Es folgt eine Auseinandersetzung mit dem “2. Ökosozialistisches Manifest Die ökosozialistische Erklärung von Belém“. Neben dem Bedürfnis, interessante Ansätze aufzuspüren und zu verarbeiten, geht es mir dabei um eine Klärung des Unbehagens, das mich beim ersten Querlesen beschlichen hatte.
Das beginnt gleich mit den ersten Worten:
Die Menschheit steht heute vor einer klaren Wahl: Ökosozialismus oder Barbarei. Wir brauchen keinen weiteren Beweis für die Barbarei des Kapitalismus, dieses parasitären Systems, das die Menschheit ebenso wie die Natur ausbeutet. Sein einziger Motor ist der Zwang zum Profit und damit die Notwendigkeit ständigen Wachstums.
- Eine als solche handelnde Menschheit ist noch eine Utopie. Zu behaupten, dass “die Menschheit” bereits irgend eine Entscheidung treffen könne bzw. solle, bedeutet, die Herausforderung nicht zu erkennen, die die Herausbildung mitmenschlicher Entscheidungsstrukturen auf Weltebene bedeutet.
- Es gibt kein außerhalb der menschlichen Beziehungen existierendes “System der Barbarei”, das “die Menschheit” und “die Natur” ausbeutet. Systeme können nicht ausbeuten. Höchstens beuten Menchen andere Menschen, Naturschätze oder auch sich selbst mit System aus und sind dabei einem System des sich Ausbeutens und Ausgebeutetwerdens oder des Ausbeutens von Naturschätzen unterworfen in der Bedeutung, dass sie dies nicht durch einen bloßen (individuellen) Willensakt beseitigen können.
- Wäre Kapitalismus nur “Barbarei” wäre alles viel leichter. Aber die Verhältnisse sind nicht so einseitig. Kapitalismus überwindet und schafft “Barbarei”.
- Die Klage über “Zwang zum Profit” und die Behauptung, dieser sei “einziger Motor” und “damit Notwendigkeit ständigen Wachstums” sagt mir: ok, hier bleibt Dialektik außer vor. Das Manifest erklärt die Probleme privateigentümlicher Vergesellschaftung und deren Zwänge augenscheinlich nicht um Menschen zum Mittun bei der Entwicklung (öko-) sozialistischer Perspektiven bzw. der Entwicklung mitmenschlicher Handlungsbedigungen, Rechte und Pflichten im Hinblick auf das globale Füreinander zu bewegen. (Um daraus ein globales Miteinander zu machen) Es geht wohl wieder nur darum, “Kapitalismus” zu dämonisieren um eine gebührende Schar Kapitalismusgegner um sich zu sammeln und diese mit ideologischem Drachentöterequipment auszurüsten. Im Übrigen. Was haben die Manifestler gegens Profitieren? Die meisten Menschen dürften gern profitieren und sich fragen,was sonst “Motor” des sozialen Tuns sein soll, wenn nicht die Aussicht, hinterher auch etwas von seinem Tun und Lassen zu haben. Sollte nicht erst einmal der (spezifisch kapitalistische) Zwang zum privaten (also nicht unbedingt sozialen) Gewinn erklärt und die mit der damit bestehenden Unmöglichkeit einer sozialen Steuerung der Produktion und der Aneignung ihrer Voraussetzungen und Wirkungen unweigerlich auftretenden Probleme erläutert werden?
Das Weiterlesen fällt mir bereits jetzt schwer.
Der Kapitalismus war schon immer umweltzerstörerisch, aber in unserer Lebensspanne haben sich die Anschläge auf die Erde beschleunigt. Die quantitativen Veränderungen schlagen in eine neue Qualität um und bringen die Welt an einen Wendepunkt, an den Rand der Katastrophe.
Ist “der Kapitalismus” eine Organisation zur Durchführung von terroristischen “Anschlägen auf die Erde” gegen die eine Achse des Guten zu mobilisieren wäre?
Quantitäten? Neue Qualität? Rand der Katastrophe? All das weckt keinerlei Erkenntnisinteresse im Hinblick auf die Widersprüchlichkeiten, Ungleichzeitigkeiten und realen Konflikte unserer derzeitgen (kapitalistischen) Entwicklungs- und Vergesellschaftungsbedingungen bzw. -zwäng, deren Geschichte und Potenziale. Von Interesse wäre etwa auf die Geschichte des Exports von Umweltbelastungen durch die Verlagerung der Rohstoffgewinnung in Regionen, in denen die Menschen sich nicht bzw. schlechter dagegen wehren können. Für die davon Betroffenen hat “die” Umweltzerstörung immer schon ausreichend “Quantität” und auch “Qualität” besessen.
Mit Marx von den realen menschlichen Beziehungen auszugehen, hieße z.B., auf die regionalen Katastrophen konkret aufmerksam zu machen, die es in der Geschichte kapitalistischer Wohlstandsentwicklung immer wieder gab und augenblicklich gibt (Auch das spart man sich, wenn man einseitig von “der” Barbarei “des” Kapitalismus redet, die dann keiner zusätzlicher Beweise mehr bedarf) Wenn im Manifest stattdessen lediglich eine blutleere Abstraktion a la “neue Qualität auf Basis der Entwicklung einer neuen Quantität” konstatiert wird, die erst “an den Rand der Katastrophe” bringt, dann erscheint “Katastrophe” lediglich als etwas, das “droht” wobei auch die Unterschiede zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung der bisher “nur” regionalen Katastrophen und der Wirklichkeit und Wahrnehmung wirklich globaler, gemeinsam zu erleidenden Katastrophe verschwimmen.
Eine wachsende Zahl von wissenschaftlichen Studien hat verschiedene Mechanismen entdeckt, mittels derer kleine Temperaturerhöhungen irreversible, unkontrollierbare Effekte erzeugen können – so wie das rasante Abschmelzen des Eisschildes in Grönland oder die Freisetzung des im Permafrost und am Meeresboden gespeicherten Methans –, die einen katastrophischen Klimawandel unvermeidbar machen können.Geht dies ungebremst weiter, so wird die globale Erwärmung vernichtende Auswirkungen auf Mensch, Tier und Pflanzenwelt haben. Die Bodenerträge werden dramatisch zurückgehen und in weiten Teilen der Erde Hunger zur Folge haben.
“Ungebremst”? Das ist keine angemessene Bestimmung. Hier müssten Bezüge zum 2 Grad Ziel hergestellt und dieses einer kritischen Reflektion auf Basis neuer Erkenntnisse unterzogen werden. Dass nicht von einer drohenden (oder durch klimatische Veränderungen bereits bewirkte) Zunahme von Hunger die Rede ist, bzw. der drohenden Unmöglichkeit, entsprechend der Millenniumsziele die Zahl der Hungernden zu halbieren oder den Hunger ganz zu beseitigen, ist allerdings nicht akzeptabel.
Die Auswirkungen der ökologischen Krise bekommen am härtesten diejenigen in Asien, Afrika und Lateinamerika zu spüren, deren Leben bisher schon vom Imperialismus verheert wurde, und die indigenen Völker in allen Teilen der Erde sind besonders verletzlich. Die Umweltzerstörung und der Klimawandel stellen einen Akt der Aggression gegen die Armen seitens der Reichen dar.
Auch das ist unausgereift. Die Trennung von “ökologischer Krise” und deren “Auswirkung” ist nicht nachvollziehbar. Und wenn “der Imperialismus” (wer bitte?) nun schon das Leben von Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika “verheert” hat, kann “die ökologische Krise” oder gar “deren Auswirkungen” ja nichts mehr schlimmen machen. Hier fehlen konkrete Hinweise und Daten, die belegen, wo welche (durch was hervorgerufene) katastrophalen Zustände durch die Erderwärmung verstärkt werden.
Die Behauptung, dass “die” Umweltzerstörung und “der” Klimawandel ein Akt “der” Aggression gegen “die” Armen seitens “der” Reichen darstellen soll, verrät nicht gerade Nähe zu einer historisch materialistischen Analyse und Kritik. Die hätte über die jeweiligen Behauptungsbedingungen der verschiedenen Weltmarktakteure aufzuklären und zur Suche nach mitmenschlichen Wegen aus den Zwangsverhältnissen einzuladen. Moralisierende, böse Absichten unterstellende Pauchalanklagen gegen “die” Reichen, bieten nur wohlfeile schnell auch ins Rechtspopulistische abgleitende Identifikationsmuster auf der Gefühlsebene. Und bringen nichts ein als einen diffusen Zorn, der sich zur Entlastung des eigenen Gewissens auch gegen ganz bestimmte, reale Gruppen von “Reichen” lenken ließe – und zwar auch in einer durchaus unemanzipativen und gegenaufklärerischen Weise.
Wenn der Kapitalismus die herrschende soziale Ordnung bleibt, dann sind das Beste, was wir erwarten können untragbare Klimabedingungen, eine Intensivierung sozialer Krisen und die Ausbreitung barbarischster Formen von Klassenherrschaft, weil die imperialistischen Mächte sowohl untereinander wie mit dem Süden um die Kontrolle der schwindenden Ressourcen der Erde in Kriege eintreten werden.
Im schlechtesten Falle aber wird die Menschheit nicht überleben.
Heißt: wenn keine Aussichten bestehen, dass der über die Menschheit gekommene böse Drache namens “der Kapitalismus” innerhalb der nächsten fünf Jahre tot am Boden liegt, kann sich “die Menschheit” schon einmal jetzt aufs gemeinschaftliche Aussterben vorbereiten. Na, dann gute Nacht Marie. Sicher: die Gefahr von kriegerischen Auseinandersetzungen um knapper werdende Ressourcen oder auch “barbarische Formen des Klassenkampfes” infolge des Verlustes natürlicher bzw. agrarischer oder maritimer Ressourcen ist real. (Übrigens zeigt die – durchaus angebrachte – Warnung vor “barbarischen Formen des Klassenkampfes” wie wenig hilfreich die Behauptung ist, dass wir längst in “der kapitalistischen Barbarei” leben). Neueren Beiträgen zur Diskussion um die Gefahr von “Kriegen ums Wasser” lässt sich allerdings entnehmen, dass solche Gefahren auch auch Gegenkräfte mobilisieren, die dummerweise nicht auf “antikapitalistische” Akteure beschränkt sein können, wenn tatsächlich auch das Schlimmste verhindert werden soll.
So wichtig es ist, die gegenwärtigen Grenzen sozialer Steuerbarkeit kapitalistischer (Konkurrenz-) Verhältnisse zu erläutern und Formen der Organisation von Arbeit (und ökologischer Verantwortung) zu entwickeln, die ein rationales Miteinander auf globaler Ebene ermöglichen, so wäre es ein fataler Fehler, daraus einen kruden Antireformismus zu machen, der Fortschritte der sozialen Steuerung fürchten muss weil sie die Deligitimationsabsicht konterkarieren könnten, wo es angebracht wäre, Fortschritte des Mitmenschlichen zu fördern weil die Grenzen des an Mitmenschlichkeit aktut Möglichen nicht anders wahrgenommen und werden können und diese “Grenzerfahrung” überhaupt erst eine hinreichende Verbreitung des Willens zur Grenzverschiebung entstehen ließe.
Es gibt keinen Mangel an Strategievorschlägen, wie mit dem ökologischen Ruin einschließlich der globalen Erwärmung als Konsequenz der rücksichtslosen Erhöhung des atmosphärischen Kohlendioxids umzugehen sei. Der großen Mehrheit dieser Strategien ist eines gemein: Sie sind entworfen von dem und für das herrschende globale System, für den Kapitalismus.
Aha: “der Kapitalismus” bzw. “das herrschende globale System” ist (böse, böse!) Autor der meisten Strategien zur Abmilderung des Klimawandels. Und weil “der Kapitalismus” ja längst historisch eingeholt und überholt ist und begraben liegt auf den Misthaufen der Geschichte, ist all das also nicht weiter zu beachten.
Es ist keine Überraschung, dass das herrschende globale System, das für die ökologische Krise verantwortlich ist, auch den Rahmen für die Diskussion über diese Krise steckt, denn das Kapital bestimmt über die Mittel zur Produktion von Wissen ebenso wie von Kohlendioxid. Folgerichtig verbreiten seine PolitikerInnen, BürokratInnen, ÖkonomInnen und ProfessorInnen einen endlosen Strom von Vorschlägen in allen Variationen des Grundthemas, dass nämlich der ökologische Schaden repariert werden könne, ohne mit den Mechanismen des Markts und mit dem Akkumulationssystem, das die Weltwirtschaft bestimmt, zu brechen.
Nichts dagegen, gegenwärtige Marktmechanismen und das gegenwärtige “Akkumulationssystem” grundsätzlich in Frage zu stellen, nämlich die Handlungs- bzw. Existenzbedingungen, die zu privaten, also einer sozial nicht hinreichend steuer- bzw. einsetzbaren Ansammlungen von Bereicherungsvermögen nötigen. Und erst recht habe ich natürlich nichts dagegen, die möglichst rasche Etablierung alternativer Akkumulations- und Vergesellschaftungsmodelle auf die Tagsordnung zu setzen. Aber genau das geschieht eben nicht, wenn man alles Böse dieser Welt bzw. “die Verantwortung” in “das System” ausgliedert und – ach wie habe ich diesen denunziatorischen Stil der 1970er Jahre vermisst – deren “verachtenswürdige” Diener anklagt als handele es sich gar nicht um ein “System” sondern nur um eine schlechte Wahl in einem Strauß voller subjektiver Möglichkeiten.
“Aber man kann nicht zwei Herren dienen – der Erhaltung der Erde und der Profitabilität des Kapitalismus. Eines von beiden muss man bleiben lassen; und die Geschichte zeigt, dass es kaum eine Frage ist, wem die Loyalität der breiten Mehrheit der PolitikerInnen gilt.”
Solch vormoderner, mit Anti-Politiker-Populismus und feudalistischem Geist durchwehter Diskurs (“Diener zweier Herren” ) scheint mir bestens geeignet, Ökosozialismus noch im Kleinkindstadium einer Beerdigung dritter Klasse zu bereiten. Die Zahl der Trauergäste dürften dann aber nicht allzu zahlreich sein. Was für ein krudes Zeugs! Nach den Autoren und Unterzeichnern des Manifestes, sollen wir unseren alten Feudalherren “Profitabilität des Kapitalismus” endlich die Treue kündigen und “ihn” gegen einen neuen austauschen der da heißt: “Erhaltung der Erde”. Und wer dabei nicht mitmacht, wird unter dem Jolen der Kinder in ein Krokodil verzaubert und vom Kasper zum Teufel gejagt!
Es gibt also jeden Grund dafür, radikal an der Fähigkeit der althergebrachten Maßnahmen zu zweifeln, den Weg in die ökologische Katastrophe zu verhindern.
Ok, neue Maßnahmen müssen her. Man darf gespannt sein.
Um unsere menschliche Zukunft zu behaupten und zu erhalten, ist eine revolutionäre Umwälzung vonnöten, in der alle die einzelnen Kämpfe sich in einem größeren gemeinsamen Kampf gegen das Kapital selbst zusammenfinden.
Also keine Maßnahmen sondern letzte Schlacht gegen und Sieg über “das Kapital”. Die Spannung steigt.
Dieser größere Kampf kann nicht einfach negativ und antikapitalistisch bleiben. Er muss eine andere Art von Gesellschaft propagieren und aufbauen, und die heißt Ökosozialismus
Keine Maßnahmen also und auch kein Forschen nach Dingen, die nach der Entwicklung ökosozialistischer Problemlösungskompetenz verlangen (oder Überlegungen, was das sein könnte), sondern der Rat, einfach mal schnell mittels Weltrevolution “das Kapital” zu besiegen und “eine andere Gesellschaft” aufbauen die wir “Ökosozialismus” nennen.
Also auf “ihn” mit Gebrüll? Siegfrieds und Sieglindes aller Länder beteiligt euch an der letzten Schlacht gegen den barbarischen Welt-Papier-Tiger-Drachen “Kapitalismus”!
Bevor ich daran erinnere, dass solcher “Antikapitalismus” mit der dialektisch-historischen Entwicklungsperspektive Marxens ebenso wenig zu tun hat wie Verzicht, auf die sozialen bzw. politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart zugunsten eines “Propagierens und Aufbauens einer anderen Gesellschaft” , möchte ich aber erst einmal sehen, was der zu propagierende und aufzubauende “Ökosozialismus” denn nun genau sein soll
Die ökosozialistische Bewegung hat das Ziel, den desaströsen Prozess der globalen Erwärmung zu stoppen und umzukehren im Besonderen, und eine radikale und praktikable Alternative zum kapitalistischen System aufzubauen im Allgemeinen.
Und diese Kleinigkeit soll also ganz ohne bürgerliche Kräfte, ja sogar in strikter Opposition zu allen bisherigen Ansätzen erreicht werden!
Der Ökosozialismus basiert auf einer transformierten Ökonomie, die auf den nicht-monetären Werten der sozialen Gerechtigkeit und des ökologischen Gleichgewichtes fußt; er kritisiert beides, sowohl die kapitalistische „Marktökologie“ wie den sozialistischen Produktivismus, die das ökologische Gleichgewicht der Erde und ihre Grenzen ignorieren. Er definiert den Weg und das Ziel des Sozialismus neu innerhalb eines ökologischen und demokratischen Rahmens.
Ökosozialismus bedingt eine revolutionäre soziale Transformation, die die Begrenzung des Wachstums und den Wandel der Bedürfnisse durch eine grundsätzliche Abwendung vom quantitativen Wachstum hin zu qualitativen ökonomischen Kriterien und einen Schwerpunktsetzung auf den Gebrauchswert anstatt den Tauschwert bedeutet.
Interessant wäre nun aber die Frage, wie viel Zeit die Autoren und Unterzeichner des “ökosozialistischen Manifestes” der Erledigung der formulierten Aufgabe geben, “den desaströsen Prozess der globalen Erwärmung zu stoppen und umzukehren” und dafür “eine radikale und praktikable Alternative zum kapitalistischen System aufzubauen”?
Nach allem, was über die Klimaentwicklung bekannt ist, sollte das in den nächsten fünf bis zehn Jahren geschafft sein. Ein ehrgeiziges Vorhaben!
Das Ganze soll durch die Etablierung einer “transformierten Ökonomie” (also einer in eine neue Zweckbestimmungsstruktur überführten Weltwirtschaft) erreicht werden, über die erst einmal nicht mehr gesagt ist, als dass die auf (mehr oder weniger exakt) bestimmten ethischen Werte “fußen” soll, nämlich auf ” soziale Gerechtigkeit und “das ökologische Gleichgewicht”. Sprich: das innerhalb der nächsten 5 – 10 Jahre zu etablierende neue Weltwirtschaften wird davon angetrieben, dass die Menschen aller Nationen und Kontinente genau wissen, was “soziale Gerechtigkeit” und “ökologisches Gleichgewicht” ist, an Zielen und Maßnahmen erfordert und dass sie diese dann auch gemeinsam erreichen wollen. Das ist natürlich nicht verkehrt.
Weiter: Das neue Wirtschaften, das bei der Entwicklung, dem Herstellen und Aneignen von Gütern und Dienstleistungen weltweit auf den guten Willen, (Wissen und Können) aller fußen soll, “soziale Gerechtigkeit” und “ökologisches Gleichgewicht” zu wahren, kritisiert (sprich also: die Menschen, die das wollen kritisieren) ” sowohl die kapitalistische „Marktökologie“ wie den sozialistischen Produktivismus”, die das ökologische Gleichgewicht der Erde und ihre Grenzen ignorieren” .
Ok, die nun umweltfreundlich und einander gerecht werdend weltwirtschaftenden Menschen ignorieren nicht, dass sie dabei “ökologische Gleichgewichte” (auch ein sehr fragwürdige Vorstellung, die ich hier mal so stehen lasse) wahren sollten, was im “Realsozialismus” nicht Gang und Gäbe war.
Was bei dem Begriff “sozialistischer Produktivismus” allerdings verwundert ist, dass dem offenbar eine Bestimmung von “Sozialismus” zugrunde liegt, die systematisches Absehen von den ökologischen Voraussetzungen und Wirkungen des Produzierens logisch einschließt und also das besagte Ignorieren als eine Realität (statt als Mangel an Realität) “des” Sozialismus gilt. Es wird – zumindest an dieser Stelle – also auf den Versuch einer normativ-logischen Bestimmung von Sozialismus verzichtet.
Weiter: “Er definiert den Weg und das Ziel des Sozialismus neu innerhalb eines ökologischen und demokratischen Rahmens.”
In eine mitmenschliche Perspektive übersetzt bedeutet das offenbar:
Die beim (weltweiten) Entwickeln, Herstellen und Aneignen eines Nutzens (mittels Güter, Dienstleistungen, Bildungsprozessen usw.) “soziale Gerechtigkeit” und “ökologischjes Gleichgewicht” wahren wollenden Menschen dieser Erde wollen ihre Ziele und Mittel, sie zu erreichen innerhalb “eines ökologischen und demokratischen Rahmens” bestimmen.
Ok, so wirds vielleicht nachvollziehbar. Das umweltbewusste (weltweite) “Sich-gerecht-Werden” braucht die Möglichkeit, dies auf eine demokratisch Weise miteinander auszumachen.
Weiter: Den letzten Teil dieses Abschnitts zunächst in seiner vollen Pracht:
Ökosozialismus bedingt eine revolutionäre soziale Transformation, die die Begrenzung des Wachstums und den Wandel der Bedürfnisse durch eine grundsätzliche Abwendung vom quantitativen Wachstum hin zu qualitativen ökonomischen Kriterien und einen Schwerpunktsetzung auf den Gebrauchswert anstatt den Tauschwert bedeutet.
Soll wohl heißen: Um sich beim Weltwirtschaften gerecht werden und dabei umweltbewusst ökologische Gegebenheiten berücksichtigen zu können bedarf es demokratisch errungene und kontrollierte Regeln, die es erlauben, “das Wachtum” zu begrenzen.
Das Wachstum? Wer gedacht hätte, dass die ökosozialistisch vergemeinschafteten Menschen nun endlich miteinander herausfinden (und ihr miteinander Weltwirtschaften danach aushandeln) wollen und können, was (an Produktmengen und -qualitäten, Stoffmengen, Wissen oder auch Bedürfnissen) wachsen und was schrumpfen soll, damit man den jeweils geäußerten Bedürfnissen soweit wie möglich gerecht werden kann ohne dabei das zu zerstören, was hier “ökologisches Gleichgewicht” und “sich gegenseitig gerecht werden” genannt wird, erfährt nun, dass ihr Leben von den Strategen “des” Ökosozialismus längst vorher bestimmt ist: “Das Wachtum” muss begrenzt werden. Es dürfen von nichts mehr Mengen (Quantitäten) wachsen sondern nur Gebrauchswerte. Das haben “bürgerliche PolitikerInnen, BürokratInnen, ÖkonomInnen und ProfessorInnen einen endlosen Strom von Vorschlägen in allen Variationen des Grundthemas” schon klarer formuliert, nämlich als Wunsch nach Entkopplung von Wohlstandswachstum (durch größere Gebrauchswerte) und Stoffströme. Statt daran anzuknüpfen und zu erforschen, welche neuen Regeln des weltweiten Miteinander-Wirtschaftens es bedarf, um diesem netten aber hilflosen Idealismus eine materielle Grundlage zu verschaffen, bleibt man selbst im Ideologischen verhaftet. Aus lauter Angst, als “Wachstumsideologe” oder “Fortschrittsfanatiker” zu gelten, verschrubelt man seltsame ideologische Postulate zu einem undurchschaubaren, und daher vermeintlich nett anzusehenden Wörterdickicht, der keinen Fortschritt gegenüber den so sehr Geschmähten erlaubt.
So ist auch kaum zu erkennen, dass sich das Versprechen einer “Schwerpunktsetzung auf den Gebrauchswert anstatt den Tauschwert” noch vollkommen innerhalb des bürgerlichen Horizonts der Tauschwertökonomie bewegt also eines sehr frühen Zeitpunktes der propagierten Transformation. Das wäre auch so in Ordnung, wenn man das als notwendigen Zwischenschritt charakterisieren würde (wo dann etwa die Forderung nach Ökosteuern hin gehören). Aber das wäre dann “Ökokapitalismus”. Und weil man damit, offenbar nichts zu tun haben möchte, (ist ja die Konkurrenz), schleppt man notwendige, aber nicht richtig schicke Zwischenschritte ins vorgestellte Ziel der Transformation nach dessen Erfolg es “den Tauschwert” eigentlich so gar nicht mehr geben würde.
Sollte es nicht das Ergebnis der angestrebten Transformation sein, dass weltweit interagierenden Assoziationen freier Menschen nunmehr ihre verschiedenen Bedürfnisse, den für deren Befriedigung notwendigen Arbeitsaufwand und “Naturverbrauch” (oder was dafür auch nicht vertretbar wäre) direkt (mit Methoden des direkten Vergleichs) ermitteln, miteinander in Beziehung setzten ins Benehmen setzen?
Diese beiden Ziele erfordern demokratische Entscheidungsfindung im Bereich der Wirtschaft, indem die Gesellschaft in die Lage versetzt wird, ihre Investitions- und Produktionsziele kollektiv zu definieren, und die Kollektivierung der Produktionsmittel. Nur kollektive Entscheidungsprozesse und kollektives Eigentum an den Produktionsmitteln können die langfristige Perspektive eröffnen, die für das Gleichgewicht und die Nachhaltigkeit unserer natürlichen und sozialen Systeme erforderlich ist.
Dem kann ich in Etwa zustimmen außer, dass die ökosozialistisch gestellte Frage nicht sein sollte, wie die Gesellschaft (passiv) “in die Lage versetzt wird”, ihr Weltwirtschaften demokratisch und umweltbewusst zu gestalten, sondern wie sie sich selbst (aktiv) dazu in die Lage versetzt.
Und daran müssten sich Fragen nach weiter zu entwickelnden Ansätzen einer solchen (freien) Vergemeinschaftung bzw. Entwicklung öko-humanistischer Gestaltungskompetenz anschließen. Stattdessen bestimmen die Autoren und Unterzeichner die ideologiesche “Aufwertung” der Tätigkeitsbereiche Kinder, Küche, Kunst als neue Schlüsselwerte des Ökosozialismus:
Diese Ablehnung des Produktivismus und der Wechsel von quantitativen hin zu qualitativen ökonomischen Kriterien bedingen eine Neubetrachtung der Natur und der Ziele der Produktion und der ökonomischen Aktivität im Allgemeinen. Essentielle kreative, nichtproduktive und reproduktive menschliche Aktivitäten wie Haushalt, Kindergroßziehen, Pflege, Kinder- und Erwachsenenbildung und künstlerische Betätigung werden Schlüsselwerte in einer ökosozialistischen Ökonomie sein.
Das Streben nach Befreiung aus Zuständen der Entfremdung von den ökologischen bzw. sozialen Voraussetzungen und Wirkungen des Produzierens, (einschließlich der Kritik am rücksichtslosen “Produktivismus” des Realsozialismus) bewegt sich aber selbst noch zu sehr innerhalb von Abstraktionen, die eben auch Ausdruck dieser Abtrennung sind. Alles Produzieren hat unter allen Umständen qualitative und quantitative Seiten. Und die Formel, dass nur Qualität aber keine Quantität (gemeint ist Stoffumsatz mit der Natur) wachsen soll, ist noch weit entfernt von der (öko-) sozialistischen Perspektive einer weltweiten (umwelt-) bewussten Abstimmung von Produktionszwecken und -methoden und eben auch den Höchst- oder Mindestmengen der zu produzierenden Güter und Dienste.
Um die globale Erwärmung und andere Gefahren, die das Überleben von Mensch und Umwelt gefährden, zu vermeiden, müssen ganze Sektoren von Industrie und Landwirtschaft abgeschafft, reduziert oder restrukturiert und andere entwickelt werden, wobei Beschäftigung für alle gewährleistet wird. So eine radikale Umwandlung ist unmöglich ohne kollektive Kontrolle über die Produktionsmittel und ohne demokratische Planung von Produktion und Austausch. Demokratische Entscheidungen über Investitionen und technologische Entwicklung müssen die Kontrolle durch kapitalistische Unternehmen, Investoren und Banken ersetzen, um dem langfristigen Horizont des Gemeinwohls, sowohl in Bezug auf die Gesellschaft wie auf die Natur, gerecht zu werden
Die globale Erwärmung lässt sich nicht mehr vermeiden. Nur begrenzen! Statt Perspektiven zu versprechen, die nicht einzuhalten sind, wäre an der Stelle eine Auseinandersetzung mit dem “2 Grad Ziel” notwendig. Warum geschieht das nicht? Weil das die “Sozialismus oder Tod” Dramaturgie stören könnte?
Dass “ganze Sektoren von Industrie und Landwirtschaft abgeschafft, reduziert oder restrukturiert und andere entwickelt werden” müssen ist wohl richtig. Auch, dass es eine große Herausforderung ist, solch gigantischen (weltweit notwendigen) Umbau so zu gestalten, dass niemandem die Existenzgrundlage entzogen wird. Auch, dass dies ein gutes Argument für die Beendigung kapitalistischer Existenzbedingungen ist. Aber das Manifest gibt hier ein seltsames Wahlversprechen ab: Wählt den Ökosozialismus! Der rettet euch nicht nur vor dem sicheren Tod sondern gibt euch sein sozialistisches Ehrenwort, dass dann auf alle Fälle “Beschäftigung für alle gewährleistet wird”. Das könnte als ein allzu wohlfeiles Wahlversprechen verstanden werden.
Auch dass wir “so eine radikale Umwandlung kollektiver Kontrolle über die Produktionsmittel und demokratische Planung von Produktion und Austausch” benötigt, ist richtig. Schon um zu verhindern, dass drohender (oder schon eingetretener) Verlust von Existenzbedingungen dazu führt, dass beim demokratischen Planen alle Mitmenschlichkeit und ökologische Vernunft flöten gehen weil sie nach wie vor als individuelle Bedrohung empfunden werden müssten.
Dies markiert die meines Erachtens zentrale Herausforderung für (öko-) sozialistische Perspektiven. Das Problem: Ohne eine Veränderungen der individuellen Behauptungsbedingungen bzw. Abhängigkeitsverhältnisse würden “demokratische Entscheidungen über Investitionen und technologische Entwicklung” nichts nützen. Andererseits scheint obiges die Voraussetzung für die Aufhebung bornierter sozialer Lagen (mitsamt ihrer bornierten Vorstellungen, Ängstlichkeiten und Chauvinismen) zu sein.
Hier hätte ich mir gewünscht, dass im Manifest dazu aufgerufen würde, diese Herausforderung öffentlich zu erörtern und nach Mittel und Wegen zu suchen, in der Sache voran zu kommen. Stattdessen beschwört es ein abstraktes “Gemeinwohl”, dessen Realisierung dann … ja, nun: versprochen wird.
“Das Gemeinwohl” gibt es aber nicht. Das zu beschwören hindert nur am schonungslosen Bedenken bzw. Erörtern der Aufgabe, rechtzeitig hinreichende Mittel und Wegen der Herausbildung entsprechend gemeinsamer Interessen, Zwecke oder Rücksichtnahmen zu ermitteln.
Der am meisten unterdrückte Teil der menschlichen Gesellschaft, die Armen und die indigenen Völker, müssen umfassend an dieser ökosozialistischen Revolution teilnehmen, um ökologisch nachhaltige Traditionen zu revitalisieren und denen eine Stimme zu geben, die das kapitalistische System nicht hören kann. Weil die Völker des Südens und die Armen die ersten Opfer der kapitalistischen Zerstörung sind, werden ihre Kämpfe und Forderungen dabei helfen, die Konturen der in der Entstehung begriffenen ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Gesellschaft zu bestimmen.
Wieder stecken gute Absichten und Bedenkenswertes unter einem Haufen grober Vereinfachungen und Verallgemeinerungen. Was sind “die Völker des Südens” und “ihre Kämpfe”? Systeme können im Allgemeinen nicht hören. Höchstens können bestimmte (z.B. kapitalistische) Bedingungen des Verhaltens (Verhältnisse) die Entwicklung mitmenschlicher Wahrnehmungen bzw. Nichtwahrnehmungen bestimmen. Und bevor man “die Armen und die indigenen Völker” zur ökosozialistischen Weltrevolution bittet, wäre vielleicht die – oft feindlichen – Widersprüche zwischen “Armen” und “indigenen Traditionen” zur Kenntnis zu nehmen und zu erörtern, wie ökosozialistische Perspektiven im Globalen helfen können, die Zerstörung der im Lokalen (traditionell) gemeineigentümlich lebender Gemeinden zu stoppen.
“Solch ein Prozess kann nicht ohne eine revolutionäre Transformation der sozialen und politischen Strukturen beginnen, basierend auf der aktiven Unterstützung eines ökosozialistischen Programms durch die Mehrheit der Bevölkerung. Der Kampf der Arbeitswelt – ArbeiterInnen, Bauern und Bäuerinnen, Landlose und Arbeitslose – für soziale Gerechtigkeit ist untrennbar verbunden mit dem Kampf für Umweltgerechtigkeit. Der Kapitalismus, sozial wie ökologisch ausbeuterisch und umweltverschmutzend, ist der Feind der Natur und der arbeitenden Menschen.”
(Die Hervorhebung ist von mir). Das bedeutet allerdings eine Vertröstung aufs ökosozialistische Jenseits. Dem liegt das reale Dilemma zugrunde, dass sich Bedürfnisse nach (oder der Mut zur) Transformation des Weltwirtschaftens deren einer privateigentümlichen, monetär vermittelte Grundlage hin zu einem Weltwirtschaften auf Basis eines bewussten Miteinanders) nicht ohne unmittelbare Erfolge (oder zumindest unmittelbar Erfolg versprechender) sozialer Bewegungen bzw. politischer Initiativen nicht in einem hinreichenden Maß entwickeln können. Das aber funktioniert eben nicht auf rein “antikapitalistischer” Grundlage. Andererseits verhindert das Weltwirtschaften auf kapitalistischer Basis eben auch die adäquate Wahrnehmung gemeinsamer Verantwortung für die großen “Menschheitsprobleme”.
“Der Ökosozialismus schlägt radikale Transformationen vor:
1. Transformation des Energiesystems mittels Ersetzen von fossilen und Biotreibstoffen durch saubere Energiequellen unter Kontrolle der Gemeinden: Wind-, geothermische, Wellen- und vor allem Sonnenenergie;
2. Transformationen des Transportsystems durch die drastische Reduzierung der privaten Nutzung von Lastwagen und Pkws und Ersetzen derselben durch ein kostenfreies und effizientes öffentliches Transportsystem;
3. Transformationen der derzeitigen Art der Produktion, Konsumtion und Konstruktion, die auf Verschwendung, eingebaute Alterung, Wettbewerb und Verschmutzung beruht, durch Produktion von ausschließlich nachhaltigen und recyclebaren Gütern und durch Entwicklung einer „grünen“ Architektur;
4. Transformationen im Bereich der Nahrungsmittelproduktion und –verteilung, indem man, soweit als möglich, für lokale Nahrungsmittelselbstversorgung eintritt, durch die Beseitigung der umweltverschmutzenden Agrarindustrie, durch die Schaffung nachhaltiger Agrarökosysteme sowie die aktive Wiederherstellung fruchtbaren Bodens.
Fang mal mit dem letzten Punkt an. Also zu 4.)
a) Gute Absichten und tatsächliche soziale Prozesse sollten besser auseinanderhalten werden. Eine Transformation geschieht nicht dadurch, dass sich wer für irgend etwas einsetzt. Man mag das korintenkackerisch finden, aber ich denke, dass ein Manifest doch ein Mindestmaß an Sorgfalt bedarf, wenn sich daran wirklich etwas (etwas Relevantes) festmachen soll.
b) Lokale Lebensmittelselbstversorgung (gemeint ist sicher, es wird in einer Region verzehrt, das auch in der Region produziert wird) kann zumindest teilweise, (auch) eine Option sein zum Beispiel im Rahmen regionaler Entwicklungspläne, wo das Wirtschaften mit neue kulturellen Begegnungsqualitäten kombiniert werden. Aber es wäre ökologisch bzw. sozial (z.B. unter Gesichtspunkten der Treibhausgasenmissionen, aber auch in Hinsicht auf die Entwicklung solidarischer Welthandelsstrukturen) nicht unebdingt von Vorteil. Hier geht die ideologische Setzung vor einer Überpüfung der Rationalität der Konstruktion dieser oder ener “Wirtschaftskreisläufe” zu rangieren.
c) “Agroninstrie beseitigen” ist schnell daher gesagt oder dahin geschrieben. Abgesehen von der Frage, ob der Versuch wirklich vernünftig wäre, alles “Industrielle” aus der Landwirtschaft zu verbannen, (sicher nicht), sind doch die Schwierigkeiten und Hemmnisse einer solchen Transformation, (ich sage mal: in Richtung einer sozial und ökologisch korekten Lebensmittelversorgung) die Fragen, was sie einleiten und was sie verstätigen könnte, ein wenig sehr elegant umschifft.
Zu 3.)
“Transformationen der derzeitigen Art der Produktion, Konsumtion und Konstruktion, die auf Verschwendung, eingebaute Alterung, Wettbewerb und Verschmutzung beruht, durch Produktion von ausschließlich nachhaltigen und recyclebaren Gütern und durch Entwicklung einer „grünen“ Architektur;
a) Kapitalimus “beruht” nicht auf die aufgezählten Erscheinungen, diese beruhen vielmehr umgekehrt auf “die derzeitige Art der [Bestimmung bzw. Vermittlung von] Produktion, Konsumtion und Konstruktion“.
b) Semantische Reproduktion der Verdinglichung: Im Sinne eines ökohumanitisch korekten Miteinanders wünschenswerte Güter können nicht selbst nachhaltig sein, höchstens können deren Eigenschaften (oder auch Mengen) Anspüchen auf eine nachhaltige Reproduktion der Güter genügen.
c) die Auswahl des zu Tuenden scheint mir etwas willkürlich gewählt
2. Transformationen des Transportsystems durch die drastische Reduzierung der privaten Nutzung von Lastwagen und Pkws und Ersetzen derselben durch ein kostenfreies und effizientes öffentliches Transportsystem;
Schön und gut,
allerdings ist ein noch so effizient funktionierendes öffentliches Transportsystem keineswegs kostenfrei. Eine solche Vorstellung bzw. Persektive zeigt, wie schwer es ist, im Denken auch der eigenen Verwachsenheit mit den kapitalistischen (Re-)Produktionsverhältnissen zu entkommen, die eben eine recht (privat-)eigentümliche (Konsumenten-)Wahrnehmung sozialer “Kosten” bedingen.
Es bedeutet eine große, aber auch äußerst interessante Herausforderung, sich “ökosozialistische” Anreize vorzustellen, die für eine umweltpolitische Optimierung der Transportsysteme und zugleich für vertretbare Kosten ihrer Entwicklung und Nutzung sorgen – ohne das dies wiederum auf Kosten der Sicherheit oder der Arbeitsbedingungen bzw. sozialen Lage der mit Herstellung und Betrieb der Transportsysteme Beschäftigten ginge. Und diese Herausforderung durch Vereinfachungen kleiner zu denken, ist m.E. nicht nachhaltig.
1. Transformation des Energiesystems mittels Ersetzen von fossilen und Biotreibstoffen durch saubere Energiequellen unter Kontrolle der Gemeinden: Wind-, geothermische, Wellen- und vor allem Sonnenenergie;
a) Auch hier gilt, dass “Ersetzen” schnell gesagt ist. Die spannende Frage ist natürlich, wie das hinzubekommen ist, ohne dass dies grad bei denen blankes Entsetzen hervorruft, deren Begehren dies alles nur möglich machen kann.
b) Nicht nachvollziehbar ist in meinen Augen eine Beschränkung der Eigentumsoptionen auf Gemeinden. Allein die Netzpolitik verlangt nach anderen, eben auch überregionl tickenden
Zum Schluss heißt es:
Die Umweltzerstörung wird nicht in Konferenzsälen und Vertragsverhandlungen gestoppt werden: Nur massenhafte Aktion wird das erreichen. ArbeiterInnen in der Stadt und auf dem Land, die Völker des Südens und die indigenen Völker überall stehen in diesem Kampf gegen ökologische und soziale Ungerechtigkeit in der vordersten Front, …
Nein, dieses Manifest kann ich so leider nicht unterschreiben. Allein diese Entgegensetzung von “Konferenzsälen” und “massenhaften Aktionen” erweckt den Eindruck, als ginge es den eherenwerten Autoren vor allem ums Schinden eines martialischen Eindrucks. Das mag verständlich sein, lenkt von dem, was inhaltlich-programmatisch noch zu leisten ist, aber nur ab. Sie ist ebenso unsinnig wie die Beförderung “der Völker des Südens” zum ökosozialistischen Revolutionssubjekt. Und was “die indigenen Völker” angeht, sollte eine Manifestation ökosozialistischer Perspektiven der Globalisierung meines Erachtens mehr leisten, als sie in die Aufzählung kämpfender Subjekte aufzunehmen.
Die Verteidigung lokaler, auf die Integrität der unmittelbaren Umwelt existenziell angewiesenen, indigenen Gemeinschaftskulturen gehören nach ganz oben auf die ökosozialistische Prioitätenliste. Auch wenn das statt “massenhafte Aktionen” ersteinmal nur bedeuten könnte, Dinge we das “Klimabündnis europäischer Städte mit den Völkern des Regenwaldes“ zur Kenntnis zu nehmen.
hhh
Forum Umwelt & Entwicklung
Harald Schumann, Christiane Grefe Der globale Countdown Finanzcrash, Wirtschaftskollaps, Klimawandel. Wege aus der Weltkrise.
welt agrar bericht
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