Modernität statt Zwangsvergemeinschaftung?

Wie wird in Linkspartei-Kreisen über ökologische Perspektiven diskutiert?

In einem Beitrag der Reihe Standpunkte– 7/2007 der Rosa Luxemburg Stiftung über linke Öko-Politik wendet sich Dr. Ulrich Schachtschneider gegen linke Bevormundung und Zwangsvergemeinschaftung

Linke Nachhaltigkeitspolitik akzeptiert die Pluralität der Moderne

(…) Die soziale Frage mitdenken heißt ebenso, die Sozialstrukturen der Moderne mitzudenken. Gegen sie kann (und sollte) keine Umweltpolitik gemacht werden. Die Moderne ist durch eine Tendenz der Fragmentierung der Lebenswelten gekennzeichnet. Normen und Werte unterliegen einer Entsubstantialisierung. Es wird immer weniger Übereinkünfte über einen bestimmten, richtigen Lebensstil geben. Die Milieus mit ihren Konsumtionsformen, Verhaltensregeln und Lebensformen driften auseinander, sie nehmen kaum mehr Kenntnis voneinander.

Vor diesem Hintergrund macht es keinen Sinn, bestimmte ökologisch motivierte Lebensstile verallgemeinern zu wollen, etwa durch Appelle. Der Einzelne steht in der modernen Gesellschaft vor der Aufgabe, sein nicht mehr vorgegebenes Leben zu inszenieren und sich durch seine gelungene Inszenierung von anderen abzuheben. Dies kann etwa einer kleinen Gruppe durch Vorleben eines ökologisch besseren Lebensstils gelingen. Dieses Milieu zieht ihren Distinktionsgewinn daraus, dass sie hier Vorreiter sind. Genau dieser Mechanismus verhindert aber die Verallgemeinerung ihres Lebensstils.

Die distinktionsfördernde Avantgardeposition ist ein positionelles Gut, dass mit seiner Verbreiterung schwindet. Wir können in der modernen Gesellschaft nicht erwarten, dass sich ein relevanter Teil der Menschen diesem Lebensstil anschließt. Es gibt hunderte anderer Möglichkeiten, sich zu inszenieren, die für die meisten Menschen nahe liegender sind.

Aus der Pluralisierung der Lebensstile folgt, das Regeln abstrakter werden müssen, sollen sie die Chance auf Akzeptanz, auf Geltung bei allen haben. Wir können etwa nicht im Detail vorschreiben, welche Wagen mit welchen Spritverbräuchen zu fahren sind oder nicht. Wir können zum Beispiel nicht geltungsbedürftig Städtern ihre 30-L-Geländewagen verbieten und Ökofreaks auf dem Lande die tägliche Nutzung ihrer alten Lieferwagen weiter gestatten, auch wenn uns die letztere Kultur wahrscheinlich eher zusagt.

Ebenso werden wir nicht vorschreiben können, wie viel Gemüse aus Übersee und wie viel aus regionaler Produktion von jedem zu konsumieren sind oder im Angebot eines Lebensmittelladens vorhanden sein sollten, mit welchen Möbeln jemand seine Wohnung einrichtet, welche ökologisch korrekten Kleidungsstücke er sich kauft usw.

Wenn wir nicht im Detail regeln können und wollen, kann dies nur über den Preis gehen. Nur er ermöglicht den Individuen eine der Modernen angemessene Handlungsfreiheit bei gleichzeitiger Setzung einer Grenze seines Gesamt-Umweltverbrauchs.

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2 Responses to Modernität statt Zwangsvergemeinschaftung?

  1. hhirschel sagt:

    Über buntes Denken in Linkspartei-Kreisen darf man sich von Herzen freuen. Doch hier wurde über das gute Ziel, die alte “sozialistische” Besserwisserei und Bevormundung auf den historischen Misthaufen zu befördern und lieber mit Gelassenheit und Pluralität im Denken ans Tagwerk zu gehen, hinaus geschossen.

    Zweifellos ist die politische Manipulation von Warenpreisen mit Sozialausgleich derzeit das Mittel der Wahl wenn es gilt, Verhaltensänderungen in Richtung ökologisch verantwortbaren Konsum zu bewirken. Endlich hat sich die Untauglichkeit idealistischer Appelle herum gesprochen und es wird gefordert, an den materiellen (und empirisch beschreibbaren) Bedingungen des alltäglichen (Nicht-) Tuns und Denkens herum zu schrauben.

    Ja: es wäre in mehrfacher Hinsicht fatal, den Menschen die ökologische Korrektheit über einen “so oder so, die Erde wird rot” – Kulturkampf beibringen zu wollen mit einem heiligen, sprich: totalitären Absolutsheitsanspruch auf der einen und eine desto trotzigere Abwehrhaltung auf der anderen Seite.

    Tilo Bode hatte einst in einem Taz-Kommentar die grüne Verbraucherministerin Renate Künast – vermutlich zu Recht – gescholten, weil diese, statt auf eine allgemeine Reduktion des Einsatzes von Agrochemie zu setzen (und dabei auch die konventionellen Betriebe mit ins Boot zu holen) einseitig den Öko-Landbau propagiert hätte.

    Dennoch möchte ich davor warnen, soziologische Tribalisierung-Theorien zu überdehnen und ihnen grenzen- und zeitlose Gültigkeit anzudichten – ebenso davor, die kulturelle “Stammesbildung” selbst heilig zu sprechen. Zwar wäre es töricht, diese nur (!) als Phänomen von Entfremdung zu sehen – und zu verteufeln, sie ist eine Erscheinung freier Lebensgestaltung und als solche auch (!) ein Element sozialer Emanzipation.

    Doch die Vorstellung, dass “der Einzelne in der modernen Gesellschaft vor der Aufgabe steht, sein nicht mehr vorgegebenes Leben zu inszenieren und sich durch seine gelungene Inszenierung von anderen abzuheben” mit der Konsequenz, dass eine Verallgemeinerung ökologisch bewusster Einstellungen unmöglich sei, weil dem “grünen Stamm” damit sein Alleinstellungsmerkmal geklaut würde, erscheint mir ganz abwegig. Allein, weil die Motivation zum ökologisch korrekten Denken und Handeln sehr vielschichtig sein dürfte und keineswegs auf ein soziales “Abgrenzungsbedürfnis” reduziert werden kann.

    Das wird leicht zur Variante “Die Modere in ihrem Verlauf hält weder Ochs noch Esel auf”, wobei “Moderne” als Reich der Freiheit idealisiert ist statt zu problematisieren, wie sich die Menschen (gegenseitig) aus der Freiheit zur ökologischen Ignoranz befreien könnten.<In unseligen Zeiten “linker” Arbeitertümelei wurde ökologische Sensibilität als ein “Kleinbürgerphänomen” denunziert, das der angestrebten “Arbeiter-Emanzipation” eher im Wege steht. Und übersehen, dass die relativ klasse Lage derer, die genug Muße für ökologische Reflexion und entsprechendes Tun entwickeln konnten, als ein Fixstern für die Befreiung aus den Beschränkungen lohn- und gehaltsabhängiger Lebenslagen und ihnen entsprechenden Perspektiven betrachtet werden müssen!

    Ist das heutige Lob der Freiheit zur sozialen Identität-Nische (als “Öko” oder “Normalo”) so weit von der alten Ignoranz entfernt? In beiden Fällen scheint mir die Bedeutung des Zusammenhangs zwischen Lebenslagen und Lebenseinstellungen für eine Veränderung (!) der Lebenslagen und damit eben auch der Lebenseinstellungen zu wenig im Blick zu sein.

    Dass die Gesellschaft an Pluralitätsverlust und die Individuen an Freiheitsverlust leiden werden, wenn die “Aufgabe, sein nicht mehr vorgegebenes Leben zu inszenieren und sich durch seine gelungene Inszenierung von anderen abzuheben” nicht mehr per 30 Liter Gelädewagen geschehen kann, kann nicht ernsthaft als eine rationale gedankliche Basis (öko-)sozialistischer Perspektivbildung gesehen werden. Modere Assoziationen freier Menschen finden sicher auch ohne Sprit fressende Geländewagen und bei Lebensbedingungen, die allen eine ökologische Ausrichtung ihrer besonderen Eigenartigkeiten erlauben, unendlich viel Material für Stammesriten und -Symbole.

    Drehen an Preisschrauben ist der Umorientierung immer förderlich. Noch förderlicher würde es, wenn sich linkes Denken zugleich aus dem eigenen Ökonomismus befreien könnte der meint, Meinungskampf könnte durch technokratische Unterbau-Veränderungen ganz überflüssig werden.

  2. hhirschel sagt:

    Nach drei Jahren mal wieder angesehen. War meine meine Kritik etwa auch überzogen? Einverstanden bin ich jedenfalls mit der Einschätzung, dass Herumnörgeln an „Lebensstilen“ oder gar deren direkte Unterdrückung so wenig nützen wie Apelle, nun endlich eine ökorrekte Haltung anzunehmen und dass das Drehen an der Preisschraube (mittels Ökosteuern und -zölle, Emmissionsrechtehandel oder – Mehrarbeit verursachende – Vorschriften in Sachen Produktionsbedingungen) ersteinmal dringlich ist und eine gute Unterfütterung des notwendigen Meinungsstreits.

    Die Festlegung von Höchstmengen an Benzinverbrauch (und letztklich überhaupt Ressourcenverbrauch) für Fahrzeitflotten und auch für einzelne Fahrzeugen (und andere Konsumgüter) sollten nicht tabu sein und am Ende auch nicht die Menge an z.B. Fahrzeugen, die in einem Land zugelassen werden.

    Einverstanden bin ich auch mit der Aussage, dass derzeit eher sehr abstrakte Prinzipien in der Lage sein werden, die Masse der Menschen für Lebensbedingungen zu begeistern, die ein sozial bzw. ökologisch rücksichtsvolles Zusammenleben erlauben. Weltweit sollen alle gut leben können ohne zugleich die Grundlagen eines guten Lebens aller (Menschen auch künftiger Generationen und deren natürliche Umwelt) zu zerstören. Es dürfte schwer fallen, dagegen in einer Weise zu argumentieren, die den Anspuch der Vernünftigkeit standhält. Nur brauchen die abstrakten Prinzipen eben auch reale Fortschritte bei der Festlegungen dessen, was so eine „nachhaltige Entwicklung“ auch ermöglichen könnte.

    Rio + 20 in diesem sommer könnte womöglich auch das linke (über das kapitalistisch Mögliche hinaus strebende) Denken und Tun voranbringen.

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