K.H. Tjadens Kritik „der“ Planwirtschaft, „des“ Bewusstseins und „des“ Sozialismus

„Ich bin davon überzeugt, dass es nur einen Weg gibt, dieses Übel loszuwerden, nämlich den, ein sozialistisches Wirtschaftssystem zu etablieren, begleitet von einem Bildungssystem, das sich an sozialen Zielsetzungen orientiert. In solch einer Wirtschaft gehören die Produktionsmittel der Gesellschaft selbst und ihr Gebrauch wird geplant. Eine Planwirtschaft, die die Produktion auf den Bedarf der Gemeinschaft einstellt, würde die durchzuführende Arbeit unter all denjenigen verteilen, die in der Lage sind zu arbeiten und sie würde jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind einen Lebensunterhalt garantieren. Die Bildung hätte zum Ziel, dass die Individuen zusätzlich zur Förderung ihrer eigenen angeborenen Fähigkeiten einen Verantwortungssinn für die Mitmenschen entwickeln anstelle der Verherrlichung von Macht und Erfolg in unserer gegenwärtigen Gesellschaft.

Dennoch ist es notwendig festzuhalten, dass eine Planwirtschaft noch kein Sozialismus ist. Eine Planwirtschaft als solche kann mit der totalen Versklavung des Individuums einhergehen.

Sozialismus erfordert die Lösung einiger äußerst schwieriger soziopolitischer Probleme: Wie ist es angesichts weitreichender Zentralisierung politischer und ökonomischer Kräfte möglich, eine Bürokratie daran zu hindern, allmächtig und maßlos zu werden? Wie können die Rechte des Einzelnen geschützt und dadurch ein demokratisches Gegengewicht zur Bürokratie gesichert werden?“

Albert Einstein

Anmerkung 1

Es versteht sich, daß die Aufhebung der Entfremdung immer von der Form der Entfremdung aus geschieht

Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844.MEW Bd. 40, S. 553

Begriffe wie “Freiheit”, “Gerechtigkeit”, “Entfremdung” ” Kapitalismus” , “Sozialismus”, “Staat”, “Markt”,  “Produktivkräfte”, “Fortschritt”, “Entwicklung”,  “Natur”,  “Politik”, “Gott”, “Rationalität”, “Bedarf”, “Bedürfnisse”,” Selbstbestimmung”, “Kritik”  oder auch  “Verdinglichung” erscheinen uns als Fixsterne des Denkens und Handelns!

Sie gelten als die wahren Mittel der Erleuchtung oder zumindest der Beleuchtung des Elends dieser Welt oder deren Bändigung. Da sie der Orientierung inmitten unverstandener Zusammenhänge dienen und der sozialen Rückbindung (=Religion) privater (Un-) Lust an andere Privatbedürfnisse (nicht selten gegensätzlicher Natur), ist deren Deutung oft hart, manchmal blutig umkämpft.  Sie stehen für Protest gegen wirkliches Elend, für Seufzer bedrängter Kreaturen, sind Gemüt ungemütlicher Zeiten und Geist geistloser Zustände (vgl .  MEW Bd. 1, S. 378)  Manchen versetzt ihr Gebrauch in einen wohligen Rausch.  Aber Vorsicht! Vor Halluzinationen wird gewarnt.

Fern aller konkreten Beziehungen, Interessen und Instinkte wirklicher Menschen und deren Behauptungsbedingungen beginnen uns diese mit eigenem Geist beseelt vorgestellten Himmelserscheinungen auf der Nase herum zu tanzen und dem menschlichen Denken und Handeln mal diesen und mal jenen Geruch zu verleihen ohne dass sich deren  Spur ins stinknormale  Leben und deren  Luftveränderungsbedarf konkret nachvollziehen ließe.

Bei der Planwirtschaft kein Plan DS?

Wer „Planwirtschaft“ nur in der einen Form des geheimen Staatsdirigismus  gelten lässt, mit dem es sich in den einstigen Ostblockländern nach Herzenslust über die Bedürfnisse der Menschen hinweg schalten und walten ließ bis es krachte,  sollte bedenken, dass die Haltung von (und eben auch der Handel mit) Sklaven (als dominierendes Produktions- und Aneignungsverhältnis) auch eine „Marktwirtschaft“ war.

Sicher: der Mobilisierungswert eines Parteiprogramms, das heute eine „sozialistische Planwirtschaft“ versprechen würde, läge tief im Keller irgendwo in der Nähe „toxischer“  Wertpapiere.  Das liegt unter anderem daran, dass die blank geputzten Begriffe des sogenannten „realen Sozialismus“  grad auch vom „Klassenfeind“ gern als Wirklichkeitverkauft wurde.

Denn für das Funktionieren der auf kurzfristige Bereicherungsgewinne privater  Wettbewerber ausgerichteten Formen und Ausprägungen der Arbeitsteilung ist es rational (= zweckgerichtet), Fragen nach einer sozialen  Steuerung der Herstellung und des Gebrauchs der menschlichen Bereicherungsmittel generell für einen sozialromantischen Angriff auf die Lust an „der“ unbeschränkten Freiheit aller zu halten. Die irdische Verkörperung dieses Schreckgespenstes im „realsozialistischen“ Spuk kam dem entgegen.

Nach Formen der Arbeitsteilung zu fragen, mittels derer sich Beteiligte und Betroffene gegenseitig nötigen können, sich die sozialen bzw. ökologischen Voraussetzungen und Folgen ihrer Stoff- bzw. Energiewechsel mitsamt der damit verbundenen Zugriffsrechte und -pflichten vorher (!) durch den Kopf gehen zu lassen (und hnterher dafür auch gerade stehen zu können), zog und zieht nicht zuletzt wegen der Verwechslung von Begriff und Wirklichkeit (Vorstellung und wirkliche Herstellung)  unweigerlich die Rückfrage nach sich, ob im Oberstübchen noch alles Geschirr versammelt ist. (Zu den strukturellen Grundlagen dieses Phänomens siehe: Sind wir des Warensinns?).

Der Begriff, der Begriff, der  hat niemals recht!

Linke Kapitalismusgegner sind davor natürlich auch nicht gefeit. Das Gewahrwerden, dass soziale bzw. ökologische Mängel wie Überfischung, Erderwärmung oder Regenwaldzerstörung, die ja auch Folge privater Aneignungsrationalität sind,  über kurz oder lang anderen – in anderer Hinsicht rationalen – Zwecken widersprechen,  kann es geschehen, dass die Vorstellung einer Identität von Kapitalismus oder „westlicher Moderne“ mit „der Rationalität“ an und für sich ins genaue Gegenteitl umkippt mit dem verrückten Ergebnis, dass (ebenso wie beim „realen Sozialismus“) nicht die soziale Rückständigkeit der Verhältnisse mit ihren bornieren Möglichkeiten der Zweckbestimmung als das Problem gesehen wird, (etwa weil die zum Stand der technischen und intellektuellen Fähigkeiten der Menschen nicht mehr passen). Statt nach den Grundlagen falscher, nicht mehr zeitgemäßer  Zwecke und deren Rationalität zu fragen bzw. nach neuen Zwecken oder Zweckbestimmungsferverfahren  gilt der antikapitalistische  Angriff  „der“ angeblichen Kopflastigkeit eines „westlichen Entwicklungsmodells“ und dessen „Rationalitätsbegriff“. Und „Planwirtschaft“ (egal wie demokratisch-sozialistisch) gilt nur als die sichtbare Spitze des angeblich eisekalten weil mechanistischen „westlichen“ Rationalismus.

Aus der Erfahrung, dass ein Einheitsgriff für sämtliche Tassen aller Schränke  recht unpassend sein kann, wird also messerscharf gefolgert,  dass  an bestimmten Tassengriffen überhaupt nur gefährlicher Unsinn dran sein  kann.  Genau diesem Trugschluss scheint mir der ehrenwerte Öko-Soziologe Karl Hermann Tjaden zu unterliegen, wenn er ausgerechnet vor einer „trügerischen Dreieinigkeit von Bewusstsein, Planung und Sozialismus“ warnt, die er „Hirngespinste wie alle Begriffe“ nennt.

Von den Spinnen unterscheidet uns Menschen – nach Marx – allerdings, dass  wir uns unsere Gespinste (wie etwa „Sozialismus“) durch den Kopf gehen lassen und die Bedingungen ihrer Richtigkeit, Notwendigkeit und Möglichkeit im öffentlichen Diskurs  reflektieren können bevor (aber natürlich auch während) wir zielstrebig werden und das Gewünschte bzw. Notwendige bewusst, d.h. wissentlich und willentlich herstellen.

Tjaden lässt das nicht gelten und behauptet, dass Marx und Engels  eine solche Trinität nicht behauptet hatten.

Die Ausarbeitung eines Sachzusammenhangs von Bewusstsein, Planung und Sozialismus, behaupte ich, gibt es bei den Begründern des Historischen Materialismus nicht. Karl Marx und Friedrich Engels hatten, anders als es später hieß, nicht die Auffassung vertreten, zu den wesentlichen Merkmalen des Sozialismus gehöre, neben der Vergesellschaftung der Produktionsmittel, der Abschaffung der Ausbeutung und der Bedürfnisorientierung der Produktion, auch „die bewußte, planmäßige Leitung der Gesellschaft nach einem Gesamtwillen“. Aber: Sie hatten der Annahme einer Dreieinigkeit von Bewusstsein, Planung und sozialistischer Gesellschaft mit diversen Argumentslinien zugearbeitet. Vor allem gibt es das anthropologische Dogma Marx’ im „Kapital“, ein menschlicher „Baumeister“ unterscheide sich von allen (anderen) Tieren dadurch, dass er sein angestrebtes Werk in seiner „Vorstellung“ vorausdenke. Das scheint für Marx die Voraussetzung der Möglichkeit gewesen zu sein, dass die „Gestalt des gesellschaftlichen Lebensprozesses“ jenseits des Kapitalismus „unter bewußter planmäßiger Kontrolle steht“ – was Engels wiederum in seinem „Anti-Dühring“ so bewertete, dass „der Mensch“ im Sozialismus, „in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich [ausscheidet].“

Seltsame Beweisführung:  Marx/Engels hätten das „Nie Gesagte“ zwar eigentlich doch gesagt aber sie seien dabei ihrem eigenen Dogma vom Wesen des Menschseins bzw. Menschwerdens unterlegen und hätten deshalb eigentlich alles nicht so gemeint.

Tatsächlich durchzieht der Ausblick auf ein mitweltbewusstes weil miteinander abgestimmtes  und in so weit rationales Herstellen und Aneignen sozialer Güter und Leistungen die gesamte MEW.  Es ist die (!) geschichtsphilosophische (sozialistische) Perspektive der Marx/Engels Schriften. Man kann es drehen und wenden wie man will. Aber Marx und Engels waren wirklich Kommunisten.

Tatsache ist allerdings auch, dass sie keine Utopie ausgearbeitet und keine für alle Zeiten und Bedingungen gleichermaßen passenden „Sachzusammenhang von Bewusstsein, Planung und Sozialismus“ unterstellt hatten. Sie hatten im Gegenteil postuliert:

Da, wo die Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, beginnt also die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der praktischen Betätigung, des praktischen Entwicklungsprozesses der Menschen. Die Phrasen vom Bewußtsein hören auf, wirkliches Wissen muß an ihre Stelle treten.

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 27

Das nötige Wissen über mögliche Sachzusammenhänge von Bewusstsein, Planung und Sozialismus aber kann  nicht aus – noch so intelligenten –  Ausarbeitungen aus dem 19. Jahrhundert gezogen, sondern muss – ausgehend von den heutigen Verhältnissen und ihren (Un-)Möglichkeiten (z.B. der Technkfolgenforschung)  und Dringlichkeiten –  selbst erarbeitet werden.

Die Fragen sind also: Welches Wissen treibt (= welche geistigen Produktivkräfte treiben) uns heute dazu, unsere (technischen, wissenschaftlichen, geistig-emotionalen) Bereicherungsmittel vorausschauend auf  miteinander (weltweit) abgestimmte  Ziele hin zu entwickeln und einzusetzen? Welche Umstände hemmen die zielbewusste Umsetzung entsprechend sozialer Pläne?  Lassen sich hinreichende Realisierungsbedingungen für das mitmenschliche Handeln herstellen? Wodurch?

Sicher besteht keine Notwendigkeit, Prozesse der Verallgemeinerung des Vermögens zur sozialen Zukunftsgestaltung „Sozialismus“ (bzw. Kommunismus)zu nennen und eine (Welt-) Gesellschaft, in der diese Verallgemeinerung der vorherrschende Prozess ist „sozialistische Gesellschaftsformation“.  Man kann den „vergifteten“ S oder K Begriff auch ganz beiseite lassen.  Wenn aber im Zusammenhang mit Bewusstsein und Planung von „Sozialismus“ die Rede ist,  setzt das notwendigerweise eine Verständigung darüber voraus, was das (aus der jeweiligen Sicht) jeweils sein soll und  was die Gegenwart oder Abwesenheit von „Sozialismus“ anzeigt.

Ich nenne „Sozialismus“ – eng an Marx/Engels Perspektive gelehnt – Prozesse der „wirklichen Aufhebung“ des Unvermögen zur bewussten (um die sozialen bzw. ökologischen Voraussetzungen und möglichen Wirkungen wissenden) Mitgestaltung der gemeinsamen Zukunft. Danach wäre Sozialismus ohne soziales Bewusstsein ein schwarzer Schimmel oder eine Radtour ohne Rad. Niemand braucht mir in dieser Ansicht zu folgen. Nur ist die Behauptung, dass es „keinen Sachzusammenhang von Bewusstsein, Planung und Sozialismus“ gäbe, nichts wert, wenn nicht verraten wird, was unter „Sozialismus“ verstanden werden soll.

Mit den Schlagworten „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“, „Abschaffung der Ausbeutung“ und „Bedürfnisorientierung der Produktion“ (Siehe das obige Zitat von H.Tjaden) lässt sich der „Sozialismusgehalt“ einer historschen Bewegung oder Gesellschaftsformation meines Erachtens nicht begreifen.

Die Produktionsmittel sind längst „vergesellschaftet“ in dem Sinne, dass deren Entwicklung und Anwendung zwar weitgehend privat (wenn auch in  sozialer Konkurrenz zu anderen Anbietenden bzw. Nachfragenden) bestimmt aber dennoch Mittel sozialer Produktion (Produktion im Wettbewerb und für andere) sind.  Nach Marx/Engels ist Sozialismus Aufhebung des Widerspruchs zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion menschlichen Reichtums und der privaten Form seiner Aneignung, und sinnvollerweise wäre entsprechend eher von realen Vergemeinschaftungsprozessen als Substanz „des“ Sozialismus zu reden im Sinne eben einer bewusst aufeinander bezogenen, (d.h. im Wissen um soziale bzw. ökologische Voraussetzungen  und zu erwartende Wirkungen miteinander abgestimmten) Entwicklung und Anwendung der Produktionsmittel bzw. Produktivkräfte.

Ausbeutung lässt sich auch nur im Laufe langwieriger sozialer Entwicklungsprozesse aufheben und keineswegs einfach „abschaffen“ wie man etwa ein gebrauchtes Auto abschaffen kann. „Die Bedürfnisorientierung der Produktion“ ist längst verwirklicht, nur dass die privaten Bedürfnisse und privates Kalkül ihrer Befriedigung (oder auch Schaffung) aus Basis kapitalistischer Formen er Arbeitsteilung nicht unbedingt sozial bzw. ökologisch zukunftsweisend sind.

Tjadens Behauptung, dass wichtige Einsichten dem wissenschaftlichen Bemühen der DDR Wissenschaft zu verdanken seien, „eine – insoweit sozialistische – reale Volkswirtschaft auf der Grundlage von Gemeineigentum insgesamt bewusst zu planen,“ zeigt, wie mächtig die Fetischfunktion von Begriffen sein kann. Das (angesichts der Kenntnisse über die Mitplanungsrealität im „realen Sozialismus“) offensichtlich nur eine juristische Illusion vermittelnde Wort „Gemeineigentum“ wird als deren Wirklichkeit (bzw. wirkliche Geschichte) gesehen. Keine Frage nach der empirisch konstatierbaren Wirklichkeit (oder Nichtwirklichkeit) gemeinsamer (!)  – also zwangsläufig öffentlicher (!)  Bestimmung (Abstimmung!) der Produktionszwecke, des dafür zu erbringenden Aufwands an Arbeitszeit und anderen Naturressourcen sowie des notwendigen technisch-wissenschaftlichen Know Hows!

Und was kam heraus?

Dabei wurde deutlich, dass nicht alle Elemente und Effekte der Ökonomie als rechenbare Größen erfasst werden können. Und man begann darüber nachzudenken, was es bedeutet, als Ziel wirtschaftlicher Tätigkeit nicht eine möglichst große Menge Gebrauchsgüter (oder sogar nur Werte), sondern einen möglichst großen Nutzeffekt des gesellschaftlichen Arbeitsaufwands in Bezug auf konkrete Bedürfnisse anzustreben. Dabei war man sich klar über den in der marxistischen Diskussion schon seit langem erörterten Sachverhalt, dass insbesondere diese Art von Nutzen und letztlich auch die Gesamtheit der Arbeitsaufwendungen nicht oder jedenfalls nicht genau messbar sind. So verwies die Theorie selber auf Grenzen einer bewussten und geplanten Steuerung der Gesamtwirtschaft.“

Tjaden über „trügerischen Dreieinigkeit von Bewusstsein, Planung und Sozialismus“

Die Unmöglichkeit von Sozialismus wird hier also aus einer technischen Unmöglichkeit zur Erfassung von Nutzen abgeleitet.  Das ist ein gutes Beispiel für die „Verdinglichung“ sozialer Verhältnisse in der – den wirklichen  Beziehungen – entfremdeten Vorstellung. Wie sollen Nutzeffekte von quantitativem und qualitativem Aufwand an Arbeit, Technik und Naturressourcen überprüft werden, wenn aus Sorge um Machtverlust kein öffentlicher, freier  Diskurs darüber zugelassen wird? Wie sollen Menschen „sozialistisch“ (also miteinander!)  Aufwand/Nutzen planen und und über dabei in Kauf oder nicht in Kauf zu nehmende Risiken oder Schäden entscheiden, wenn die Veröffentlichung von Umweltdaten ein Straftatbestand ist?

Natürlich sagt Tjaden nichts als die schnöde Wahrheit, wenn er in dem zitierten Aufsatz schreibt, dass  „die Auffassung, man könne ein angestrebtes Vorhaben allein mittels einer vorgreifenden Vorstellung hinreichend erfassen und erfolgreich verwirklichen“ falsch sei. (Hervorhebungen von mir, hh)

Abgesehen davon, dass noch so eine gute Vorstellung prinzipiell kein „Vorhaben erfolgreich herstellen“ kann. (Dazu braucht man nun einmal  wirkliche Herstellung):  Was hat dieser idealistische Machbarkeitswahn mit Sozialismus zu schaffen? Sozialismus kann nur  als wirkliche Herstellung gemeinsamer Gestaltungskompetenz real sein und jedenfalls nicht als technische Umsetzung der (paternalistischen) fixen Idee einer „Gesellschaften ohne innere (ökonomisch-soziale) und äußere (ökologisch-naturale) Konflikte, Defizite und Probleme“, wie Tjaden es unterstellt. (Nebenbei bemerkt sind auch „ökologisch-naturale“ Konflikte mit humaner Beteiligung immer auch innergesellschaftliche „Konflikte, Defizite und Probleme“.)

Einverstanden bin ich ausdrücklich mit Tjadens Ansatz, bei der Frage der Notwendigkeit planvollen Wirtschaftens – möglichst „unideologisch“ – von gegenwärtigen „Konflikten, Defiziten und  Problemen“ auszugehen, auch wenn es nicht grad Erkenntnis fördernd sein dürfe, Kapitalismus „westlich-europäische Zivilisation“ zu nennen, weil eine solche Kulturalisierung der Wirtschaftsgeschichte nicht selten bei  „Karl May statt Karl Marx“ endet. (Siehe Natur-Ideologie und das Gespenst des weißen Mannes):

Die Evolution und Globalisierung der westlich-europäischen Zivilisation hat uns eine Reihe von Problemen beschert, die theoretisch zu durchdenken und praktisch anzugehen sind und dann allesamt Ansatzpunkte einer bewussten und planvollen Veränderung dieser Gesellschaft sein können. (Tjaden ebd)

Über die Gewichtung und Vollständigkeit der von Tjaden danach  angeführten Beispiele für die mittels planmäßiger Strukturveränderung zu überwindenden Probleme, müsste gestritten werden. Aber genau das zeigt auch  den ideengeschichtlichen Fortschritt eines eines solchen Herangehens gegenüber einem utopischen Schematismus Sozialismusgläubiger oder auch der ebenso kindischen Unschuldssehnsucht linker Kapitalismusgegner, die sich ihren heiligen Zorn zu bewahren trachten, indem sie sich und ihre Bewegung mit Parolen wie „wir zahlen nicht für eure Krise“ aus den kapitalistischen Verhältnissen hinausdefinieren (auch so eine Verwechslung von Vorstellung und Herstellung)

Der Sozialismus ist tot, es lebe… ?

An Tjadens Bemühungen lässt sich dagegen – wenn womöglich auch im genauen Gegensatz zu dessen Intention – ökosozialistisch anknüpfen.

Solche Probleme umschreiben strukturelle Defizite oder Mängel […] [wie im Verhältnis] […] zwischen Menschen und Sachen, zwischen Männern, Frauen und Kindern, zwischen Inländern, Ausländern und Minderheiten, zwischen der Bevölkerung und dem Naturhaushalt einer Gesellschaft, zwischen menschlicher und nicht-menschlicher Natur überhaupt. Diese Beziehungen sind mehr oder minder durch menschengemachte, gesellschaftlich erzeugte Sachen vermittelt – durch Arbeitsmittel, Arbeitsgegenstände, Anlagen, Bauten jeder Art. Diese Sachen nehmen in der kapitalistischen Wirtschaft oft die Form von Kapital an, das irgendwo fixiert ist. Die Widersprüche, Missstände und Notlagen in den Arbeits- und Lebensbedingungen aller heutigen Gesellschaften haben vor allem mit dieser – ökonomischen, technischen und somit auch raum-zeitlichen – Fixierung von Kapital und seines materiell-technischen Inhalts zu tun (z.B. große Wärmekraftwerke, Chemieanlagen, Großflugplätze, Tierfabriken, Dienstleistercenter, Kriegsausrüstungen etc. pp.). Das entspricht der Einsicht Robert Katzensteins, dass die Anlage und Bewegung des fixen Kapitals die Entwicklung der modernen kapitalistischen Gesellschaft wesentlich prägt. Die bewusste, planvolle Steuerung des Einsatzes, des Gebrauchs und vor allem des Rückbaus von fixem Kapital – und der entsprechenden Investitionen – ist daher eines der wichtigsten Mittel der Umgestaltung der Gesellschaft, in der wir leben. Ob dabei einmal etwas herauskommen wird, was man als Sozialismus bezeichnen kann, wird man zu gegebener Zeit sehen.

Es wird sinnvollerweise „Sozialismus“ genannt werden können,  insoweit die Frage nach Art und Weise der Fixierung des gegenständlichen (aber auch des wissenschaftlichen und von „Arbeitskräften“  verkörperten) Produktionsvermögens inklusive des damit einher gehenden Zerstörungspotenzials

  • weltöffentlich gestritten und darüber
  • zunehmend (!) partizipial
  • und sozial bzw. -ökologisch kompetent (gebildet) entschieden wird

Sprich: man kann es Sozialismus nennen, insoweit sich die Menschen nachweislich zunehmend (!) in die Lage versetzen, ihre Produktivkräfte auf Basis eines sich im freien (weltweiten) Diskurs vermittelten Problembewusstseins zu entwickeln und anzuwenden, dabei also gezielt auf  einen  (weltweit) miteinander abgestimmten „Nutzen“  hinarbeiten und dabei die als „Menschheitsprobleme“  bestimmten „Nebenwirkungen“ bewältigen zu können. Sind diese Bedingungen erfüllt, braucht man es nicht Sozialismus nennen. Sind sie nicht erfüllt, sollte man es allerdings auf keinen Fall so nennen sondern deren Abwesenheit konstatieren.

Wenn sich Tjaden dennoch gegen „die Triade Bewusstsein, Planung und Sozialismus“ wendet, so verlangt das nach einer Erklärung

Tjaden schreibt:

Es gab im Mittelalter die Dreieinigkeit von Gott, Kaiser und Herrschaft der Feudalherren, die in der Neuzeit durch den Dreiklang von bürgerlicher Vernunft, Politik und Herrschaft des Kapitals abgelöst wurde, die ihrerseits einer scheinbar radikalen Kritik unterworfen wurde. Deren Postulate waren: Vernunft der menschlichen Gattung, gemeinsame Verwaltung der Angelegenheiten ihrer Angehörigen und Herrschaft des Proletariats als des Sachwalters dieser Angelegenheiten.

Viele Marxist/inn/en haben aber das bürgerliche Erbe weniger überwunden als vielmehr übernommen, was sie zur Bildung eines verkürzten Bewusstseinsbegriffs, eines überdehnten Planungsbegriffs und, in der Folge dessen, eines verdinglichten Sozialismusbegriffs verleitete.

In Anknüpfung an die problematische Tradition, „den“ Menschen als „das“ geistbegabte Lebe- und Gattungswesen zu bestimmen, neigten sie dazu, unter „Bewusstsein“ vor allem dessen problematischste Funktion, nämlich die vorausdenkende Zielstellung und Zweckverwirklichung, zu verstehen […], und[…] „Planung“ vor allem von einer Vorausbestimmung allgemeiner gesellschaftlicher Ziele her zu begreifen

Marx/Engel „bestimmten“ allerdings nicht „den“ Menschen als „das“ geistbegabte Lebe- und Gattungswesen. Sie wiesen lediglich auf diese nicht unwesentliche Tatsache (!) hin. (Wieder eine Verwechslung von Vorstellungs- und Herstellungsvermögen)  Nicht,  um daraus  irgendein Recht  zur Ausrottung geistig minder begabter Tiere und Pflanzen abzuleiten, sondern um zu zeigen, dass die Gewinnung von Humanität Teil eines Naturprozesses war und ist.  Sie zeigen, dass sich auch die  Freiheit zur Gestaltung  des Zusammenwirkens sehr widersprüchlich entwickelt und dem Einzelnen größtenteils immer noch als ein Naturprozess gegenüber tritt.  Und sie zeigten, dass  sich das spezifisch Menschliche, nämlich die eigenen Anstrengungen auf einen vorher als solchen bestimmten sozialen Nutzen (für sich und andere)  zu richten, (der wiederum mehr Spielraum für Genuss und weitere Umgestaltung  eröffnet) sehr widersprüchlich entwickelt und – historisch notwendig – inhumanen Zwang zur Arbeit der einen für den Spielraumgewinn (= das kulturelle Vermögen) anderer annimmt.

Weil Tjaden über diese entfremdenden Formen der Arbeitsteilung nicht reden möchte, (entfremdend weil sie eine weltweit miteinander abgestimmte, planvollen Entwicklung des Zusammenlebens nicht erlaubt) und auch nicht,  unter welchen Bedingungen diese „Entfremdung“ vielleicht aufhebbar wären, spricht er über das Übel  „eines verkürzten Bewusstseinsbegriffs, eines überdehnten Planungsbegriffs und, in der Folge dessen, eines verdinglichten Sozialismusbegriffs“ und ein noch zu „bürgerliches“ und nicht ausreichendes „proletarisches“ Bewusstsein.

Man mag nach Herzenslust darüber streiten ob die Marx/Engelschen Perspektive einer kollektiven Selbstbefreiung der Lohn und Gehalt Abhängigen aus ihren chaotischen, Mitmenschlichkeit und ökologisch verantwortliches Wirken nur sehr beschränkt zulassenden Existenzbedingungen notwendig, möglich oder überhaupt richtig ist. Dass aber „mehr proletarisches Bewusstsein“ (das von geringeren sozialen Möglichkeiten diktiert ist)   „den Bewusstseinsbegriff“ verlängern, „den  Planungsbegriff“ auf ein vernünftiges Maß reduzieren und „den Sozialismusbegriff“ entdinglichen würde,  ist kaum vorstellbar. Einfach, weil Bewusstsein nicht zuletzt eine Sache genau der Lebensumstände ist, die vielleicht überwunden gehören.

Das zeigt: Wir sind bei genau den „Phrasen über Bewusstsein“ angelangt, die es nach Marx/Engels (durch die Herstellung mitmenschlicherer Produktions- und Aneignungsbedingungen bzw. der Möglichkeit Sinn und Zweck der Arbeit miteinander abzustimmen)  durch „wirkliches Wissen“ zu ersetzen gilt.

Und das ist das Gegenteil einer Entdinglichung der drei Begriffe Bewusstsein, Planung, und Sozialismus.  Die hätte einer genauen historischen Zuordnung und Erörterung der konkreten Bedingungen bedurft. Die Rede von der „Verdinglichung“ ist hier selbst ein Ding.  Die  – eben kapitalistisch bedingten menschlichen Beziehungen“ erscheinen“  uns  als Verhältnisse von Sache – oder von Begriffen.

Erscheinen! Solange wir unsere Geschicke nicht wirklich in einer weltweit miteinander abgestimmten Weise planen können (auf der Basis von Wissen um die jeweiligen Bedürfnisse aber auch deren prinzipielle Fragwürdigkeit), erscheinen uns irgendwelche Unsinnigkeiten (zum Beispiel im Zusammenhang mit Planung) als „der menschliche Ungeist“ in Person bzw. des Bösen in Gestalt eines von „westlicher  Rationalität“ beseelten Begriffs.

Angesichts der blutigen Zivilisationsgeschichte (unter Einschluss des Stalinismus) ist es kein Wunder, wenn ein (allerdings regressives)  Bedürfnis nach paradiesischen  Unschuld  (von Kindern und Tieren) seine entlastung in einer Gegnerschaft zur „westlichen Rationalität“ sucht. Doch solche entlastende Schuldzuweisungen verlangen aber allzu häufig nach einer Verkörperung des verteufelten (oder geheiligten) Begriffs in (vermeintlich!) realer Menschengestalt:

Das Konzept „Sozialismus“, gewonnen aus einem verkürzen Bewusstseinsbegriff und einem überdehnten Planungsbegriff, war die Idee einer gesellschaftlichen Inkarnation des der abendländischen Tradition entsprungenen geistbegabten und allmächtigen männlichen Subjekts, das „die Natur“, sein eigentliches Objekt, in den Griff bekommen sollte, und zwar durch Steigerung der Produktion, bei Geringschätzung der Reproduktion ihrer nicht-ökonomischen Substrate.

Die Denunziation technologischer Fortschritte im Anschluss an den Faustkeil als typisch männlichen „Naturbeherrschungswahn“ und die Vorstellung, Sozialismus sei nicht Suche nach Auswegen aus beengenden Verhältnissen sondern aus einer Laune machthungriger „weißer Männer“ heraus willkürlich, bzw.  per bösem „Vernunftdenken“  ausgedacht, anderseits aber einer mangelhaft „proletarischen“ Rationalität bei der Interpretation bestimmter Begriffe geschuldet, erscheinen doch sehr abwegig.

Damit haben wir uns in der Tat aus dem Schatten von Karl Marx befreit und sind endlich bei Karl Mays Sicht der Dinge angelangt. Nebenbei haben wir dem Kampf gegen biologistisch-sexistische Zuordnungen von „Rationalität“, „Natur“ oder „technische Entwicklung“ einen BärInnendienst erwiesen.

hhirschel

Wer einer Fetischisierung und moralistischen Aufladung von Begriffen entkommen möchte, die der Verständigung über historische Notwendigkeiten und Möglichkeiten der vorausschauenden Beherrschung der eigenen Mensch-Natur-Verhältnisse (in einer Perspektive umweltbewusster, kollektiver Selbstbeherrschung) eher im Weg stehen, dem sei die Lektüre von Engels Aufsatz „Über die Menschwerdung des Affen“ empfohlen sowie Marx/Engels Bemerkungen zum Verhältnis von Bewusstseinsphrasen und (umwelt-)bewusstem Sein bzw. Werden.

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2 Responses to K.H. Tjadens Kritik „der“ Planwirtschaft, „des“ Bewusstseins und „des“ Sozialismus

  1. hhirschel sagt:

    Anmerkung 1

    Einsteins Bemerkungen zum Thema Sozialismus sind in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Eine seiner hier formuierten Perspektiven zeigt aber auch die Notwendigkeit einer eingehenderen Auseinandersetzung mit den Wechselwirkungen dessen, was einerseits die ökonomische Grundlage an sozialen Behauptungs- bzw. Entwicklungsbedingungen aufnötigt bzw. möglich macht und zum Anderen dem, was darauf aufbauende Bildungsinstitutionen leisten sollen bzw. leisten können. (Und welche verschiedenen Rollen Produktivkraftentwicklung dabei spielen kann).

    Einstein:

    Die Bildung hätte zum Ziel, dass die Individuen zusätzlich zur Förderung ihrer eigenen angeborenen Fähigkeiten einen Verantwortungssinn für die Mitmenschen entwickeln anstelle der Verherrlichung von Macht und Erfolg in unserer gegenwärtigen Gesellschaft.

    Das ist natürlich nicht verkehrt, kann aber letztlich nur in dem Maße voranschreiten, wie Produktionsbeziehrungen etabliert werden können, die ihrerseits nach solcherart „Bildung“ verlangen (d.h. nach der Herausbildung / Verallgemeinerung der Fähigkeit zur Übernahme globaler Mitverantwortung).

    Heißt auch: Auch das „(öko-)kommunismusproduktive“ Vor- bzw. Nachdenken über Marx „Basis und Überbau“ Bild bleibt eine Herausforderung und wird nicht überflüssig im Angesicht der peinlichen Berührtheit beim Erkennen des Schamatismus bzw. Dogmmatismus, mit dem darüber oft philosophiert wird.

  2. […] Anm. Zum Komplex Sozialismus, Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung sihe auch meine Auseinandersetzung mit einem Beitrag des Ökosozialisten K.H. Tjaden. […]

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