Kapitalismus-Schelte als Fetisch?

In der „analyse & kritik“ 529 machen sich Ulrich Brand, Bettina Köhler und Markus Wissen Gedanken um „kapitalismuskritische und emanzipatorische Umweltpolitik“. Den Treibhauseffekt sehen sie als Ergebnis einer „bewussten Strategie“:

„Beim Treibhauseffekt handelt es sich nicht nur um einen Kollateralschaden von Wirtschaftswachstum und Wohlstand, sondern um bewusste Strategien von fossiler Energiegewinnung, konsumistischen Lebensweisen und Gewinnmaximierung sowie um Effekte gesellschaftlich tief verankerter Wahrnehmungen des Umgangs mit Natur, welche diese zuvorderst als ausbeutbare Ressource ansehen.“

Wie emanzipatorisch wirkt eine solche Schuldzuschreibung? Wie sehr hilft das Beklagen „der Profitmaximierung“ bei der Überwindung ökologisch desaströser Produktionsbedingungen? (Steht Sozialismus etwa für Gewinnminimierung? Wäre es nicht prima, von einer Änderung der Existenzbedingungen maximal zu profitieren?) Hilft es weiter, solche doch sehr grobschlächtig und moralistisch kategorisierten Erscheinungen wie „konsumistische Lebensweise“ und „Gewinnmaximierung“ oder Erkenntnisinteressen wie „Wahrnehmungen von Natur als Ressource“ zu Verursachern des gefährlichen Klimawandels zu stilisieren. Sollten Analyse und Kritik nicht lieber Einzelheiten jener (kapitalistischen) Existenz- bzw. Behauptungs/ Rechtfertigungsbedingungen beschreiben, die die kritisierten „Lebensweisen“ und „Wahrnehmungen“ hervor bringen – und sehen, was derzeit zugunsten mehr ökologischer Handlungsfreiheit geschieht und zu tun wäre?

Der Beitrag verströmt insgesamt den etwas unangenehmen Stallgeruch „linksradikaler“ Anmaßung und Stammesbildung. An den Autoren selbst sind die letzten 20 Jahren Klimaschutzdebatte und Praxis offenbar vorbei gegangen. Die Chance, dies selbstkritisch zur Kenntnis zu nehmen und erst einmal zu sehen, wo derzeit die Fronten verlaufen verschenken die Autor(inn)en mit der Behauptung , dass bis 2008 „Umweltschutz in Deutschland (…) nicht von Bewegungen und schon gar nicht in der radikalen Linken“ thematisiert wurden, wobei NGOs offensichtlich nicht als Element sozialer Bewegungen gesehen und ihnen auch sämtliches Potenzial zur Strukturveränderung abgesprochen werden.

Und nun kommen die linken Radikalen und zeigen allen, wo der Hammer hängt, nämlich das „Umweltfragen“ als „soziale Fragen“ zu sehen sind. Wer hätte das gedacht- oder je geleugnet?!

Der „dominanten Thematisierung“ (?) werfen die Autor(inn)en vor, dass

„die bestehenden politischen und wirtschaftlichen Institutionen und die herrschende Lebensweise in keiner Weise in Frage gestellt werden sollen. „

Wie in linksradikalen Texten üblich, ist hier die Leideform (passiv!) vorherrschende grammatikalische Form der Kritik. Das hilft, (mit der Unterstellung von Verschwörungsabsichten aller Art garnierte) „ohnmächtige Wut auf die da oben“ zu kultivieren – behindert aber gerade die soziale Reflexion der zu verändernden konkreten Existenzbedingungen, welche die verschiedenen Akteure (einschließlich der eigenen Person und seiner sozialen oder politischen Zusammenhänge) unterliegen.

Werdet konkret: Welche politischen und wirtschaftlichen Institutionen sollen eurer Meinung nach aus welchem Grund mit welchem Ziel, wie, von wem und bis wann „in Frage gestellt“ werden?

Was versteht ihr konkret unter „die herrschende Lebensweise“? Aus welchem Grund soll diese mit welchem Ziel, wie, von wem und bis wann „in Frage gestellt“ werden?

Weiter heißt es:

„Zudem hat die Politik des raschen Handelns eine unübersehbar herrschaftliche Komponente: Nachdenken über die aktuellen Formen und Inhalte von Politik und ihre Kritik werden als unangemessen, weil zu langsam, denunziert“

Alles Handeln, ob rasch oder langsam, hat „herrschaftliche Komponenten“. Na und? Die Frage ist doch immer auch, was, wer, wie, bis wann und zu welchem Zweck konkret beherrscht – und was dann daran warum oder ab wann schlecht sein soll? Wollen wir den „Stoffaustausch mit der Natur“ nicht in einer Weise beherrschen, dass alle (einschließlich kommender Generationen) ihre Entwicklungsbedürfnisse in die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft einbringen können ohne dabei – unwillkürlich – die natürlichen Grundlagen der Entwicklung aller zu zerstören? Bewirken allein herrschaftsfreier Diskurs und Selbstverpflichtungen die notwendige Reduktion von Treibhausgasen und die Festlegung von Methoden und Obergrenzen einer nachhaltigen Produktion – z. B.- von Fleisch und Milchprodukten oder Fisch? Sind dafür keine Machtmittel von Nöten?

Wer die eigene Ohnmacht kultiviert um seine „ohnmächtige Wut“ zu heiligen, wird vermutlich Schwierigkeiten haben, diesen Fragen auf eine emanzipatorische, die Ohnmacht aufhebende Weise nachzugehen.

Darauf deutet auch der folgende Absatz hin:

„Die herrschaftsförmige und selektive Behandlung des Klimawandels als „Umweltproblem“ ist damit ebenso zurückzuweisen und als Teil des Problems zu begreifen wie der (von vielen NGOs reproduzierte) Katastrophismus, der nach der großen, paradoxerweise mit staatlichen und marktwirtschaftlichen Mitteln herbeizuführenden Kehrtwende verlangt“

Herrschaft ist allgegenwärtig und ohne weiteres auch nicht das Reich des Bösen. Sie geschieht bei jeder Hierarchisierung von Wahrnehmung – etwa durch das alltägliche Verdrängen von unbrauchbaren Informationen, ohne die die Anforderungen des Alltags nicht bewältigt werden können. Fragwürdig wird sie, wenn alles verdrängt wird, was zwar für die Bewältigung des Zusammenlebens bzw. dessen zukunftsfähige Entwicklung notwendig, für die Produktion ideologischer Duftmarken (für die eigenen Behauptungsgemeinde) aber nicht brauchbar scheint.

Verrät nicht ein außerordentlich großes Bedürfnis, die Fakten der Klimaentwicklung und die Notwendigkeit sehr grundlegender, weitgehender und rascher Maßnahmen zu verdrängen, wer den angeblichen „Katastrophismus von NGOs“ und deren „Verlangen nach staatlichen und marktwirtschaftlichen Mitteln“ zum Problem erklärt an dem sich „radikale Linke“ abarbeiten sollen? Es sieht so aus, als ob der allen politischen Akteuren (außer natürlich den eigenen Stallgenoss/inn/en) unterstellte Ausblendung sozialer Dimensionen des Umweltschutzes (nicht einmal „des Naturschutzes“) eine Projektion eigener Verdrängung zugrunde liegt. Weil „Umwelt“ in der linksradikalen Vorstellung der letzten Jahrzehnte nach „Müsli“ (igtt!) und (igittigitt!) „Birkenstock“ statt nach Lederjacke und Kämpfer(innen)schweiß roch, konnten die unangenehmen Fakten wie Regenwaldvernichtung, Wüstenbildung, Verlust an Biodiversität, Überfischung und die seit 20 Jahren als Bedrohung identifizierten Klimaveränderungen guten Gewissens verdrängt werden.

Es zeigt dies die Notwendigkeit einer Entfetischisierung aller Wahrnehmungsmittel.

Es ist wohl ein nicht ganz untypiscches Problem eines Lebens, das von kapitalistischer Borniertheit bestimmt ist, dass Begriffe oft weniger der Verständigung und Gewinnung von Erkenntnissen dienen, als der Markierung von Identifikationsarealen oder Selbstbewertungen innerhalb einer vorgestellten Wertvoller-Mensch-Skala.  So vermittelte Vergemeinschaftung bleibt natürlich illusionär. Da deren Rationalität schwer nachzuvollziehen ist, nimmt sie auch leicht autoritäre  Züge an – wenn zunächst auch oft in Form der Empörung mit einer gewissen moralistischen Rigidität. Bei der Deutung der mit den Begriffen „Umweltschutz“ oder „Naturschutz“ verbundenen Zwecke scheint zwischen marxfernen „Linksradikalen“ (nebst dem, was sie als „Bewegung“ akzeptieren) und dem Rest der Gesellschaft jedenfalls ein Kommunismusdefizit zu bestehen.

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