(Zugriff auf) Natur ist ebenso Quelle des Reichtums wie Arbeit

31. Januar 2008

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„Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebenso sehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft. (…) Nur soweit der Mensch sich von vornherein als Eigentümer zur Natur, der ersten Quelle aller Arbeitsmittel und -gegenstände, verhält, sie als ihm gehörig behandelt, wird seine Arbeit Quelle von Gebrauchswerten, also auch von Reichtum. Die Bürger haben sehr gute Gründe, der Arbeit übernatürliche Schöpfungskraft anzudichten; denn grade aus der Naturbedingtheit der Arbeit folgt, daß der Mensch, der kein andres Eigentum besitzt als seine Arbeitskraft, in allen Gesellschafts- und Kulturzuständen der Sklave der andern Menschen sein muß, die sich zu Eigentümern der gegenständlichen Arbeitsbedingungen gemacht haben. Er kann nur mit ihrer Erlaubnis arbeiten, also nur mit ihrer Erlaubnis leben.“

Marx: Kritik des Gothaer Programms, MEW Bd. 19, S. 15

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Was heißt hier Sozialismus?

22. Januar 2008

Der Begriff schillert. Im marxistischen Kontext steht „Sozialismus“ allgemein für Übergangsgesellschaft zum klassenlosen Weltkommunismus. Innerhalb der Linkspartei und um sie herum wird Sozialismus meist mit einer Zukunft oder Politik identifiziert, in der „sozialistische Werte“  wie etwa „soziale Gerechtigkeit“ vorherrschen und „die Gier nach Maximalprofiten“ überwunden ist.  Zur Abgrenzung vom so genannten Realen Sozialismus fällt auch der Begriff Staatssozialismus,  was also die Vorstellung einschließt, hier handelte es sich um eine besondere (wenn auch nicht besonders gelungene) Form „des“ Sozialismus.

Aber wie sozialistisch waren die einstigen Ostblockländer wirklich? Gibt es keine rational nachvollziehbaren Kriterien normativer Art nach denen (vergangene oder künftige) Gesellschaften nach Indikatoren abgesucht werden können, an denen die mehr oder auch weniger starke Anwesenheit bzw. Abwesenheit von „Sozialismus“  abgelesen werden kann?

Wer den Gedanken an eine „Diktatur des Weltproletariats“ mehr als fragwürdig findet, weil

  • die Gefährlichkeit der marx-engelschen Koketterie mit dem Begriff der „Diktatur“ inzwischen auf der Hand liegt, (auch wenn sie sich diese „Diktatur“ als eine soziale Herrschaft der Weltbevölkerungsmehrheit und also in der politischen Form einer Weltdemokratie vorgestellt hatten), und weil
  • „Proleratiat“ als strukturelles Element kapitalistischer Verhältnisse („variables Kapital“) ja just als menschenunwürdige Existenzform identifiziert wurde und in dem Moment aufhört „Proletariat“ zu sein, wie es sich aus diesen Verhältnissen emanzipiert,

und wer nun Festlegungen darüber treffen möchte, was die Übergangsgesellschaft  im Wesentlichen als eine charaktirisiert, die soziale Befreiung aus der bornierten  Klassenlage bringt,  könnte sich vielleicht mit folgender Bestimmung anfreunden.

  1. Im „Schoße der alten, kapitalistischen Verhältnisse“ existiert bzw. wächst Sozialismus (unabhängig vom Selbstverständnis seiner Träger) als sozialer Prozess, der im wachsenen Maaße zunehmend mehr Menschen befähigt, die menschlichen bzw. von Menschen beeinflussten Mittel der Existenzsicherung und Bereicherung  (mitsamt des diesen „Produktionsmitteln“ inne wohnenden Destruktivvermögens) nach – in sozialer und ökologischer Hinsicht  – gemeinsam reflektierten, und in so fern rationalen Maßstäben entwickeln und anzuwenden zu können.
  2. Von einer sozialistischen Gesellschaftsformation kann (unabhängig von deren Benennung) gesprochen werden, in so weit die Verallgemeinerung des Vermögens, miteinender Nutzen, Schaden oder Risiken von Produktivität und Produktion antizipieren und adäquate Produktionszwecke, -methoden, -qualitäten, -mengen, -orte oder Einwirkungen auf die natürliche Mitwelt aushandeln zu können, der (weltweit) vorherrschende soziale Prozess ist.

Eine solche Bestimmung sehe ich als Bedingung der Möglichkeit eines rationalen Diskurses.  Denn wie sonst könnte mit  sozialwissenschaftlichen Methoden reale Existenz, Abwesenheit, Notwendigkeit oder Möglichkeit von „Sozialismus“ erfasst werden, und wie sonst wäre es möglich, sich ein Bild von der Sache zu machen, das nicht durch bornierte Macht oder Ohnmacht,  Rechtfertigungsinteressen und entsprechenden Wahrnehmungsmustern konstruiert ist?  Wie sonst also wäre eine sachliche Diskussion des Gegenstandes möglich?

Eine solche Bestimmung schafft den Boden für empirische Forschung,  kann sie aber natürlich nicht ersetzen.  Eine „empirische Widerlegung“ der marx-engelschen Perspektiven aufgrund deren Einmauerung in die Rechtferigungsideologien „vormundschaftlicher Staaten“ staatsparteilicher Sozialismusversuche des letzten Jahrhunderts könnte sich auf einer solchen Grundlage allerdings auch als „zu früh gefreut“ (oder geärgert) heraus stellen.

In dem Zusammenhang ist es interessant, was Marx und Engels in iheren Selbstverständigungsschriften als Voraussetzung einer „Aufhebung von Entfremdung“ sahen.

Siehe dazu auch die Ausführungen von Thieß Petersen über “ Subjektive Voraussetzungen für die Transformation der kapitalistischen Gesellschaft“ im Glasnost Archiv

Zum Schluss: Keine Mitverantwortung für falsche Wege?

hhirschel


Lohn, Markt, Moral (von Menschen und ihren Mäusen)

20. Januar 2008

Nicht mehr Kommunismus aber immerhin mehr Leistungsgerechtigkeit fordert Prof. Dr. Werner Müller, (nicht mit dem gleichnamigen ehemaligen Bundeswirtschaftsminister identisch). Er lehrt seit 1997 am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Fachhochschule Mainz und war vor seiner Berufung Financial Manager in der deutschen Gruppe eines dänischen Konzerns, sowie von 2002 bis 2006 Aufsichtsratsvorsitzender einer Unternehmensberatungs-AG.

Das ND veröffentlichte am 19.01. 08 einen offenen Brief Prof. Müllers an Bundespräsident Köhler mit einer Replik auf H. Köhlers Behauptung, Mindestlöhne würden Arbeitsplätze vernichten. Der Brief enthält einige Wahrheiten, die sich vom neo liberalen Mainstream recht angenehm absetzen.

Zum Beispiel, dass Löhne am Markt „umgekehrt elastisch“ reagierten:

„Sinkt der Gebrauchtwagenpreis, so werden weniger Fahrzeuge angeboten. Sinkt der Arbeitslohn, so wird auf dem Arbeitsmarkt mehr Arbeitskraft angeboten, denn Arbeitnehmer müssen dann Überstunden machen oder Nebentätigkeiten aufnehmen, um ihren Lebensstandard zu halten oder nur die Existenz zu sichern.“

Zwar führten niedrigere Löhne unstrittig zu mehr Arbeitsplätzen im Niedriglohnbereich, aber um den Preis einer Lohnabwärtsspirale. Deren Stopp durch die Gewerkschaftsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts hätte die wirtschaftliche Entwicklung allerdings nicht gestoppt sondern – durch Anreize zur Rationalisierung – eher beflügelt. Der durch das Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen entstandene Wohlstandsverlust wurde durch die erreichten Produktivitätsgewinne lange überkompensiert.

Sollte sich die Gesellschaft nun aber trotz des Unterlaufens dieser historischen Dumpingbremse durch gebietsfremde Anbieter von Arbeitskraft gegen Mindestlöhne entscheiden, so solle sie doch konsequenterweise gleich eine andere Errungenschaft des 19. Jahrhunderts über Bord werfen:

„… und zwar die Abschaffung der Sklaverei! (…) Diese hat die Arbeitsplätze der Sklaven vernichtet. Und es gäbe auch heute sicher noch viele Sklaverei-Arbeitsplätze, wenn man sie zulassen würde. (…) Die Entscheidung für die Abschaffung der Sklaverei war aber primär eine moralische und keine ökonomische Frage. (…)
„Ebenso war der Kampf gegen Hungerlöhne für die Arbeiterbewegung eine moralische Frage. Die flächendeckende Einführung von Mindeststandards hat die wirtschaftlichen Folgen für die Unternehmen beherrschbar gemacht, weil sich kein Konkurrent den daraus folgenden höheren Kosten entziehen und daraus Wettbewerbsvorteile organisieren konnte. Es ist auch heute eine moralische Frage, ob auch in einer globalisierten Wirtschaft die Löhne aus einer Vollzeitbeschäftigung existenzsichernd sein müssen und ob deshalb die Vernichtung von Arbeitsplätzen im Niedriglohnbereich in Kauf genommen werden muss, wie die Gesellschaft auch die Vernichtung von Sklavenarbeitsplätzen im Null-Lohnbereich und sogar den Hungertod vieler potenzieller Sklaven in Kauf genommen hat. Nur mit gesetzlichen Mindestlöhnen kann diese moralische Entscheidung für existenzsichernde Löhne in der globalisierten Wirtschaft verteidigt werden. Wer sie ablehnt, müsste mit den gleichen Argumenten die Wiedereinführung der Sklaverei fordern …“

Ebenso provokant fordert Prof. Müller ein Ende der intransparenten Besetzung von Vorstandsposten mittels sozialer Seilschaften. Die Aktiengesellschaften sollten gesetzlich verpflichtet werden, ihre Vorstandsposten öffentlich auszuschreiben. Was nicht nur die Qualifikation der Vorstandsarbeit erhöhen, sondern auch die Vorstandsgehälter auf ein moralisch vertretbares Maß reduzieren würde.

Der gesamte ND Beitrag:

http://www.neues-deutschland.de/artikel/122581.html