klassenherrschaft  zu zerstören.

In der sanften politischen Ökonomie herrschte von jeher die Idylle. Recht und »Arbeit« waren von jeher die einzigen Bereicherungsmittel, natürlich mit jedesmaliger fleißige, intelligente und vor allem sparsame Elite und auf der andren faulenzende, ihr alles und mehr verjubelnde Lumpen. So kam es, daß die ersten Reichtum akkumulierten und die letztren schließlich nichts zu verkaufen hatten als ihre eigne Haut. Und von diesem Sündenfall datiert die Armut der großen Masse, die immer noch, aller Arbeit zum Trotz, nichts zu verkaufen hat als sich selbst, und der Reichtum der weniger, der fortwährend wächst, obgleich sie längst aufgehört haben zu arbeiten. (…) In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle.

MEW Bd. 23, S.741 – 742

Sloterdijk scheint  genau diese unangenehmen Wahrheit zu stören.  Um den Preis,  implizit selbst eine idyllische Vorstellung von der wenig idyllischen Entstehungsgeschichte der „westlichen Moderne“  zu verbreiten, schlägt er auf den Boten der schlechten Nachricht ein. Er unterstellt Marx,  „auf Grund des von Rousseau inspirierten Verdacht“ aus der Einzäunung von Schafweiden eine quasi religiöse Erbsündentheorie abgeleitet zu haben, auf die „alle Ökonomie auf vorökonomischen Willkürvoraussetzungen beruhe“.

Sloterdijk:

Wenn Marx seine Theorie der kapitalgetriebenen Wirtschaftsweise fortan in der Form einer „Kritik der politischen Ökonomie“ entwickelte, so auf Grund des von Rousseau inspirierten Verdachts, dass alle Ökonomie auf vorökonomischen Willkürvoraussetzungen beruhe – auf ebenjenen gewaltträchtigen Einzäunungsinitiativen, aus denen, über viele Zwischenschritte, die aktuelle Eigentumsordnung der bürgerlichen Gesellschaft hervorgegangen sei. Die ersten Initiativen der beati possidentes kommen ursprünglichen Verbrechen gleich – sie sind nicht weniger als Wiederholungen der Erbsünde auf dem Gebiet der Besitzverhältnisse.

Sloterdjik in der FAZ vom 13. Juni 2009

Merke: die von Marx im Abschnitt Expropriation des Landvolks von Grund und Boden beschriebenen – von der Geschichtsforschung nicht wiederlegbaren –  Gewaltorgien, welche die Trennung von Lohnarbeit und Kapital  schließlich hervorbrachte, sind nach Sloterdijk nur „ein Verdacht“ von Marx.

Der eigene Verdacht, dass die von Marx geschilderten Tatsachen nur dessen  Verdacht seien, (das zu überprüfen ist eines Großphilosophen offenbar unwürdig), auf dem dieser eine Erbsündentheorie zwecks Legitimation des großen Zurücklauens aufbaue, ist natürlich kein bloßer Verdacht sondern Großphilosophie:

In solchen Anschauungen gründet der für den Marxismus, aber nicht nur für diesen, charakteristische moderne Habitus der Respektlosigkeit vor dem geltenden Recht, insbesondere dem bürgerlichsten der Rechte, dem Recht auf die Unverletzlichkeit des Eigentums. Respektlos wird, wer das „Bestehende“ als Resultat eines initialen Unrechts zu durchschauen glaubt. Weil das Eigentum, dieser Betrachtung gemäß, auf einen ursprünglichen „Diebstahl“ am diffusen Gemeinbesitz zurückgeführt wird, sollen die Eigentümer von heute sich darauf gefasst machen, dass eines Tages die Korrektur der gewachsenen Verhältnisse auf die politische Agenda gesetzt wird.

Sloterdjik in der FAZ vom 13. Juni 2009

Dass ist natürlich Unsinn. Marx  wäre es nicht einfallen, die Notwendigkeit zur Überwindung  sozialer Ohnmacht, (die die kapitalistischen Behauptungsverhältnisse charakterisiert), aus irgend einem vergangenen Verbrechen abzuleiten, das sozusagen „Auge um Auge, Zahn und Zahn“ gerächt werden müsse.

Aber hier zählt offenbar nicht Wahrheit sondern Wirkung bzw. ideologische Absicht, eine neue „Ausbeutungstheorie“ zu etablieren.  Zu dem Zweck unterstellt Sloterdijk Marx, das dieser es mit seiner „klug diffusen Werttheorie“  so aussehen ließe, dass …‘

„… der ‚Wert‘ aller industriellen Erzeugnisse stets ungerecht geteilt werde: das bloße Existenzminimum für die Arbeiter, den reichen Wertüberschuss für die Kapitaleigentümer stets ungerecht verteilt werden würde“.

Sloterdjik in der FAZ vom 13. Juni 2009

Kritik an oder Überwindung von ungerechter Verteilung war aber gerade nicht Marxens Anliegen, und er erkannte durchaus die Möglichkeit einer Steigerung des Lebensstandards über das Existenzminimum für Nichtkapitalbesitzende (belegt etwa im Kapitel über die relative Mehrwertproduktion).  Es ging ihm überhaupt darum, herauszufinden, welche Umstände Verhältnisse notwendig machen, die es den Menschen ermöglichen, die Zwecke der menschlichen Produktion, den dafür zu leistenden Aufwand, die Erkundung geeigneter Produktionsstandorte, die Frage nach möglichen Risiken und  Schäden (kurz- oder auch langfristiger Art) und nicht zuletzt danach, wer welchen Nutzen und wer möglicherweise welchen Schaden davontragen soll, in einem diskursiven Prozess (weltweit) miteinender abstimmen zu können.

Was Sloterdijk als  verbrecherischen bzw. religiös verblendeten „Rückklau“ und „Respektlosigkeit gegenüber Eigentum“ darstellt, nämlich die kommunistische Perspektive einer Verallgemeinerung der Fähigkeit zur abgestimmten Entwicklung und Anwendung menschlicher (und von Menschen beeinflusster) Produktivkräfte, sah Marx als Prozess der Mensch(lich)werdung:

Die Aufhebung des Privateigentums ist daher die vollständige Emanzipation aller menschlichen Sinne und Eigenschaften; aber sie ist diese Emanzipation grade dadurch, daß diese Sinne und Eigenschaften menschlich, sowohl subjektiv als objektiv, geworden sind. Das Auge ist zum menschlichen Auge geworden, wie sein Gegenstand zu einem gesellschaftlichen, menschlichen, vom Menschen für den Menschen herrührenden Gegenstand geworden ist. (…)  Das Bedürfnis oder der Genuß haben darum ihre egoistische Natur und die Natur ihre bloße Nützlichkeit verloren, indem der Nutzen zum menschlichen Nutzen geworden ist.“

MEW Bd. 40, S. 540

Und was sagt uns Sloterdijks auf die dunkle Mondseite projizierter Film?

Aus der Marxschen Mehrwerttheorie ergab sich die folgenschwerste These, die je auf dem Feld der Eigentumskritik formuliert wurde. In ihrer Beleuchtung erscheint die Bourgeoisie, obschon de facto auch eine produzierende Klasse, als ein von Grund auf kleptokratisches Kollektiv, dessen Modus Vivendi umso verwerflicher sei, als dieser sich offiziell auf allgemeine Gleichheit und Freiheit berufe – nicht zuletzt auf die Vertragsfreiheit beim Eingehen von Beschäftigungsverhältnissen.

Sloterdjik in der FAZ vom 13. Juni 2009

In Wirklichkeit zeigt Marx, dass sich Kapitalakkumulation (also die Zentralisierung von Bereicherungsvermögen in private Hände) nicht nur „offiziell auf allgemeine Gleichheit und Freiheit beruft“  sondern durch und durch darauf beruht.

Produktionsmittelbesitzende und Arbeitsvermögende stehen sich als freie und gleiche Geschäftspartner gegenüber. Nur ist der eine Part von der Möglichkeit befreit, die Bereicherungsmittel zur eigenen Bereicherung zu nutzen oder zumindest die Zwecke und Mittel der Produktion mitzubestimmen, und der andere Part ist Kraft seines Bereicherungsvermögens davon befreit, sein Arbeitsvermögen vermieten zu müssen.

Die Sphäre der Zirkulation oder des Warenaustausches, innerhalb deren Schranken Kauf und Verkauf der Arbeitskraft sich bewegt, war in der Tat ein wahres Eden der angebornen Menschenrechte. Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham. Freiheit! Denn Käufer und Verkäufer einer Ware, z.B. der Arbeitskraft, sind nur durch ihren freien Willen bestimmt. Sie kontrahieren als freie, rechtlich ebenbürtige Personen. Der Kontrakt ist das Endresultat, worin sich ihre Willen einen gemeinsamenRechtsausdruck geben.

Gleichheit! Denn sie beziehen sich nur als Warenbesitzer aufeinander und tauschen Äquivalent für Äquivalent.

Eigentum! Denn jeder verfügt nur über das Seine.

Bentham! Denn jedem von den beiden ist es nur um sich zu tun. Die einzige Macht, die sie zusammen und in ein Verhältnis bringt, ist die ihres Eigennutzes, ihres Sondervorteils, ihrer Privatinteressen. Und eben weil so jeder nur für sich und keiner für den andren kehrt, vollbringen alle infolge einer prästabilierten Harmonie der Dinge oder unter den Auspizien einer allpfiffigen Vorsehung, nur das Werk ihres wechselseitigen Vorteils, des Gemeinnutzens, des Gesamtinteresses.

Beim Scheiden von dieser Sphäre der einfachen Zirkulation oder des Warenaustausches, woraus der Freihändler vulgaris Anschauungen, Begriffe und Maßstab für sein Urteil über die Gesellschaft des Kapitals und der Lohnarbeit entlehnt, verwandelt sich, so scheint es, schon in etwas die Physiognomie unsrer dramatis personae. Der ehemalige Geldbesitzer schreitet voran als Kapitalist, der Arbeitskraftbesitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der eine bedeutungsvoll schmunzelnd und geschäftseifrig, der andre scheu, widerstrebsam, wie jemand, der seine eigne Haut zu Markt getragen und nun nichts andres zu erwarten hat als die – Gerberei.

MEW . 23, S. 190-191)

Betrachten wir die in der Produktionsspähre zu leistende Arbeitszeit, so lässt sich feststellen,  dass die von der Konkurrenz angetriebene Verbesserung des menschlichen Bereicherungsvermögens zwar den Umfang und Qualität der Lebensgenussmittel erhöht. Aber der gleiche Fortschrittsmotor (freie Konkurrenz) sorgt auch dafür, dass die Arbeitszeit sich nicht hinreichend verkürzt, und immer mehr Waren für immer mehr private (also nicht unbedingt soziale) Bedürfnisse produziert werden müssen.

Der Anteil des Arbeitstages, der für Waren verausgabt werden muss, die der Reproduktion des Arbeitsvermögens dienen, fällt so immer mehr zurück gegenüber dem Anteil des Arbeitstages, der der Reproduktion und Mehrung des privaten Bereicherungsvermögens (ein etwas luxeriöserer Lebensgenuss Maschinen, Rohstoffe, Zugriffsrechte usw.) dient.

Es ist eine höchst spannende Frage, wie sich unter diesen Zwangsverhältnissen „Arbeitsre(innen)emanzipation“ vor und zurück bewegt zum Beispiel durch Veränderung der Arbeitszeiten, die stärkere gesellschaftliche Nachfrage nach Hochschulbildung oder die Steigerung der Vielfalt möglicher Berufe und Tätigkeiten. Schließlich auch,welche Rolle staatiche Leistungen für wessen Gegenwart und Zukunft spielen, etwa in wieweit staatliches Eingreifen ökologisch als auch ökonomisch desaströse Überakkumulationskrisen verhindern oder abmildern kann, also dass  – der unter den Bedingungen freier Konkurrenz unwillkürlich entstehender – Überfluss paradoxerweise Armut und soziale Ohnmacht erzeugt.

(Historische) Berechtigung und Sinnhaftigkeit staatlicher Leistungen können allerdings nur anhand der konkreten Einzelheiten sinnvoll erörtert werden. Aus der Tatsache, dass ein großer Teil der Produktivitätsgewinne die Ausdehnung  staatlicher Leistungen ermöglicht, die Behauptung abzuleiten, hier sei das „eigentliche“ Ausbeutungssubjekt entdeckt, ist  so abgrundtief dämlich, dass  einem der Atem stockt. Man möchte sich ausschütten vor Lachen über die urplötzliche Nacktheit des stolz sein neues Kleid päsentierenden Philosophiekaisers, wenn das nicht so mitleidslos wäre und ein Blick auf das mögliche Ende der Zündschnur, an die der populäre Paradiesvogel Sloterdijk die Lunte legt,  nicht so gruseln ließe:

Die einzige Macht, die der Plünderung der Zukunft Widerstand leisten könnte, hätte eine sozialpsychologische Neuerfindung der „Gesellschaft“ zur Voraussetzung. Sie wäre nicht weniger als eine Revolution der gebenden Hand. Sie führte zur Abschaffung der Zwangssteuern und zu deren Umwandlung in Geschenke an die Allgemeinheit – ohne dass der öffentliche Bereich deswegen verarmen müsste.

Sloterdjik in der FAZ vom 13. Juni 2009

Vattenvall als Sponsor  nicht nur für Unterrichtsmaterial über „umweltfreundliche Energie“ sondern auch für Armenspeisung und Lehrstühle?  Eine wirklich geniale Idee, um  dem Privateigentum (bzw. in dem Fall wie Privateigentum funktionierendes Staatseigentum) wieder zu dem ihm gebührenden Respekt zu verhelfen.

Wann finden wir unseren Freund in der Initiative „Guido wählen!“ wieder?

Gruß hh

Nachtrag:

Vielleicht schlummerte im Paradiesvogel Sloterdijk schon lange auch die treue Seele eines ideologischen Wachhundes des Kapitalismus. Der Kampf zweiter Seelen in des Philosophen Brust scheint nun entschieden.

Ob Wolf Biermann solch eine zwiesprachige Persönlichkeitsentwicklung im Sinn hatte, als er das folgende Kinderlied schrieb?

Hofhund und Papagei
stritten sich um Haferbrei
Da fiel der Papagei
kopfüber in den Haferbrei
Wau, wau, sprach der Hofhund.
Warum warst du denn auch so doof bunt.

Ist auf der Platte der Friedensclown zu finden

Noch ein Nachtrag:

Im Freitag vom 13.6. weist Rudolf Walther auf die geistige Verwandtschaft Sloterdijks Provokation zum ADAC Slogan „Freie Fahrt für freie Bürger“ und auf den Umstand hin, dass S. als Rektor der „Staatlichen Hochschule für Gestaltung“ in Karlsruhe ebenbenso staatlich alimentiert wird „wie der Staatsrentner und Steuerboykotteur Arnulf Baring“.

Interessant an Walters Artikel ist auch der Hinweis, dass der Ausdruck „Steuerstaat“  gegebenenfalls auch eine Verharmlosung wirklicher Staatsverbrechen beinhaltet (Man denke an den deutschen Nazistaat).  Diesen Aspekt hatte ich  vernachlässigt.

Die Frage bleibt natürlich, wie sich der Herr Großphilosoph das nichtstaatliche Steuern der  produktiven Kraft und seiner freuwilligen Spenden vorstellt. Aber auch das ist ja eigentlich geklärt:

„Auf jedem Schiff, das dampft und segelt gibt es einen, der alles regelt und das bin ich“

Guido Westerwelle

Zu Sloterdijk siehe auch

Michael Pauen im Freitag: Und was will Sloterdijk?

Jan Remann und Thomas Wagner im Argument: Sloterdijks Weg vom Zynismus-Kritiker zum Herrschaftszyniker

Freysinn Sloterdijk, si tacuisses

Sloterdijk, ein Reich-Ranicki der Philosophie?

Finkeldey:  Sloterdijk zum Herrenmensch entstellt

Exportabel: Sloterdijk fordert den totalen Betrug der Massen

FAZnet Richterspruch: Freie Fahrt für freie Bürger

ZEIT-online Kritik der zynischen Unvernunft (Leserartikel von Von seriousguy)

Zum Thema Sozialneid von oben siehe auch

Arno Klönne in Ossietzky: Lautstarkes Lob der Ungleichheit

Recht passende Bemerkungen zu Sloterdijks Zielgruppe finden sich bei AISTHESIS – Texte zur Ästhetik, Philosophie und Kunstkritik:

„Im übrigen aber erledigen sich diese ganzen Dinge sehr zügig, wenn man, gut an Hegel geschult, die gebrauchten Begriffe daran mißt, was sie unter sich befassen und ihre Stellung zur Wirklichkeit ausmacht sowie das darlegt, was sich in ihnen sedimentiert. Dies fängt bei einem so feinen Begriff wie dem des „Leistungsträgers“ an. Bereits hier zeigt sich, wie die gesellschaftlichen Wertschätzungen verteilt sind: die einen leisten und die anderen arbeiten eben oder bemühen sich, an Arbeit zu gelangen. Für den kargen Lohn haben sie Dankesbezeugungen zu erbringen: „Danke, für meine Arbeitsstelle, danke für jedes kleine Glück.“ Zum Dank fürs Danken empfangen sie dann die Geschenke, welche ihnen huldvoll dagereicht werden…“

In Griechenland zeigen sich die Konsequenzen eines etwas staatsfreieren Umgangs mit der gebenden Bürgerhand

Über die Ursachen des nahen Staatsbankrott Griechenlands schreibt Niels Kadritzke in der Le Monde Diplomatique vom 15. 01. 2010:

„Das Staatsdefizit rührt auf der Einnahmenseite tatsächlich vor allem aus der verbreiteten Steuerhinterziehung, die in Griechenland ohne jedes Unrechtsbewusstsein gepflegt wird. Dem Staat fehlen damit jedes Jahr 30 bis 40 Milliarden Euro…“

Lesenswert dazu auch von Elmar Altvater „Öffentliche Verschuldung Geschröpfte Schweine“ in der WOZ vom 4.3.2010

Inzwischen welkt der Philosoph und seine Blätter färben sich zusehends braun:  http://www.cicero.de/berliner-republik/peter-sloterdijk-ueber-merkel-und-die-fluechtlingskrise-es-gibt-keine-moralische

Georg Diez in Spiegel Online:

Wer den sich abzeichnenden Ausgang der Landtagswahlen im Speziellen und die rabiate rechte Bürgerwut im Allgemeinen verstehen will, wer also verstehen will, wie in einer Gesellschaft antimoderne, antiwestliche, antizivilisatorische, fremdenfeindliche Gedanken ihren Platz finden und sich verbreiten, der muss Peter Sloterdijk lesen.

 Das ist, zugegeben, nicht immer ein Vergnügen, denn Sloterdijk, der herrische Erzieher, betreibt Philosophie als Prügelstrafe. Er fordert Ergebenheit gegenüber seinen Prankengedanken. Er führt seine Seminare mit Sadismus. Er zwingt mehr, als dass er überzeugt. Er ist dunkel in seinen Worten und verschwommen in seinen Absichten, aber so lieben die Deutschen ihre Philosophen.

Gerade hat er sich ausnahmsweise mal etwas klarer geäußert, und sofort war die Aufregung groß – dabei ist es nicht neu, Sloterdijk betrachtet die Gegenwart schon länger im Panikmodus, er sieht die Kämpfe in endzeitlichen Wellen auf Europa zurollen, und wenn er von Krieg spricht, wo andere Not sehen und die größte humanitäre Herausforderung dieses Kontinents, dann ist das nichts Neues.

(…)

Aber es ist noch harmlos im Vergleich zu dem, was Sloterdijk etwa 2010 sagte, als er im Höcke-Stil von der „Elendsfruchtbarkeit“ der arabischen Länder sprach und von „Kampffortpflanzungen“ – er sah darin eine „Bevölkerungswaffe“, „in den kommenden 20 Jahren“, prognostizierte er, würden „mehrere hundert Millionen junge Männer“ Europa überrennen.

Islamophobie also als Bindekitt eines Denkens, das schon lange wirkt wie eine Bauanleitung zum philosophischen Ständestaat, mit verschiedenen Kasten und Kulturen, die eine gemeinsame Humanität ausschließen, mit gönnerhaften Gesten statt Gerechtigkeit beim Steuersystem etwa, mit Verachtung statt Vertrauen in die Macht des Menschen.

Deshalb, so schreibt er in einem der schlimmsten Texte seiner gerade erschienenen Essaysammlung „Was geschah im 20. Jahrhundert?“, müsse der Mensch durch „Zähmen, Züchten und Hüten“ zur „Domestikation“ gezwungen werden – am besten durch philosophische Zoodirektoren wie Sloterdijk, die wissen, was der Platz für jedes „Menschenjunge“ ist.

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9 Responses to Peterchens Mondfahrt!

  1. […] Eine weitere Kritik zur Interpretation von Marx durch Sloterdijk hat hhirschel verfasst. Share and […]

  2. Dexter sagt:

    Ich will meinen, in deinem Artikel hier die für mich bisher beste Kritik des sloterdijkschen Pamphlets gefunden zu haben. Danke dafür. Ich hab deinen Artikel im Fuß meines eigenen Beitrages deshalb auch empfohlen.

    http://societe-electronique.org/articles/2009/7/1/sloterdijk-der-reich-ranicki-der-philosophie

    Mir drängt sich immer häufiger der Eindruck auf, dass der stark medienpräsente und populäre Sloterdijk den „Reich-Ranicki“ der Philosphie gibt. Reichweitenstark und manchmal eben polternd, aber für die Kollegen des eigenen Fachs bei weitem nicht so wichtig, wie dies von einem Aussenstehenden vermutet werden würde?
    Naja… wie auch immer, er hat uns (kurz) zum Nachdenken gebracht. Is ja auch ganz nett.

  3. hhirschel sagt:

    Danke, das nochmalige Nachlesen hat mir selbst Spaß gemacht 🙂

    Allerdings:

    Mir drängt sich immer häufiger der Eindruck auf, dass der stark medienpräsente und populäre Sloterdijk den “Reich-Ranicki” der Philosphie gibt. Reichweitenstark und manchmal eben polternd, aber ….“

    Sollte S. tatsächlich „den Reich-Ranicki machen“ dann höchstens als Papagei. Empfehle dir den Film über die Jugend von R-R. Auch wenn dessen Fernsehkritik neulich zu einfach gestrickt war: Ich mag ihn einfach. Ein ganz anderer Typ als Herr S.

    Naja… wie auch immer, er hat uns (kurz) zum Nachdenken gebracht. Is ja auch ganz nett.

    Der FAZ Beitrag ist außerordentlich ärgerlich. „Ganz nett zum Nachdenken gebracht“ finde ich nicht so passend. Das einzig Nette an der Geschichte ist der Selbstentzauberungseffekt und dass Weissgarnix irgendwann nur noch „Wuff“ einfiel :-). Vielleicht sollte man den gefährlichen Unsinn des Herrn S. zur Abwechslung mal ganz ohne jeden Humor betrachten.

    Gruß hh

  4. Dexter sagt:

    Der Vergleich mit RR bezog sich natürlich nur auf die Medienperson und den Intellektuellen Sloterdijk. Nicht auf seine Biographie 🙂

    Ich mag den Reich-Ranicki auch sehr. Sein grandioser Auftritt beim Fernsehpreis ist doch immer wieder sehenswert, weil es wirklich herrlich ist, wie dieser alte Typ diese Leute da zurechtstutzt.
    http://sysout.twoday.net/stories/5251759/
    Was seine Äußerungen vor den Medienfuzzies dort angeht, verweise ich gerne auf diesen Artikel:
    http://ad-sinistram.blogspot.com/2009/03/das-unertragliche.html
    Aber: Ich halte Ranicki wirklich für einen schlechten Literaturkritiker, auch wenn er damit sehr populär geworden ist. Seinen eigenartigen Buchrezensionen würde ich nicht folgen.

    Vielleicht geht es mir mit PS so wie dir mit RR. Es macht mir (meistens) einigermaßen Spass, seine Ausführungen zu betrachten.
    Er hat halt (leider) so eine skurrile liberale Grundhaltung. Neoliberal mag ich das nicht nennen, aber ich glaube auch nicht, dass er eine Restauration des „Liberalismus“ des 19.Jhd. fordern würde. Vielleicht ist er auch nur verwirrt. Stände ihm ja auch zu, als Rektor *g*

  5. hhirschel sagt:

    Das Vergnügen am Konsum von PS-Elaboraten kann ich nicht teilen. Literaturkritik zu beurteilen ist mir aufgrund mangelnder Möglichkeiten zum Literaturkonsum leider nicht möglich. Es führte auch vom Thema fort.

    Die Bedeutung von Staatstätigkeit für die Reproduktion von Arbeitskraft auf der einen Seite und auf der anderen dem Erhalt und der Erweiterung des privaten Bereicherungsvermögens ist ein weites Feld, und was staatliche Tätigkeit für eine ökosoziale Emanzipation aus der bornierten Klassenlage zu leisten imstande ist, noch ein weiteres. Die 54 Milliarden Euro, die der deutsche Staat derzeit pro Jahr an Zinsen zahlen muss, sind private Aneignung und, egal von welcher Quelle, offenbar Teil des Mehrwerts, privates Ergebnis des Einsatzes von privatem Bereicherungsvermögen, das für staatliche Tätigkeiten aber eben auch zur Verfügung gestellt wird, statt es privat zu verfrühstücken. (um im Sloterdjikschen Diskurs zu bleiben: Geldverleiher sind nicht nur nehmende sondern auch gebende Hände) Anderseits sind Verbrauchs- und Lohnsteuern Teil der Reproduktionskosten von Arbeitskraft obwohl stofflich (als Gebrauchswertseite ) nicht unmittelbar Konsumbestandteil bzw. „Lebensmittel“ (Monetär schon, denn zu den Reproduktionskosten eines Apfels gehören eben auch ein Anteil Staatstätigkeit)

    Mein Thema hier sind Dinge, die Ökosozialismus (öko-soziale Emanzipation oder grün-bunte Mitmenschheitswerdung) notwendig und möglich machen. Wer derzeit auf Kosten wessen Arbeitsleistungen lebt, ist dabei nicht zentral, wenn auch ein gewichtiges Element der umzumodelnden Interessenslandschaft und in vielerlei Hinsicht natürlich auch sehr oft skandalös und unerträglich.

    Hoffe, dass mich die ureigene Arbeiteremanzipation bald mal in die soziale Lage versetzt, der ökosozialistischen Reflektion von Staatsschuld näher auf den Grund zu gehen.

    Staatsschuld

    Weiter hilft hier vielleicht die Arbeit von Ingo Stützle über Staatsverschuldung als Kategorie der Kritik der politischen Ökonomie weiter …

    NACHDENKSEITEN vom 4.08.2009
    Staatsschulden machen die Banken reich
    Banken weltweit verdienen an der öffentlichen Hand – und reißen sich darum, als Primärhändler bei der Emission von Staatsanleihen mitzuwirken.

    Weiter

  6. […] (S.28)   Zu Peter Sloterdijks Privatego-Philosophie siehe auch den Beitrag in diesem Blog über Peterchens Mondfahrt. An E. Altvaters Situationsbeschreibung irritiert mich ein wenig, die Projektion einer einstmals […]

  7. […] So jetzt wissen WIR es, und das passt ja auch gut zur bisherigen Entwickung des sloterdijkschen PETERICH, wie es unteranderem hier  beschrieben ist:  Peterchens Mondfahrt. […]

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